Zeitschrift für Sexualforschung 2017; 30(01): 1-6
DOI: 10.1055/s-0043-101453
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Sexualität im Digitalzeitalter

Nicola Döring
a  Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft, Technische Universität Ilmenau
› Author Affiliations
Further Information

Publication History

Publication Date:
22 March 2017 (online)

Wir leben – das ist uns allen bewusst – im Computer- und Internet-Zeitalter: Nahezu jeder Haushalt in Deutschland verfügt heute über mehrere internetfähige Personal Computer und Smartphones, das zeigen die jährlichen bevölkerungsrepräsentativen Mediennutzungsstudien (z. B. ARD-ZDF-Online-Studie; JIM-Studie). Internetfähige Computer und Smartphones werden für unterschiedliche Zwecke eingesetzt und nicht selten auch sexualbezogen genutzt: Das Spektrum sexualbezogener Internetnutzung (kurz: Internetsex) reicht von Online-Sexualaufklärung über Online-Pornografie bis zu Online-Dating und Online-Sexshops. Diese und andere Erscheinungsformen sexualbezogener Internet-Nutzung sind in der sexualmedizinischen, sexualtherapeutischen und sexualpädagogischen Praxis längst als Themen angekommen.

So stehen beispielsweise die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ebenso wie pro familia vor der Herausforderung, ihre Sexualaufklärung und Sexualberatung zeitgemäß auch im Internet und in Sozialen Medien anzubieten. In der schulischen wie außerschulischen Sexual- und Medienpädagogik sieht man sich vor die Aufgabe gestellt, Jugendliche kompetent und gendersensibel in ihrem Umgang mit Internet-Pornografie zu begleiten. Weiterhin müssen Schulen Handlungskonzepte entwickeln, um angemessen zu reagieren, wenn einzelne Schülerinnen und Schüler durch die unethische und rechtswidrige Weitergabe intimer Fotos per Smartphone gemobbt werden. Der Umgang mit illegaler Internet-Pornografie ist immer wieder Gegenstand der Therapie mit Sexualstraftätern sowie von Menschen mit pädophilen Neigungen. In der Paar- und Sexualtherapie kann unter anderem Cyberuntreue zu bearbeiten sein. Kurzum: Es sind heute kaum sexualbezogene Praxisfelder mehr denkbar, in denen nicht auch Internet-Effekte eine Rolle spielen.

Die vielfältigen Effekte des Internetsex sind natürlich auch Gegenstand der sexualwissenschaftlichen Forschung: Zur Beteiligung am Internetsex und zum Einfluss des Internet auf unsere Sexualitäten wurde in den letzten Dekaden national und international umfassend publiziert (zusammenfassend Döring 2009, 2012b). Das schlägt sich auch in den Publikationsorganen der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfS) nieder: In der Zeitschrift für Sexualforschung finden sich diverse Artikel rund um Internetsex (z. B. Lewandowski 2003: Internetpornografie; Döring und Eichenberg 2006: sexuelle Selbstdarstellung im Internet; Eichenberg 2007: Online-Sexualberatung; Dekker 2009: Cybersex; Döring 2012a: Sexting; Döring 2014: Prostitution im Internet) sowie das Schwerpunktheft zu Jugend und Internet-Pornografie (Heft 4/2011: Matthiesen 2011). Ebenso widmen sich einzelne Bände in der DGfS-Buchreihe Beiträge zur Sexualforschung dem Internetsex (z. B. Becker et al. 2009: Sex, Lügen und Internet; Merk 2014: Cybersex).

Internetsex ist dabei nicht nur als Ergebnis der medientechnischen Entwicklung zu sehen (z. B. Digitalisierung, Virtualisierung, Technisierung unserer Sexualitäten). Vielmehr steht der sexualbezogene Umgang mit modernen Informations- und Kommunikationstechniken im Digitalzeitalter immer auch im Kontext anderer gesellschaftlicher Trends wie z. B. Individualisierung, Globalisierung, Liberalisierung und Kommerzialisierung. So führt beispielsweise die Globalisierung durch die Zunahme geografischer Mobilität zu Veränderungen in den sexuellen Verhältnissen (Mai und King 2009), etwa zu steigendem Bedarf an Online-Dating (Kontaktsuche an wechselnden Arbeitsorten), an Cybersex (Kontaktpflege in Fernbeziehungen) und an medial und technisch angereicherter Solosexualität (in Single-Phasen und bei räumlicher Trennung von Paaren). Das Konzept der Mediatisierung ist ein Versuch, die wechselseitige Durchdringung diverser kultureller und medientechnischer Veränderungen konzeptuell zu fassen und empirisch untersuchbar zu machen (Krotz 2001). Im Feld des Sexuellen fehlt es bislang an soziologischen Analysen dazu, wie verschiedene Veränderungstrends miteinander und mit dem medien- und informationstechnischen Wandel im Digitalzeitalter verzahnt sind.

Dabei schreiten sowohl die genannten gesellschaftlichen Veränderungen als auch der technische Wandel weiter voran. So wird in jüngster Zeit immer häufiger der Übergang vom Internet-Zeitalter in das Roboter-Zeitalter proklamiert. In einer wachsenden Zahl von Privathaushalten werden bereits heute einfache Serviceroboter genutzt, die z. B. autonom den Fußboden wischen oder den Rasen mähen. Der Personal Robot, der analog dem Personal Computer eine Vielzahl an Aufgaben übernimmt, ist auf dem Vormarsch. Zahlreiche Forschungsprojekte erproben national und international momentan, ob und wie persönliche Assistenzroboter es älteren Menschen und Personen mit Behinderung ermöglichen können, ein unabhängiges Leben im eigenen Haushalt zu führen. Wenn der Assistenzroboter zur Gesunderhaltung beiträgt, indem er die Flüssigkeitszufuhr älterer Menschen überwacht, zum Trinken motiviert und Getränke anreicht, ist es dann nicht folgerichtig, dass er sich – auf Wunsch der Nutzerin oder des Nutzers – auch um die sexuelle Gesundheit kümmert?

Ein Roboter könnte bei temporärer oder dauerhafter Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit zum Beispiel bei der Solosexualität helfen, indem er das gewünschte Sexspielzeug anreicht und positioniert. Ein Dienst, um den man die Pflegekraft bislang eher nicht bitten mag, da Sexualassistenz in der Pflege eine ungeklärte Herausforderung ist (van der Vight-Klußmann 2014). Neben assistiven sexuellen Funktionen können Roboter auch einfach zur Abwechslung bei der Solo- und Partnersexualität beitragen, vielleicht sogar sexualtherapeutische und sexualpädagogische Maßnahmen unterstützen. Dass nach der Popularisierung des Internetsexes nun ein Boom des Robotersexes auf uns zukommt, wird in der Fachliteratur inzwischen vielfach prognostiziert. Und auch in der öffentlichen Debatte ist der Sexroboter jetzt angekommen. Verhandelt wird er, wie jede technische Innovation, nicht selten sehr polarisiert: Utopischen Glücksversprechen gesteigerter Lust stehen dystopische Unheilsvisionen wachsender Entmenschlichung und Verrohung gegenüber. 

Das vorliegende Schwerpunktheft zu „Sexualität im Digitalzeitalter“ möchte in dem unübersichtlichen und dynamischen Feld des digitalen Technosex Orientierung bieten und zukünftige Forschung anregen. Dazu haben wir drei Beiträge zusammengestellt. Eingeleitet wird das Heft mit einer Zusammenfassung des Forschungsstandes von Online-Dating (Aretz et al. 2016: 7): Was wissen wir bislang über internetgestützte Partnersuche und Dating? Welche Dienste und Mobile Apps stehen zur Verfügung? Und wie verläuft die Online-Suche nach Sexualpartnerinnen und Sexualpartnern? Gerade weil sexualbezogene Internet-Phänomene wie Online-Dating sehr weit verbreitet sind, ist wissenschaftliche Forschungssynthese so wichtig. Andernfalls laufen wir Gefahr, unsere Einschätzung auf leicht verfügbare anekdotische Beispiele aus dem eigenen Berufs- oder Privatleben oder auf mehr oder minder beliebig ausgewählte Einzelstudien zu stützen und kein ausgewogenes Gesamtbild vor Augen zu haben.

Der zweite Beitrag widmet sich dem Robotersex (Döring 2016: 35). Wie sehen Sexroboter aus, und wer entscheidet das? Von wem werden sie aus welchen Gründen wie genutzt? Welche negativen und positiven Folgen hat sexualbezogene Roboternutzung? Gerade weil Robotersex heute noch wie Science Fiction klingt, ist eine systematische theorie- und empiriebasierte sexualwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema wichtig. Andernfalls laufen wir Gefahr, auf Robotersex vor allem emotional zu reagieren und uns vorschnell auf Meinungen festzulegen.

Der dritte Beitrag schließlich widmet sich dem Pornografiemarkt im Internet (Joos 2016: 58). Wer vertreibt die Pornografie im Internet? Warum ist sie so oft kostenlos? Worin unterscheidet sich der Online-Pornografiemarkt vom sonstigen Online-Handel? Gerade weil Internet-Pornografie aus der Perspektive der Nutzung heute Allgemeingut ist, darf die Perspektive von Produktion und Vermarktung in der sexualwissenschaftlichen Forschung nicht fehlen. Andernfalls laufen wir Gefahr, Mythen über den Pornomarkt – seine Größe, seine Akteure, seine Funktionsweise – zu glauben und unreflektiert weiterzutragen. Dabei besteht die besondere Herausforderung darin, dass im Unterschied zu anderen Unterhaltungsindustrien die Pornografiebranche überhaupt nicht organisiert ist und es somit keinerlei offizielle Brancheninformationen gibt. Während beispielsweise die Musikbranche über den Bundesverband Musikindustrie jährlich detaillierte offizielle Marktstatistiken veröffentlicht (www.musikindustrie.de/publikationen-uebersicht/), fehlen diese in der Pornografiebranche gänzlich. In der wissenschaftlichen Pornografie-Fachliteratur findet man keinerlei valide Daten zum nationalen oder internationalen Pornografiemarkt. Der Beitrag kann diese große Forschungslücke natürlich nicht schließen, gibt aber aus Insider-Perspektive einige konkrete Hinweise zur Abschätzung von realistischen Größenordnungen im Online-Pornografiemarkt.

Mit den Themen Internet-Pornografiemarkt, Online-Dating und Robotersex arbeitet das Schwerpunktheft wichtige Aspekte von Sexualität im Digitalzeitalter auf. Dennoch bleiben viele aktuelle Themenkomplexe unberücksichtigt. Einige Beispiele seien herausgegriffen: Wir wissen aus der Forschung zu Internetsex, dass das Internet sehr wichtig für das Empowerment sexueller und geschlechtlicher Minoritäten (z. B. LGBTIQ-Community, Trans*-Community) ist. So geht beispielsweise auch die in jüngster Zeit zunehmende Anerkennung von Asexualität als nicht-pathologische sexuelle Identität wesentlich auf Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit der Szene im Internet zurück (z. B. www.asexuality.org). Doch diesen Empowerment-Potenzialen stehen Disempowerment-Risiken gegenüber: Online-Hass, Internet-Belästigung und Cybermobbing sind Formen der Online-Aggression, die in Praxis und Forschung aktuell verstärkt thematisiert werden und von denen sexuelle Minoritäten möglicherweise besonders stark betroffen sind. Hier geht es sexualwissenschaftlich nicht nur um die Erforschung ebendieser Risiken, sondern auch um die theorie- und empiriegestützte Konzeption und Evaluation wirkungsvoller Gegenmaßnahmen.

Der Trend zur Medikalisierung von Sexualität schlägt sich online nieder: So sind beispielsweise Kampagnen für und gegen Flibanserin, die neue „Lustpille für die Frau“, im Internet präsent (siehe Flibanserin-Debatte in Heft 2/2016: Döring 2016). Interessierte können sich anhand diverser Online-Informationen für oder gegen die Einnahme von luststeigernden Mitteln entscheiden und diese bei Bedarf in Online-Shops oder Internet-Apotheken bestellen. Ob sie dann echte oder gefälschte Präparate erhalten, bleibt offen. Welche Nahrungsergänzungsmittel und verschreibungsfreien sowie verschreibungspflichtigen Medikamente im Internet zur Steigerung der sexuellen Lust und Funktionsfähigkeit beworben und vermarktet werden, von wem sie aus welchen Gründen bestellt werden, das sind offene Forschungsfragen rund um Online-Sexualaufklärung und Online-Handel mit sexuellen Produkten.

Nachdem in Deutschland gerade das in Fachkreisen und unter Betroffenen hochgradig umstrittene neue Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) verabschiedet wurde, sollte man sich rechtzeitig daranmachen, die Folgen zu dokumentieren und zu evaluieren. Indikatoren werden sich offline wie online messen lassen, da die Organisation von Prostitution zunehmend auch über das Internet stattfindet (Döring 2014).

Noch ein letztes techniknahes Forschungsfeld sei angesprochen: Fitness- und Life-Tracker sind im Alltag angekommen, immer mehr Menschen messen mit entsprechenden Armbändern und Smartphone-Apps ihre Schlafdauer, ihre Kalorienaufnahme, ihre Schrittzahl. Auch für sexuelle Aktivität, für Zyklusphasen und Fruchtbarkeit gibt es digitale Devices. Wie ist die digitale Selbstvermessung von Sexualität und Fruchtbarkeit zu verorten – zwischen fragwürdigen Zwängen zur Selbstoptimierung einerseits und gesundheitsbezogenem Empowerment andererseits (Lupton 2015)?

Abschließend bleibt nur festzuhalten, dass Digitaltechnik in Form von Computer, Internet, Smartphone und Roboter in unseren Sexualitäten eine wichtige Rolle spielt und weiterhin spielen wird. Dabei ist es wichtig, vorschnelle Vereindeutigung zu vermeiden: Der Einfluss der Technik ist meist weder pauschal positiv, noch pauschal negativ, sondern ambivalent. Auch ist er stets mit anderen Faktoren wie übergreifenden gesellschaftlichen Entwicklungen (z. B. Individualisierung, Globalisierung, Kommerzialisierung), aber auch mit Merkmalen der individuellen Lebenslage und Subjektposition (z. B. Gesundheitszustand, Beziehungsform, sexuelle Identität, Geschlechtsidentität) verknüpft. Der Technikeinfluss im Feld des Sexuellen sollte also weder vernachlässigt noch verabsolutiert werden.

Das vorliegende Schwerpunktheft zu Sexualität im Digitalzeitalter enthält zudem einen Beitrag zum aktuellen Stand der Überarbeitung der ICD-10 zur ICD-11 hinsichtlich sexueller Störungen (Brunner et al.: 74). Dieser Beitrag ist verbunden mit der Einladung an Fachleute, sich an den diesbezüglichen Feldstudien zu beteiligen. Hierzu ist anzumerken, dass letztlich auch in den fachlichen Debatten zur Überarbeitung der ICD das Digitalzeitalter eine Rolle spielt: Insbesondere dauert die Kontroverse darüber an, ob die exzessive Beschäftigung mit (Online-)Sex oder mit (Online-)Games eigene Störungsbilder im Sinne einer Impulskontrollstörung (compulsive sexual behavior disorder, compulsive internet use, compulsive [internet] gaming) oder einer Verhaltenssucht (sex addiction, internet addiction, game addiction) darstellen oder nicht (vgl. Grant et al. 2014).

Im Jahr 2017 feiert die Zeitschrift für Sexualforschung ihr 30-jähriges Jubiläum. Wenn wir zurückblicken, so zeigen sich zahlreiche Kontinuitäten in den Forschungsthemen: Schon in den allerersten Heften der Zeitschrift ging es etwa um die Gefährlichkeit von Pornografie, die Medikalisierung von Sexualität, um transsexuelle Symptomatik und um Geschlechtseffekte in der sexuellen Gewalt. Kaum eine Rolle spielten dagegen beispielsweise Fragen rund um Migration, Religion und Kulturvergleich, Fragen zu Konzepten der Sexualpädagogik oder zur Verbreitung und Nutzung von Sexspielzeugen. In Heft 1/1988 fragte Volkmar Sigusch programmatisch „Was heißt kritische Sexualwissenschaft?“ – diese Frage wird er in Heft 4/2017 wieder aufgreifen.

Mit Blick auf die kommenden 30 Jahre wird es vor allem auch darum gehen, den internationalen State of the Art der Sexualforschung in der Zeitschrift abzubilden. Die Literaturdatenbank PubMed verzeichnete 1988 insgesamt rund 2.000 Fachartikel unter dem Stichwort „Sexuality“, in den letzten Dekaden hat sich die Zahl auf knapp 6.000 Artikel pro Jahr erhöht. Niemand kann diese Flut von Einzelbeiträgen bewältigen. Wir müssen kritisch hinterfragen, was wirklich durch ausreichende Replikationen zum gesicherten Wissensstand der Sexualwissenschaft gehört, und wo wir grundlegende Wissenslücken haben. Wir brauchen mehr Anstrengungen im Bereich Forschungssynthese in Form regelmäßiger systematischer Reviews und Metaanalysen. Wir müssen uns fragen, was „Big Data“ für die Sexualforschung forschungspraktisch und forschungsethisch bedeutet.

Nicht nur methodisch gilt es Schritt zu halten, auch die zeitgenössischen Debatten rund um Sexualität sind inhaltlich aufzugreifen und kritisch zu begleiten. Sexuelle Fragen sind bekanntlich hochgradig emotional besetzt. Angesichts eines Zeitgeistes, der gerade zunehmend „postfaktisch“ ausgerichtet ist, sind verstärkte Anstrengungen notwendig, um sexualwissenschaftliche Erkenntnisse von bloßen Meinungen und Vorurteilen abzusetzen. Die Zeitschrift für Sexualforschung lädt alle Interessierten herzlich ein, sich am weiteren sexualwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn zu beteiligen und eigene Forschungs- oder Debattenbeiträge sowie Ideen zu Schwerpunktheften einzureichen.