Zeitschrift für Sexualforschung 2018; 31(01): 101-102
DOI: 10.1055/s-0044-101534
Dokumentation
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

50 Jahre empirische Sexualwissenschaft mit Gunter Schmidt – No Sentiments!

Peer Briken
a  Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
,
Silja Matthiesen
a  Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
› Author Affiliations
Further Information

Publication History

Publication Date:
23 March 2018 (online)

Einer der Gründerväter der „Zeitschrift für Sexualforschung“ – Gunter Schmidt – wurde dieser Tage 80 Jahre alt. Kein Grund, sentimental zu werden, selbstverständlich nicht! Aber: „Tatsachen sind keine ethischen Prinzipien, doch … ihre Existenz macht es schwer, an jeden Unsinn zu glauben“ (Comfort 1963, zit. nach [Giese und Schmidt 1968]: 11). Mit diesem Zitat begannen Hans Giese und Gunter Schmidt ihr 1968 veröffentlichtes Buch zur „Studenten-Sexualität“, das die empirische Wende in der Sexualwissenschaft in Deutschland einleitete und damit die „psychiatrische Sexuologie“ ([Giese und Schmidt 1968]: 11) ablöste.

Gunter Schmidt ist der Unterscheidung zwischen „Fakten und Fiktionen“ ([Schmidt und Matthiesen 2012]) mit der empirischen Sexualforschung mehr als 50 Jahre lang treu geblieben. Das ist länger als die meisten Beziehungen der „Flüchtige[n] Moderne“ ([Baumann 2003]) dauern. Die „Studenten-Sexualität“ verglich er mit der „Arbeitersexualität“ ([Schmidt und Sigusch 1971]), später kamen die „Jugendsexualität“ ([Sigusch und Schmidt 1973]; Schmidt 1993) und die spätmodernen Beziehungswelten ([Schmidt et al. 2006]) verschiedener Generationen dazu. Gunter Schmidt bezeichnet sich selbst als Sozialpsychologen und gab seine Kenntnisse an die empirischen Sozialwissenschaftler Silja Matthiesen und Arne Dekker weiter, die vor einigen Jahren die mittlerweile vierte von der DFG geförderte Untersuchung zur Studentensexualität durchführten und nun die Geschichte vom sexuellen Wandel weitererzählen ([Dekker und Matthiesen 2015]). Aktuell befindet sich der erste repräsentative Sex Survey in Deutschland in der Pilotphase ([Matthiesen et al. 2017]) – so wird die von Schmidt ins Leben gerufene Forschungstradition weitergeführt.

Was mit den Tatsachen getan wird, ist allerdings eine andere Frage. Eine, die in Bezug auf Sexualität immer auch eine politische ist. Für die großen alten Männer der deutschen Sexualforschung steht fest: „Sex tells. Sexualforschung als Gesellschaftskritik“ ([Ahmendt et al. 2011]). Gunter Schmidt ruft dabei zu Gelassenheit auf, warnt vor sexuellem Alarmismus und Risikoszenarien, versucht rational-aufklärerisch, oft auch fortschrittsoptimistisch zu denken und bildet damit einen gewissen Kontrapunkt zu seinem Freund Volkmar Sigusch. „Das neue Der Die Das. Über die Modernisierung des Sexuellen“ ([Schmidt 2014]) ist ein schmaler Band mit großem Bogen aus einem Guss – wohl die klarste Einführung in die Sexualwissenschaft, die wir gegenwärtig haben. Gelassen wendet sich Gunter Schmidt bis heute allen sexuellen Fragen und Patient_innengruppen zu.

Vonseiten der Herausgebenden der Zeitschrift für Sexualforschung wünschen wir ihm zum Geburtstag alles Gute. Vor Jahren erhielt er von der International Academy of Sex Research, deren Präsident er einmal war, ein Messingschild mit der Aufschrift „No Sentiments!“. Er mag keine sentimentalen Momente, Jubiläumsfeiern und Belobigungen. Aber so ist das mit den „Kinder[n] der sexuellen Revolution“ ([Schmidt 2000]): Die machen, was sie wollen. Herzlichen Glückwunsch, Gunter!