ZKH 2017; 61(03): 159-160
DOI: 10.1055/s-0043-117594
Leserbriefe
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Leserbrief

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Publication Date:
26 September 2017 (online)

Norbert Winter ist für den Artikel „Vereinigung der „Gegensätze“ sehr zu danken.

Das einseitig kausalanalytische, zu Fragmentation führende derzeitige wissenschaftliche Denken ist in der Wissenschaftsgeschichte relativ neu. Nach meinen Erfahrungen ist es nicht als Grundlage der homöopathischen Heilarbeit geeignet. Kausales Denken allein zwingt nicht nur die Homöopathie in einen zu engen Rahmen, es stellt sich auch die Frage, ob so das Auffinden einer heilsamen Arznei (zumindest bei chronischen Krankheiten) möglich ist. Mich verwundert nicht, dass Bönninghausen im Vorwort zu seinem Therapeutischen Taschenbuch 1846 auf Analogien und Kombinationen hinweist.

Es gibt eine Reihe von Fragen, über die wir Homöopathen großzügig hinwegschweigen, die aber von unseren Kritikern gegen uns gewendet werden und die nach meiner Ansicht auch nicht mit der derzeitig herrschenden naturwissenschaftlichen Methode zu beantworten sind:

Warum ist es möglich, manche Arzneien wie z. B. Bryonia erfolgreich zu wählen, obwohl die heute für die Potenzierung verwendeten Ausgangssubstanzen nicht mehr denen, auf denen unsere Materia medica beruht, entsprechen?

Es gibt ein Placebo-Problem!? Oder ist das nur eine naturwissenschaftliche Wahnidee? Ich habe bei unseren Arzneimittelprüfungen erlebt, dass Menschen, die nicht an der Prüfung teilnahmen, trotzdem Symptome der geprüften Arznei entwickelten.

Was ist mit den Patienten, denen ich eine Arznei verordnete, die aber aus irgendwelchen Gründen die Arznei nicht oder verspätet eingenommen haben und trotzdem Heilung oder Besserung ihres Gesundheitszustandes schon vor Einnahme der Arznei erfuhren?

Was ist mit den sogenannten Wasserpotenzen, bei denen lediglich der Name der Arznei aufgeschrieben, ein Glas Wasser darauf gestellt und das Wasser verkleppert wird? Ich wende gelegentlich diese Methode an, wenn Menschen mich anrufen und die Arznei nicht vorrätig „haben. Häufig funktioniert es befriedigend, wenn ich die Arznei auf diese Weise verordne.

Was ist mit dem Problem der Miasmen? Ich selbst „arbeite miasmatisch, und diese Arbeitsweise erhöht für mich die Sicherheit meiner Arzneimittelwahl beträchtlich, aber es gibt auch Kolleginnen und Kollegen, die betonen, dass eine solche Vorgehensweise für eine sichere Arzneimittelwahl nicht notwendig ist. Und weiter: Es gibt nahezu so viele Miasmensysteme, wie es homöopathische Schulen gibt. Welches System ist das richtige, oder ist diese Frage eigentlich Unsinn? Die Zuordnung der Arzneien zu den Miasmen differiert von System zu System, mal wird eine Arznei als sykotisch eingeordnet, dann vom nächsten Autor als syphilitisch usw. usf.

Überhaupt gibt es mittlerweile unglaublich viele Methoden der Arzneifindung. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich davon aus, dass die Kollegen, die die verschiedenen Systeme anwenden, erfolgreich therapieren, und denke darüber nach, was die Erklärung dieser Phänomene sein könnte.

Ich bin mir sicher, dass es keine klassisch naturwissenschaftliche, d. h. nur kausale Erklärung für die von mir benannten Probleme geben kann. Der Heilkünstler Hahnemann hat sich vehement gegen die Alchemie gewandt und das neoplatonische Weltbild abgelehnt. Die Homöopathie sollte eine rationale Heilkunst im Sinne der Aufklärung sein. Der Logenbruder Hahnemann muss ein Wissen besessen haben, dass aus Zeiten vor der Aufklärung stammte, und es gibt Hinweise darauf, dass er dieses Wissen stellenweise durch die „Hintertür“ in die homöopathische Therapie einführte.

Heute können wir uns das nicht mehr erlauben. Um der Homöopathie willen, aber auch weil die einseitige kausalanalytische Arroganz große Teile unserer gesellschaftlichen Organisation in die Krise geführt hat: Zum Beispiel in den Krankenhäusern, in denen das Problem der multiresistenten Keime kaum mehr zu beherrschen ist; in den letzten Tagen habe ich in der Zeitung gelesen, dass es wegen Resistenzbildung bald keine Arzneien mehr zur Behandlung der Gonorrhoe geben wird, und davon sind weltweit einige Millionen Menschen betroffen.

Wir Homöopathen müssen aufhören, der naturwissenschaftlichen Medizin beweisen zu wollen, dass unsere Wissenschaft nach ihren Kriterien funktioniert. Sonst wird die Homöopathie der Vergessenheit anheimfallen oder in einer nur noch verstümmelten Form überleben („evidenz based medicine“, Doppelblindversuche, wobei sich die Frage stellt, wer hier blind ist). Oder es kommt zu Absurditäten, wie dem Vertrag des DZVhÄ mit den Krankenkassen, nach dem 2 Jahre lang die homöopathische Behandlung bezahlt wird, es aber dann im 3. Jahr keine Bezahlung gibt – wobei der staunende Homöopath entscheiden darf, ob er für nichts arbeitet oder ein Jahr die Behandlung aussetzt.

Wolfgang Pauli und C. G. Jung können uns nicht nur als Wissenschaftler Vorbild sein. Sie haben ihre Thesen diskutiert und publiziert, ohne Rücksicht auf den wissenschaftlichen Mainstream. Dazu gehört Mut, und diesen Mut wünsche ich auch uns allen.

Wir dürfen nicht länger die oben genannten „vor„homöopathischen“ Denksysteme und Philosophien ausgrenzen. Analoges und sympathetisches Denken oder die Bilder- und Symbolsprache der Alchemie dürfen nicht länger als „vorwissenschaftlicher Aberglauben“ in den Untergrund gedrängt werden. Ich wünsche mir, dass das, was erhaltenswert und gut daran ist, in eine neue Wissenschaft integriert wird. In dieser müssen Intuition, analoges und sympathetisches Denken sowie die Symbolsprache der Träume und Archetypen neben dem kausalwissenschaftlichen Denken existieren dürfen. Wäre es möglich, dass die Quantenphysik die Grundlage dafür abgeben kann?

Ich verstehe zwar nicht so viel von der Quantenphysik, aber das, was ich weiß, lässt mich hoffen, dass es möglich ist. Auf jeden Fall ist es einen Versuch wert.

Als ich mich vor einigen Monaten aus verschiedenen Gründen noch einmal mit unserer Wissenschaftsgeschichte auseinandergesetzt habe, bin ich nicht bei Wolfgang Pauli, aber bei David Bohm gelandet, für mich ein Zeichen, dass eine zeitgemäße Wissenschaftstheorie ohne Berücksichtigung der Quantenphyik nicht möglich ist.

Dazu gehört, dass sich jeder, der daran interessiert ist, in die Thematik mit Hilfe von Literatur einarbeitet. Ebenso ist es aber auch notwendig, dass ein Diskussionsprozess zwischen den Menschen, die sich damit befassen, zustande kommt. Und dass die Ergebnisse dieser Diskussionen publiziert werden.

Hans-Lothar Michels