ZKH 2016; 60(04): 163
DOI: 10.1055/s-0042-122209
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Grundursachen und Familienmuster

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Publication Date:
11 July 2017 (online)

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Isabelle Mansuy, Ordentliche Professorin für molekulare und kognitive Neurowissenschaften, Brain Research Institute Universität Zürich (Doppelprofessur mit der ETH Zürich), krempelt gerade die gesamte Psychologie und Pädagogik um: Dass Kinder in ihrem Verhalten so werden wie ihre Eltern, soll nicht länger ein Produkt von Erziehung und Vorbild sein, sondern ist schlicht ererbt. Natürlich wird bestimmtes Verhalten durch soziale Interaktion vererbt. Aber nicht ausschließlich. Traumatisierungen etwa unterminieren nicht nur das Selbstwertgefühl, das Gehirn und den Stoffwechsel, sie beeinflussen auch die Keimzellen:

Mäusebabys wurden von ihren Müttern getrennt, die Mütter derweil in enge Röhren und in kaltes Wasser gesetzt. Das war für alle ein Trauma. Das führte dazu, dass die kleinen Mäuse sich gestört verhielten: depressiv wirkten, keinen freundlich-interessierten Kontakt mehr mit Artgenossen aufnahmen, keine gesunde Angst in neuer Umgebung zeigten und auch nicht um ihr Leben kämpften. Vielmehr waren sie desinteressiert, teilnahmslos und gingen unnötige Risiken ein.

So weit, so vorhersehbar.

Aber jetzt wird‘s brisant: Die Nachkommen dieser verhaltensgestörten Mäuse waren genauso verhaltensgestört – auch wenn sie niemals Kontakt zu ihren leiblichen traumatisierten Eltern hatten. Die Schockerfahrung hatte offensichtlich Einfluss auf die Keimzellen genommen. An männlichen Mäusen, die sich nie an der Aufzucht beteiligen, wird das besonders deutlich. Eine traumatisierte männliche Maus hatte niemals Kontakt zu ihren Jungen, aber die Jungen waren trotzdem gestört – sogar die dritte, die Enkelgeneration.

Dieses „Familienmuster“ ist epigenetisch zu erklären. Der extreme Stress verändert das Methylierungsprofil bestimmter Gene. Also nicht die Gene selbst, sondern, vereinfacht gesagt, das „Drumherum“. Die Gene werden fehlerhaft abgelesen. Und das wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Erinnert das nicht irgendwie an Hahnemanns Miasmentheorie, wo krankmachende Elemente als „Grundursache“ über Generationen weitervererbt werden können?

Mit diesen „Grundursachen“, mit der Ätiologie von Krankheiten befasst sich dieses Heft.

Jutta Gnaiger-Rathmanner gibt in ihrem Artikel einen Überblick über den Ätiologiebegriff und seine Entwicklung in der Homöopathie. In einem zweiten Beitrag – Ätiologie und ihre Bedeutung heute – geht sie insbesondere auf psychische Ursachen und das Psychotrauma ein.

Eine Übersetzung von Pierre Schmidts „Über die Aetiologiesymptome“ belegt die Aussage von Frau Gnaiger, das Schmidt der Ätiologie oberste Priorität einräumte.

Christian Lucae gibt mit der Behandlung eines Wurmbefalles mit Cina ein schönes Beispiel für die Bedeutung der Ätiologie.

In einer ausführlichen Anmerkung zum Artikel von I. Sommers Artikel in der ZKH 2016 über David Didier Roth verdeutlicht Klaus Scheiman-Burkhardt den Kern von Roths Kritik an Hahnemanns Arzneimittellehren durch ausführliche Zitate.

Ramanlal P. Patel regt in „Die Symptomengesamtheit und anatomische Ursachen von Krankheit“ zum Umdenken in gewissen Fällen durch heutige technische diagnostische und therapeutische Möglichkeiten an, und Hans Zwemke zeigt in einer Kasuistik den Kurativen Effekt von Bryonia alba bei chronischer Diarrhöe mit Fruktoseintoleranz.

Und es sei abschließend doch noch mitgeteilt, dass laut Mansuy der Prozess der epigenetischen Weitervererbung von Traumata umkehrbar ist. Die molekularen „Anlagerungen“ können in entsprechend positiver Umgebung auch wieder abgebaut werden. Das bedeutet, Mäuse sind zufrieden, wenn sie genug zu fressen haben, Gesellschaft, Anreize zur Beschäftigung, wie etwa ein Laufrad. Das ist eine gute Mäuseumgebung, die sie normal gedeihen lässt. Das heilt Familientraumata allerdings noch nicht. Eine normal gute Umgebung ist in dem Fall nicht gut genug. Dafür muss es ein „Mäuseparadies“ sein. Eine doppelt so schöne Umgebung. Dann wird die Stressaltlast kompensiert.

Ich wünsche in guter Umgebung eine angenehme Lektüre und einen schönen Jahresabschluss!

Peter Minder