Dtsch med Wochenschr 2017; 142(17): e116-e123
DOI: 10.1055/s-0043-103340
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Häufigkeit und Zeitpunkt von Entscheidungen gegen intensivmedizinische Maßnahmen und tumorspezifische Therapien in einer universitären Hämatologie und Onkologie

Frequency and Timing of Decisions to Limit Intensive Medical Care and Tumor-Specific Therapy in University Hematology and Oncology
Katja Mehlis
1  Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg, Medizinische Onkologie, Universitätsklinikum Heidelberg, Schwerpunkt „Ethik und Patientenorientierung in der Onkologie“
,
Christina Becker
2  Klinikum der Universität München-Großhadern, Medizinische Klinik und Poliklinik III
,
Carola Christ
2  Klinikum der Universität München-Großhadern, Medizinische Klinik und Poliklinik III
,
Katsiaryna Laryionava
1  Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg, Medizinische Onkologie, Universitätsklinikum Heidelberg, Schwerpunkt „Ethik und Patientenorientierung in der Onkologie“
,
Wolfgang Hiddemann
2  Klinikum der Universität München-Großhadern, Medizinische Klinik und Poliklinik III
,
Pia Heußner
2  Klinikum der Universität München-Großhadern, Medizinische Klinik und Poliklinik III
,
Eva Caroline Winkler
1  Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg, Medizinische Onkologie, Universitätsklinikum Heidelberg, Schwerpunkt „Ethik und Patientenorientierung in der Onkologie“
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Publication Date:
29 August 2017 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund und Fragestellung Entscheidungen zur Therapiebegrenzung (TBE) sind wichtig, um Übertherapie am Lebensende zu verhindern. Sie werden jedoch nicht immer vorher mit dem Patienten besprochen oder ausreichend dokumentiert. Im Rahmen einer Studie zur Verbesserung von TBE bei Patienten mit fortgeschrittener hämatologischer/onkologischer Erkrankung wurde untersucht, wie häufig TBE einem Todesfall vorausgehen und wie frühzeitig diese festgelegt werden.

Methodik In die Querschnittsstudie wurden 567 stationäre Patienten mit fortgeschrittenen hämatologischen/ onkologischen Neoplasien an der Medizinischen Klinik und Poliklinik III am LMU-Klinikum München eingeschlossen. Mithilfe eines standardisierten Erfassungsbogens wurde dokumentiert, ob und welche Entscheidungen zur Therapiebegrenzung festgelegt waren und bis zum Tod umgesetzt wurden.

Ergebnisse Bei 26 % (n = 147) der 567 Patienten wurde eine TBE festgelegt. Meist waren diese TBE von Beginn an schriftlich dokumentiert (90 %; n = 132), 20 % (n = 30) wurden im Verlauf geändert. Der Anteil der Verstorbenen mit TBE betrug 82 % (n = 62 von 76 Verstorbenen). Die Erstfestlegung einer TBE erfolgte auf Normalstation im Median 6 Tage vor dem Tod der Patienten, auf der Palliativstation im Median 10,5 Tage vor dem Tod. Im Vergleich zu den hämatologischen Patienten wurde bei jenen mit onkologischen Erkrankungen häufiger eine TBE festgelegt (64 vs. 36 %) und die Entscheidung wurde etwas früher getroffen (7 vs. 5 Tage vor dem Tod).

Folgerung Die Ergebnisse zeigen, dass TBE heute dem Tod vieler hämatologisch-onkologischer Patienten vorausgehen, jedoch in der Regel erst in der letzten Lebenswoche erfolgen. Dies birgt die Gefahr, dass die Zeit bis zum Tod für Gespräche mit allen Beteiligten nicht ausreicht. Diese Ergebnisse sind in eine Ethikleitlinie zur Therapiebegrenzung für stationäre Patienten mit einer fortgeschrittenen hämatologischen/ onkologischen Erkrankung eingeflossen, die eine vorausschauende Behandlungsplanung unterstützen soll.

Abstract

Background Decisions to limit treatment (DLT) are important in order to prevent overtreatment at the end of life. However, they are not always discussed with the patient in advance or sufficiently documented. In a study to improve DLT in patients with an advanced hematological/ oncological disease we examined how often DLT precede deaths and how early they are determined.

Methods In a period of 6 months, 567 patients with advanced hematological/ oncological neoplasias had been recruited for the cross-sectional study at the University hospital in Munich. Using a standardized registration form an embedded researcher documented which DLT were determined for the patients and which of them were implemented until death.

Results For 26 % (n = 147) of the 567 patients a DLT was determined. These DLT were mostly documented in writing from the beginning on (90 %; n = 132), 20 % (n = 30) were modified. The proportion of deceased patients with DLT was 82 % (n = 62 of 76 deceased). The median time between the initial determination of a DLT and the patient’s death was 6 days at normal ward and 10.5 days at palliative ward. Compared to hematological patients, DLT were more frequently diagnosed in patients with an oncological disease (64 vs. 36 %) and the decisions were made slightly earlier (7 vs. 5 days before death).

Conclusion Our results show that DLT precede the death of many patients with a hematological/ oncological disease, but usually are made in the last week of life. This leads to the risk that the remaining few days to death are not sufficient for discussions with all parties involved and the planning of the end of life. These findings resulted in the development of an ethics policy for treatment limitation in cancer patients, which should support the concept of advance care planning. The project is funded by the German Cancer Aid.