Z Phytother 2017; 38(04): 176-177
DOI: 10.1055/s-0043-117914
Forum
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

ZPT - Leserbrief

Günter Meng1
  • 1Mainz
Further Information

Publication History

Publication Date:
04 September 2017 (online)

Ich möchte vorausschicken, dass mir bekanntlich die wissenschaftliche Qualität der Zeitschrift für Phytotherapie sehr am Herzen liegt. Mit ihrer Ausrichtung auf die therapeutische Praxis der Therapie mit pflanzlichen Arzneimitteln stellt sie eine Besonderheit im „Blätterwald“ dar.

Daher gehe ich davon aus, dass die Herausgeber unter dem Begriff „Phytotherapie“, so wie ich, die therapeutische Anwendung von Phytopharmaka, also pflanzlichen Arzneimitteln, verstehen.

Unter diesem Blickwinkel ist der Beitrag von Blaga im jüngsten Heft zur Anwendung von z. B. über das Internet bezogener pflanzlicher Präparate bei der Psoriasis für die Phytotherapie wichtig. Denn was der Autor hier bemängelt ist: „Problematisch kann es werden, wenn pflanzliche Präparate im Internet gekauft werden. Verkäufer versprechen viel, ohne dass die Qualität ihrer ‚rein pflanzlichen Präparate‘ deutschen oder EU-Richtlinien entsprechen muss.“ Zurecht werden hier solche „pflanzliche Mittel“ gebrandmarkt, die nicht den rigorosen Qualitätsstandards entsprechen müssen, wie sie für pflanzliche Arzneimittel in Europa durchweg gelten. Allerdings ist der Titel „Phytotherapie – die trügerische Hoffnung der Patienten“ etwas missverständlich gewählt, weil er diesen speziellen Aspekt nicht erkennen lässt. Denn die Hoffnung der Patienten wird ja, wie der Autor richtig feststellt, nicht durch die Therapie mit hochwertigen pflanzlichen Arzneimitteln getrogen, sondern dadurch, dass Produkte auf dem Markt sind, bei denen weder arzneiliche Qualität noch arzneiliche Wirksamkeit und Sicherheit gesichert sind. Dies hätte auffallen können.

Zu solchen Produkten gehören ja definitionsgemäß auch Kosmetika und Nahrungsergänzungsmittel.

Ich möchte an dieser Stelle vollständigkeitshalber einschieben, dass es selbstverständlich auch in diesem Marktsektor honorige Unternehmen und hervorragende Produkte gibt. Es gibt aber auch andere, denn die Anforderungen unterscheiden sich grundsätzlich von denen, die für Arzneimittel gelten, was von Manchen ausgenutzt wird.

Ein Beispiel für die Beschäftigung mit Nicht-Arzneimitteln ist der zweite Beitrag, der meine Aufmerksamkeit angeregt hat. In dem Artikel von Staubach-Renz und Gilfert ist schon im Titel davon die Rede, dass hier „der Einfluss eines Nahrungsergänzungsmittels auf die chronische spontane Urtikaria und Neurodermitis“ untersucht werden sollte.

Berichtet wird eine Anwendungsbeobachtung. Und es gehört nun einmal zu den Eigenschaften von Beobachtungsstudien, wie Anwendungsbeobachtungen es sind, dass sie keinerlei kausale Rückschlüsse darauf ermöglichen, wodurch Veränderungen, die sich im Beobachtungsverlauf feststellen lassen, verursacht sein mögen (außer unter sehr speziellen Voraussetzungen, die aber in der Medizin typischerweise nicht gegeben sind). Dass es Patienten am Ende der Beobachtungszeit besser geht, kann ja z. B. mit dem spontanen Verlauf der Erkrankung zu tun haben oder damit, dass die Situation der Studie mit der damit verbundenen verstärkten Zuwendung durch medizinisches Fachpersonal sich positiv auswirkt oder z. B. auch damit, dass Lebensgewohnheiten auf ärztlichen Rat hin verändert werden.

Zu diesen Lebensgewohnheiten gehört natürlich auch die Ernährung und zur Ernährung gehören Nahrungsergänzungsmittel. Es ist also nicht auszuschließen, dass wie in der Publikation vorgeschlagen, die bei einzelnen Patienten prägnant feststellbaren Symptomenverbesserungen mit der im Verlauf der Studie geänderten Ernährung zu tun haben.

Die Studie ist aber per se nicht dazu geeignet, diese Zuschreibung eindeutig vornehmen zu können.

Genau dies aber tut der vorliegende Artikel. Und das hätte zu einer Ablehnung führen müssen, die schon wegen des nicht phytotherapeutischen Themas angezeigt gewesen wäre. Es sei übrigens angemerkt, dass die formale Gestaltung des Beitrags Publikation einer klinischen Prüfung durchaus nahe kommt, also sich auf hohem Qualitätsniveau bewegt.

Da diese meine Anmerkung ja sehr grundsätzlich ist, möchte ich nicht in weitere Details gehen außer vielleicht, dass das Prüfen von Hypothesen und die Aussage über „Signifikanzen“ bei einer Studie dieses Designs ein wenig bemüht erscheint und eher deskriptiven Charakter hat. Zumal wenn er als auf Wirkung des Nahrungsergänzungsmittels bezogen verstanden werden soll. Ich finde, dass es eine besondere Verantwortung von Autoren und Reviewern gibt, eine irreführende Nähe von Publikationen zu solchen über echte Wirksamkeitsstudien möglichst zu vermeiden. Aber dabei ist natürlich Vieles Geschmacksache.

Vielen Dank also an alle, die sich um eine hohe Qualität der Zeitschrift für Phytotherapie bemühen. Der zuletzt angesprochene Artikel ist in diesem Zusammenhang sicher ein Negativbeispiel und ich bitte in dieser Hinsicht um Optimierung.

Dr. Günter Meng, Mainz