osteopathisch Zeitschrift für Osteopathen 2017; 01(02): 108
DOI: 10.1055/s-0043-113677
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Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Rezensionen: Lehrbuch Osteopathische Medizin

Contributor(s): Johanna Slipek-Ragnitz
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Publication Date:
11 August 2017 (online)

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Knapp 900 Seiten schwer und mit Spannung erwartet kommt zu Beginn dieses Jahres das Lehrbuch Osteopathische Medizin von Johannes Mayer und Clive Standen auf den Markt. Glücklicherweise wird beim Lesen die sorgenvolle Erwartung eines weiteren Werks mit jeder Menge an parietalen, viszeralen und kraniosakralen Dysfunktionen und bebilderten Behandlungstechniken enttäuscht. Stattdessen fügen darin 63 Autoren ihre Texte zu diesem Gesamtwerk zusammen. Die Liste ihrer Namen liest sich wie das „Who Is Who“ der weltweiten zeitgenössischen Osteopathie. Umfang und Textfülle des Buches passen weniger zum landläufigen Verständnis eines Lehrbuchs als vielmehr zum anspruchsvollen Titel „Osteopathische Medizin“.

Der Einstieg in dieses Werk beginnt angenehm kurzweilig und reichlich belegt mit der Geschichte und Philosophie der Osteopathie und ihrem Weg in Amerika und Europa bis ins weltweite Heute. Wissenschaftliche, politische und kulturelle Hintergründe werden dabei nicht ausgespart. Die großen Namen der Osteopathie lassen allerdings William Garner Sutherland vermissen, der in den einführenden Kapiteln leider keine Erwähnung findet.

Fortgeführt wird das Lehrbuch im zweiten Abschnitt unter der großen Überschrift der wissenschaftlichen Basis der Osteopathie. Dabei nehmen sich die Autoren der Embryologie und Neuroanatomie, der Histologie, der Funktion und der Bedeutung der Faszien an. Die Beiträge zur Mechanotransduktion und die Darstellungen der kinetischen Embryologie nach Blechschmidt sind sehr gelungen. Auch die Kapitel zu Achtsamkeit, Emotionen, Empathie, Sozialkompetenz und zur anthropo-ökologischen Sichtweise in der Osteopathie sind sehr lesenswert.

Im dritten Teil des Buches findet die osteopathische Forschung unter anderem mit der Erläuterung statistischer Prinzipen und qualitativ-quantitativer Methoden Beachtung – ein kompakter Einstieg in die Welt der Datenerfassung, -aufbereitung und -auswertung. Der praktischen Umsetzung der osteopathischen Behandlung, Anamnese, Untersuchung und Diagnose nähert man sich im vierten Teil des Buches. Flussdiagramme verdeutlichen Ablauf und Interpretation einer Screening-Untersuchung. Die Red und Yellow Flags werden mit dargestellt, was grundlegendes medizinisches Wissen voraussetzt. Herausragend in diesem Abschnitt sind die beiden Abhandlungen zur Palpation.

Die großen Teile V und VI des Lehrbuches arbeiten sich von Kopf bis Fuß und von Pädiatrie bis Geriatrie durch das osteopathische Wissen und Können. Dass dem immer der schulmedizinische und fachärztliche Blick bei Seite gestellt wird, macht diese Kapitel besonders wertvoll und effektiv. Zusätzlich hervorgehoben seien an dieser Stelle die Abhandlungen zu den Respirationsstörungen, ebenso wie das Kapitel zum Bauchschmerz. Neben den internistischen Aspekten und Differentialdiagnosen werden auch die psychoemotionalen einbezogen. Die Spezialdisziplinen werden durch mehrere Kapitel ergänzt, welche die Osteopathie in Beziehung zu Psychologie, Rheumatologie, Neurologie und Sportmedizin setzen.

Das Lehrbuch Osteopathische Medizin findet sowohl als Nachschlage- als auch Grundsatzwerk in der Bibliothek eines jeden Osteopathen seinen Platz. Trotz seines Umfangs bietet es eine klare Struktur und Gliederung, hilft Wissen und Können anzureichern und Erkenntnisse und Erfahrungen zu integrieren. Zusätzlich zu all seinen präzisen und sehr grundsätzlichen Darstellungen zeigt es ganz nebenbei auf, dass Linearität nicht der Grundsatz im Umgang, im Verstehen und Behandeln von Dysfunktionen und Erkrankungen des Menschen sein kann.

Fazit:

Das Buch tut der osteopathischen Medizin an sich, ihren jungen wie erfahrenen Vertretern und ihrem Ansehen in anderen medizinischen Fachkreisen sehr gut.