Suchttherapie 2022; 23(S 01): S35
DOI: 10.1055/s-0042-1756039
Abstracts
S25: E-Mental-Health bei Internetnutzungsstörungen

4 Wochen, 8 Sitzungen: Therapeutische Ansätze zur Gestaltung eines beziehungsorientierten und motivierenden Online-Beratungssettings für Betroffene einer Internetnutzungsstörung

B Geisler
1   Psychosomatische Klinik Kloster Dießen, Dießen am Ammersee
,
B te Wildt
1   Psychosomatische Klinik Kloster Dießen, Dießen am Ammersee
,
L Bottel
2   Ruhr-Universität Bochum, Bochum
,
M Pape
2   Ruhr-Universität Bochum, Bochum
,
K Wölfling
3   Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Mainz
,
P Henningsen
4   Technische Universität München, München
,
N Timmesfeld
2   Ruhr-Universität Bochum, Bochum
,
A Neumann
5   Universität Duisburg Essen, Essen
,
R Beckers
6   ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH, Hagen
,
S Herpertz
2   Ruhr-Universität Bochum, Bochum
,
J Dieris-Hirche
2   Ruhr-Universität Bochum, Bochum
› Institutsangaben
 

Einleitung Betroffenen einer Internetnutzungsstörung dort Hilfe anzubieten, wo sie sich die meiste Zeit aufhalten – im Internet – stellt ein besonders niedrigschwelliges Versorgungsangebot dar. Doch bringen Onlinesettings spezielle Herausforderungen mit sich. Berater:in und Klient:in sind nur virtuell verbunden. Kommunikationsebenen fehlen, das Setting könnte weniger verbindlich wirken, technische Gegebenheiten die Bild- und Tonqualität beeinflussen. Wie sollten Online-Beratungen für Betroffene einer Internetnutzungsstörung also therapeutisch gestaltet sein, um trotz des "Remote-Settings" Teilnehmende im Prozess zu halten und zu einer Veränderung zu motivieren?

Material und Methodik Im Projekt OMPRIS (Onlinebasiertes Motivationsprogramm zur Reduktion des problematischen Medienkonsums und Stärkung der Veränderungsmotivation bei Computerspielabhängigkeit und Internetsucht) der LWL-Klinik Bochum wurde Betroffenen einer Internetnutzungsstörungen webbasierte psychologische Beratung angeboten. Ein Prozess dauerte vier Wochen mit zwei Sitzungen pro Woche und folgte einem Behandlungsplan, der von den Beratenden prozessorientiert abgewandelt werden konnte.

Ergebnisse Wichtig war, das Onlinesetting im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Offenheit zu gestalten: Verbindlichkeit erfolgte durch einen strukturierte Rahmen des Behandlungsprogramms und eine klar geführte Sitzungsgestaltung, gerahmt von ritualisierten Einstiegen und Abschlüssen. Andererseits waren Offenheit und Prozessorientierung zentral. Was brauchen die Klient:innen in diesem Moment? Wie gelingt es den Beratenden, die therapeutische Beziehung so zu gestalten, dass Klient:innen sich mit Lust auf neue Selbsterkenntnisse wieder einloggen? So wird die Veränderung ist zu einer echten Alternative zur problematischen Internetnutzung.

Zusammenfassung Die Niedrigschwelligkeit als Chance des Onlinesettings ist auch seine Herausforderung. Denn genauso niedrigschwellig ist auch der Ausstieg. Viele Betroffene einer Internetnutzungsstörung sind es gewohnt, online in Beziehung zu gehen, diese aber auch mit einem Klick wieder abzubrechen. Ein webbasiertes Setting sollte daher im Zweifel Beziehungsorientierung und Motivation in den Vordergrund stellen. Die Erfahrungen im OMPRIS-Projekt haben gezeigt, dass ein erfolgreicher therapeutischer Prozess dabei weniger von „Online versus Offline“ abhängt, sondern davon, wie es den Beratenden gelingt, innerhalb kürzester Zeit (!) im Rahmen der technischen Gegebenheiten eine tragfähige Beziehung herzustellen.



Publikationsverlauf

Artikel online veröffentlicht:
30. August 2022

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