Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2017; 52(10): 727-736
DOI: 10.1055/s-0043-104921
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Geburtshilfliche Anästhesie: Altbewährtes, Kontroversen und neue Perspektiven – Teil 1

Update in Obstetric Anesthesia: Tried and Trusted Methods, Controversies and New Perspectives – Part 1Peter Kranke, Thorsten Annecke, Dorothee H. Bremerich, Daniel Chappell, Thierry Girard, Wiebke Gogarten, Robert Hanß, Lutz Kaufner, Sophie Neuhaus, Tobias Ninke, Thomas Standl, Stefan Weber, Yvonne Jelting, Thomas Volk
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Publication Date:
19 October 2017 (online)

Zusammenfassung

In der „Whatʼs New in Obstetric Anesthesia“ Lecture, die jedem an der anästhesiologischen Kreißsaalversorgung Interessierten in abgedruckter Form sehr ans Herz gelegt werden kann, werden seit 1975 durch die Society for Obstetric Anesthesia and Perinatology die im Rahmen des Annual Meeting als relevant für die klinische Versorgung erachteten Vorträge zusammengefasst. Nach dem Tode von Gerard W. Ostheimer, Professor of Anesthesiology im Brigham and Womenʼs Hospital in Boston, Massachusetts, wurde sie zur Gerard W. Ostheimer „Whatʼs New in Obstetric Anesthesia“ Lecture umbenannt, um dessen Beiträge zur Regionalanästhesie und geburtshilflichen Anästhesie zu würdigen. Jedes Jahr gewährt die von ausgewählten Fachvertretern gehaltene Veranstaltung und ihr Abdruck in namhaften Anästhesie-Journalen Einblick in eine kritische Würdigung rezenter Literatur und die möglichen Konsequenzen für – aber nicht nur – die anästhesiologische Kreißsaalpraxis.

Eine ähnliche Veranstaltung hat in Deutschland seit über 16 Jahren Tradition: Das Geburtshilfliche Anästhesiesymposium des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Regionalanästhesie und Geburtshilfliche Anästhesie. Anders als in den von Einzelpersonen gehaltenen Vortragsveranstaltungen werden „Evergreens“ oder „Hot Topics“ der anästhesiologischen Kreißsaalversorgung in regelmäßigem Zyklus oder aus aktuellem Anlass aufgegriffen, präsentiert und vor allem diskutiert. In den Vortragsveranstaltungen offenbart sich oft wesentlich früher als in traditionellen Lehrbuchkapiteln der subtile Wandel in Hinblick auf die diskutierten Themen.

Der 2-teilige Beitrag fasst das Symposium 2016 zusammen, stellt jedoch keine offizielle Meinungsbekundung seitens des Arbeitskreises dar. Teil 1 geht auf mütterliche Todesursachen während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit sowie strukturelle Voraussetzungen im Kreißsaal, Adipositas in der Schwangerschaft und Sepsis bei der Schwangeren und im Wochenbett ein. Teil 2 behandelt etablierte Standards und neue Perspektiven im Rahmen der geburtshilflichen Analgesie und Anästhesie bezüglich Epiduralanalgesie, postpunktionellem Kopfschmerz, Anästhesie und Analgesie während und nach Sectio, hämodynamischem Monitoring und postpartaler Blutung.

Auf dem geburtshilflichen Anästhesiesymposium des Wissenschaftlichen Arbeitskreises Regionalanästhesie und Geburtshilfliche Anästhesie der DGAI werden jedes Jahr „Evergreens“ und „Hot Topics“ der anästhesiologischen Kreißsaalversorgung diskutiert. Diese 2-teilige Übersichtsarbeit fasst die Vorträge des Symposiums 2016 zusammen. Im ersten Teil wird auf Risiken der geburtshilflichen Analgesie und Anästhesie eingegangen.

Abstract

Since 1975, a plethora of lectures within the context of annual meetings relevant for the clinical care has been summarized in “whatʼs new in obstetric anesthesia” by the Society for Obstetric Anesthesia and Perinatology which can be recommended to everyone interested in anaesthesiology in the delivery room. After the death of Gerard W. Ostheimer, Professor of Anaesthesiology at Brigham and Womenʼs Hospital in Boston, Massachusetts, it became renamed the Gerard W. Ostheimer “whatʼs new in obstetric anesthesia” lecture to honor his contributions to regional anesthesia and obstetric anaesthesia. Each year the event held by selected professional representatives and their imprint in leading anesthesia journals give insight into a critical appraisal of recent literature and the possible consequences for – but not only – the anaesthetic delivery room practice.

A similar event has been established in Germany for more than 16 years: the obstetrical anesthesia symposium of the academic working group “regional anesthesia and obstetrical anesthesia” [1], [2].

“Evergreens” or “hot topics” with regard to anaesthesiological delivery room practice are presented and discussed regularly. The lectures often reveal the subtle change of the issues being debated much earlier than traditional textbook chapters do. This manuscript summarizes important findings from the last symposium held in 2016. Part I focuses on relevant causes for maternal morbidity and mortality as well as preventive measures, pregnancy in obese patients and sepsis in obstetric anaesthesia. Part II addresses established standards and new perspectives in the direct obstetric setting regarding epidural analgesia, post-dural puncture headache, anaesthesia and analgesia during and after caesarean section, haemodynamic monitoring during cesarean section and postpartum haemorrhage.

Kernaussagen
  • Das Risiko, im Rahmen einer geburtshilflichen Allgemeinanästhesie zu sterben, ist in „westlichen Ländern“ zwar rückläufig, dagegen hat sich die Anzahl tödlicher Komplikationen im Rahmen einer geburtshilflichen Regionalanästhesie in den letzten Jahren verdoppelt.

  • Subdurales Hämatom und Sinusvenenthrombose sind wichtige Differenzialdiagnosen bei prolongiertem postpunktionellem Kopfschmerz bzw. nicht adäquatem Ansprechen auf eine Therapie.

  • Jeder geburtshilflich tätige Anästhesist sollte sich mit dem schwangerschaftsspezifischen Vorgehen, peripartal und auch im Wochenbett, vertraut machen. Simulationsübungen helfen gerade bei eher seltenen Szenarien, ein Problembewusstsein zu schaffen und Handlungsabläufe zu schulen.

  • Das Monitoring von Patientinnen nach geburtshilflichen Eingriffen muss dem nichtgeburtshilflicher Patienten entsprechen. „Modified Early Obstetric Warning Scores“ (MEOWS) können hierbei zur Anwendung kommen.

  • Im Rahmen der Regionalanästhesie sind aktuelle Hygienestandards strikt einzuhalten und Postpunktionskontrollen durchzuführen.

  • Die interdisziplinäre Kommunikation und Zusammenarbeit sind essenziell und weiterhin verbesserungswürdig. Eine effizientere Teamkommunikation kann im Crisis-Resource-Management-Training erlernt werden. Für Risikopatientinnen sollte bereits im Schwangerschaftsverlauf ein interdisziplinärer Geburtsplan erarbeitet werden.

  • Wenn Mindestanforderungen an Qualitätsstandards in einer Geburtsstation nicht mehr erfüllt werden können, ist ihre Schließung zu erwägen.

  • Für die Verbesserung der Strukturqualität in den Kreißsälen stellen Initiativen wie GerOSS (German Obstetric Surveillance System), aktuelle Leitlinien, geburtshilfliche Frühwarnsysteme und interdisziplinäre Handlungsalgorithmen wichtige Neuerungen dar.

  • Adipositas in der Schwangerschaft ist mit erhöhten Gesundheitsrisiken für Patientin und ungeborenes Kind verbunden. Enge Absprache mit den gynäkologischen Kollegen, frühzeitige Planung der Entbindung und präkonzeptionelle Gewichtsreduktion können die Risiken reduzieren.

  • Eine Sepsis ist bei Schwangeren ein relevanter Mortalitäts- und Morbiditätsfaktor. Frühzeitige Diagnose und schnelle Therapie sind ausschlaggebend für den Behandlungserfolg.