Orthopädie und Unfallchirurgie up2date 2017; 12(04): 411-440
DOI: 10.1055/s-0043-103228
Pädiatrische Orthopädie und Unfallchirurgie
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Aktuelle orthopädische Diagnostik und Therapie bei Kindern mit Zerebralparese

Leonhard Döderlein
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Publication Date:
03 August 2017 (online)

Zerebralparesen bedürfen einer Menge an unterschiedlichen Behandlungen und Interventionen durch eine Vielzahl von Berufsgruppen sowohl während der Wachstumsperiode als auch danach im Erwachsenenalter. Da die Zeit des Wachstums und der Entwicklung von einer besonders starken Dynamik in den Auswirkungen auf den Bewegungsapparat gekennzeichnet ist, soll der Schwerpunkt der Übersicht auf dieser Periode liegen.

Kernaussagen
  • Die Behandlung des Patienten mit infantiler Zerebralparese repräsentiert immer eine Langzeitaufgabe. Dies wird bisher vielfach zu wenig beachtet, da sich nahezu ausschließlich die Kinderorthopädie mit dem Patientenklientel der Zerebralparese beschäftigte.

  • Ein neuer Fokus dürfte auf der frühkindlichen aktivierenden Mobilisationsbehandlung liegen, die neben den günstigen Effekten auf die motorische Entwicklung auch die Muskelstruktur positiv beeinflussen soll. Die Bereitstellung adäquater Präventionsprogramme wird die Entstehung von Kontrakturen und Deformitäten und die Behandlungskosten verringern.

  • Die Versorgung der lebenslang behinderten Jugendlichen und Erwachsenen, auf die mit der Zeit stärkere und auch neue Probleme zukommen, erfolgt fast durchwegs ohne spezialisierte Kollegen. Mit einer Änderung der Sozialgesetzgebung ist zwar geplant, neue Zentren für Erwachsene mit Behinderung (ZEMB) zu etablieren, die ähnlich den sozialpädiatrischen Einrichtungen (SPZ) für Kinder organisiert werden sollen.

  • Eine flächendeckende Versorgung mit Spezialteams kann aber bisher kaum angeboten werden, da die Spezialisierung in diesem schwierigen und aufwendigen Patientengut ein bisher ungelöstes Problem bleibt.

  • Der Facharzt für rehabilitative Medizin hat nur dann, wenn er auch über kinderorthopädische Kenntnisse verfügt, einen adäquaten Zugang. Zumindest auf dem Gebiet der Neuroorthopädie gibt es zu wenig interessierte und kaum speziell weitergebildete Ärzte und Therapeuten, um eine solche Herausforderung zu meistern. Deshalb werden auch hier in Zukunft die Kinderorthopäden gebraucht, um die Brücke zwischen konservativer und operativer Disziplin zu schlagen.

  • Die höhere Lebenserwartung dieser Patienten, die sie dank besserer sozialer Versorgung genießen, muss auch mit einer entsprechend kompetenten medizinischen Betreuung kombiniert werden, um die Lebensqualität und die Lebenserwartung in sinnvoller Weise einander anzunähern.