ZKH 2016; 60(04): 198-199
DOI: 10.1055/s-0042-119291
Kongressbericht
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Seminarbericht

Deutliche Erhöhung der Verschreibungssicherheit mit dem Symptomenlexikon nach Hahnemann, Teil IV: Zweitverschreibung und Geistes- und Gemütskrankheiten
Anton Rohrer
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Publication Date:
11 July 2017 (online)

Erlangen, 16. – 17.01.2016, mit Michael Kohl

Während es in den ersten 3 Teilen dieser Seminarreihe darum geht, warum ein Symptomenlexikon nützlich ist und wie man es erfolgreich handhabt (siehe Seminarberichte ZKH 2 /2010 und 1 /2014), stehen hier im 4. Teil das weite Feld der Zweitverschreibung, die richtige Dosisfindung und die Therapie der Geistes- und Gemütskrankheiten mit dem Symptomenlexikon im Mittelpunkt.

Michael Kohl behandelt chronische Krankheiten mit Q-Potenzen und Akutkrankheiten mit C-Potenzen (meist C 200). Im Prinzip sind 4 Reaktionsmöglichkeiten auf die fortlaufende Gabe der Arznei in Q-Potenz möglich:

  1. Eine umfängliche Besserung.

  2. Eine Verschlimmerung der vorhandenen Beschwerden, wobei unbedingt zwischen Erst- und Spätverschlimmerung und Überempfindlichkeitsreaktionen unterschieden werden muss! Michael Kohl zeigt hier anhand eines übersichtlichen Seminarskripts, wie man jeweils zweckmäßig darauf reagiert: Die Spätverschlimmerung ist die Reaktion auf das richtige Mittel, und es darf deshalb keinesfalls gewechselt werden, sondern es braucht nur ausgesetzt zu werden. Bei Stagnation der fortschreitenden Besserung ist die Potenz zu erhöhen.

  3. Neue Symptome treten während der Behandlung auf: Diese neuen Symptome können innerhalb des Wirkungskreises der gegebenen Arznei liegen; dann muss die Arzneidosis verringert werden, denn der Patient macht eine unfreiwillige Arzneiprüfung. Liegen dagegen die neu aufgetretenen Symptome außerhalb des Wirkungskreises der gegebenen Arznei, ist das ein Hinweis auf das nächste Mittel. Der Referent zeigt, wie erst durch die Verwendung des Symptomenlexikons der „Wirkungskreis“ einer Arznei mit einer bis jetzt nicht bekannten Genauigkeit bestimmt werden kann. Die übrig gebliebenen Symptome der Krankheit und die neu aufgetretenen Symptome bilden eine neue Totalität, mit der das Folgemittel bestimmt wird.

  4. Keine Reaktion auf das Mittel: Wenn man sich der Verschreibung sicher ist, dann soll man die Tropfenzahl des Mittels langsam steigern, bis Reaktion eintritt.

Ausführlich widmet sich Herr Kohl den möglichen Problemen, die während einer chronischen Behandlung auftreten können, wenn zwar das Simile gefunden wurde, aber spezielle Reaktionen des Patienten eine individuelle Dosierung erfordern. Der Referent erläutert, wie man auf eine Exazerbation einer chronischen Krankheit reagiert, wie man die Dosis bei überempfindlichen Patienten anpasst, wie man auf pathologische Gewebsveränderungen bzw. sehr hartnäckige Fälle eingeht, wie man anfallsartige Leiden wie einen Migräne- oder Asthmaanfall oder einen akuten Rheumaschub durch Dosisveränderung in den Griff bekommt. Wie man z. B. die Dosis anpasst, wenn der Patient in eine Situation kommt, in der sein vorgeschädigtes Organ besonders strapaziert wird, z. B. wenn ein Kniearthrotiker eine geplante Wanderung durchführen möchte, etc.

Zu all diesen Fällen hat Michael Kohl in den letzten Jahren umfangreiche Studien in seiner Praxis betrieben und daraus ein fein ausgeklügeltes Konzept der Dosologie entwickelt. Die Ausführungen bestechen durch eine überzeugende Logik der Darstellung.

Den zweiten Teil des Seminars macht die Besprechung der homöopathischen Behandlung der Geistes- und Gemütskrankheiten aus. In Abgrenzung zu Kents Arzneimittelbildern oder zu Konstitutionstypen wird klar dargelegt, dass es bei Hahnemann immer um einen veränderten Gemütszustand geht (§§ 212, 213 Anmerkung), und der Inhalt der Organon-Paragraphen 210 bis 230 wird besprochen. In Bezug auf das Symptomenlexikon wird die Bedeutung von Rubriken erklärt, wie Niedergeschlagenheit, Lustlosigkeit, Verdrießlichkeit, Zerstreutheit, Stumpfsinn, Phantasieren etc. Diese großen Rubriken können in Zeichenkombinationen verwendet werden, viele Gemütszustände sind aber meist Einzelzeichen. Bei Gemütskrankheiten ist es wichtig, in der Anamnese die körperlichen Begleitsymptome, zum Beispiel der Angst, zu erfassen. Welche Beschwerden löst die Angst aus? Hier gibt der Referent wertvolle Hinweise zur Anamnesetechnik, er widmet der Psychoanamnese und der Fallanalyse breiten Raum und zeigt anhand beeindruckender Kasuistiken, dass auch die Behandlung von Geistes- und Gemütskrankheiten mit dem Symptomenlexikon überzeugend möglich ist.

Anhand von Kasuistiken erfolgreich behandelter Fälle von Depression oder Angststörungen kann die Anwendung des Symptomenlexikons bei diesen Krankheitsbildern auch intensiv praktisch geübt werden. Hier zeigt sich eindrucksvoll – wie auch in den Seminaren zuvor – , wie ein Großteil der Seminarteilnehmer bei den eigenständigen Übungen an den Fallbeispielen zu den gleichen Arzneivorschlägen kommt. Das ist nun wirklich erstaunlich, denn wo gibt es sonst Seminare, bei denen die Teilnehmer in Einzelarbeit auf dieselben Simile-Lösungsvorschläge kommen? Normalerweise erlebt man es gerade umgekehrt, dass bei 30 Teilnehmern auch 30 verschiedene Ansichten über das richtige Mittel vorgetragen werden. Das ist hier das Beeindruckende, wie Homöopathen, die zu Beginn der Seminarreihe aus den verschiedensten Schulen und Strömungen der Homöopathie kommen, innerhalb von bloß 4 Wochenendseminaren zu einer solch sicheren Anwendung des Symptomenlexikons gelangen. Das zeigt, wie gut die „Symptomenlexikon-Methode“ lehr- und lernbar ist.

Dieser vierteilige Seminarzyklus bietet ein gutes Fundament nicht nur für das theoretische Verständnis der Homöopathie Hahnemanns, sondern vermittelt auch gleichzeitig die praktischen Grundlagen, um mit dem Symptomenlexikon erfolgreich arbeiten zu können. Informationen zu weiteren Seminaren finden Sie unter: www.michael-kohl.com.