Z Sex-Forsch 2017; 30(03): 248-266
DOI: 10.1055/s-0043-117323
Originalarbeiten
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Kontrollfiktionen der Prostitution.
Das Prostituiertenschutzgesetz im historischen Kontext

Control-Fictions of Prostitution.
The German Prostitute Protection Act in a Historical Context
Andreas Ziemann, a
  • aFachbereich Medienwissenschaft, Bauhaus-Universität Weimar
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Publication Date:
05 October 2017 (online)

Zusammenfassung

Der Aufsatz befragt das neue Prostituiertenschutzgesetz auf seine (latenten) kultur- und ideengeschichtlichen Hintergründe und vergleicht die dort ausgeführte außerstrafrechtliche Regulierung der Prostitution mit moralischen, politischen und juristischen Positionen aus dem 15. sowie 19. Jahrhundert. Dazu werden, diskursanalytisch inspiriert, Originalquellen und einschlägige Sprecherpositionen erschlossen, hermeneutisch ausgelegt und gesellschaftstheoretisch auf ihre jeweilige Vorstellung und Programmatik von Ordnung und Funktion hin beobachtet. Ganz wesentlich erscheint die Prostitutionsfrage – Kann man Prostitution wollen, oder muss man sie verbieten? Welche Formen können geduldet und welche sollen legalisiert werden? – von Anfang an als untergeordnete zur Frage der sozialen Ordnung. Dem steht der historische Befund zur Seite, dass das prominente Narrativ stabil zu bleiben scheint, wonach staatlich kontrollierte und medizinisch überwachte kasernierte Prostitution das geringere Übel sei gegenüber heimlicher, ortloser und vagierender Prostitution. So wurde das Bordell zu einer gesellschaftlichen Institution. Und so bleibt es ein paradigmatischer Ort der Kontrollfiktion und zugleich ein Komplementärort und Schutzschild der Institution der Ehe respektive des (idealisierten) bürgerlichen Lebens. Neuartig ist hingegen die gesetzgeberische Initiative, den Prostituierten selbst Schutz und Selbstbestimmung zukommen zu lassen – allerdings unter der Bedingung kontrollierter Zwangsmechanismen.

Abstract

The article examines the new Prostitute Protection Act against its (latent) cultural and ideological background and compares the non-criminal regulation of prostitution with moral, political and legal positions from the fifteenth and nineteenth centuries. The question of prostitution appears to be of fundamental importance as an issue subordinate to the social order. This is supported by the historical evidence that the prominent narrative, according to which state-controlled and medically supervised embedded prostitution is the lesser evil compared to the secret, spaceless and vagabond one, seems to remain stable. Thus the brothel became a social institution. And thus it remains a paradigmatic place of control-fictions. At the same time it also remains a complementary place and protective shield for the institution of marriage, as well as for (idealized) bourgeois life. What is new, however, is the legislative initiative to give the prostitutes themselves protection and self-determination – under conditions of controlled compulsory measures.