Zusammenfassung
Unter Prädegeneration versteht man die Durchtrennung eines Spendemervs
in situ für einen bestimmten Zeitraum vor der Entnahme, um den Ablauf
der Waller schen Degeneration abzuwarten. Am N. ischiadicus
der Ratte führt die Prädegeneration zu einer deutlich verbesserten
axonalen Regeneration. Es wird vermutet, daß die proliferierenden Schwann schen Zellen durch eine erhöhte Produktion
und Akkumulation trophischer Faktoren ursächlich an der besseren axonalen
Regeneration beteiligt sind. Das Ziel dieser Untersuchungen war es, den optimalen
Effekt der Prädegeneration auf die Proliferation von
Schwann schen Zellen über unterschiedliche Zeiträume zu determinieren
und den Einfluß der Prädegeneration auf die Produktion trophischer
Substanzen zu ermitteln.
Hierzu wurde der N. ischiadicus der Ratte distal seines Austritts aus dem
Wirbelkanal durchtrennt. Je nach Versuchsgruppe betrug die Dauer der Prädegeneration
einen, zwei, drei und vier Tage sowie eine, zwei und drei Wochen. Nach Ablauf
der Prädegeneration wurde der Nerv entnommen und für die Kultivierung
der Schwann schen Zellen aufgearbeitet. Die aus dem
nicht behandelten kontralateralen Nerv des Versuchstieres kultivierten Schwann schen Zellen dienten als Kontrollgruppe. Zur Charakterisierung
der Zellen wurden diese immunhistochemisch S100 gefärbt. Als trophischer
Faktor wurde der „nerve growth factor” (NGF) und als Zelladhäsionsmolekül
N-Cadherin bestimmt. Die Vitalität wurde durch die Fluoreszein-Fluoreszenz-Färbung
ermittelt, der Proliferationsindex durch die Inkorporation von BrdU in die
DNA.
Bei allen Zellen aus prädegenerierten Nerven ließ sich im Vergleich
zu den Kontrollnerven eine erhöhte Proliferation feststellen. Die Proliferationsrate
war abhängig von der Prädegenerationsdauer. Bereits nach Prädegeneration
von 24 Stunden und bis zu drei Wochen konnte eine erhöhte Zellanzahl
erzielt werden. Optimale Proliferation zeigte sich nach einer Prädegeneration
von einer Woche. NGF und N-Cadherin-Expression fanden sich bei allen S100-positiven
Zellen. Die Prädegeneration veränderte die Vitalität der Schwann schen Zellen nicht.
Ein möglicher Grund für die verbesserte axonale Regeneration
in prädegenerierten Nerventransplantaten kann die hier ermittelte hohe
mitotische Aktivität der prädegenerierten Schwann schen Zellen in Kombination mit einer früh einsetzenden Proliferation
sein. Die Expression von NGF und N-Cadherin in den prädegenerierten Zellkulturen
impliziert eine deutliche Plastizität der Schwann schen Zelle mit der Fähigkeit zur Dedifferenzierung und in deren
Folge mit einer verbesserten axonalen Regeneration. Weiterhin ist die Prädegeneration
peripherer Nerven eine äußerst effiziente Methode, ohne die Zugabe
zytotoxischer Substanzen in kurzer Zeit eine hohe Ausbeute aktiver
Schwann scher Zellen zu erzielen. Dies erscheint uns für die zukünftige
Therapie von Läsionen peripherer Nerven bedeutsam.
Abstract
Predegeneration of peripheral nerve grafts is known to improve axonal regeneration
in the sciatic nerve of the rat. Predegeneration involves sectioning the donor
nerve in situ for a period of time prior to harvesting in order to allow Wallerian degeneration to take place. It is suggested
that proliferating Schwann cells are responsible
for this regeneration-promoting effect due to an increased production and
accumulation of trophic factors. The aim of this study was to evaluate whether
the proliferation of Schwann cells is increased after
various predegeneration periods and whether predegeneration does affect the
production of trophic factors.
The rat's sciatic nerve was transsected distal to the spinal ganglion.
Predegeneration was allowed to take place for one, two, three and four days
and one, two and three weeks, respectively. The nerve was resected and prepared
for Schwann cell cultivation. Cells cultivated from
the contralateral untreated nerve served as control. S100 immunostaining,
nerve-growth factor (NGF), and N-cadherin were used to characterize
Schwann cells. Viability was assessed by fluoresceine fluorescence staining.
Proliferation index was determined by BrdU DNA incorporation.
Cultivation of cells harvested from predegenerated nerves indicated an
increased proliferation of Schwann cells compared
to the control. Proliferation effects depended on the period of predegeneration.
A higher cell yield was obtained as early as 24 hours and up to three weeks
after predegeneration. Optimal proliferation was seen after one week of predegeneration.
The rapid expansion of Schwann cell populations oppressed
the development of contaminating fibroblasts. NGF and N-cadherin were expressed
by all S100-positive cells. Predegeneration did not affect viability.
The determined high mitotic activity of predegenerated
Schwann cells in combination with an early onset of proliferation may
explain the regenerating-promoting effect of predegenerated nerve grafts.
The expression of both NGF and N-cadherin in the predegenerated cultures indicates
a high level of plasticity with dedifferentiation capacity, which in turn
promotes neural regeneration. Predegeneration allows a proliferation of Schwann cells without concomitant pharmacological treatment.
Thus, predegeneration of peripheral nerves is considered to be a highiy efficacious
method if a high yield of activated Schwann cells
is desired within a short period of time. This may become relevant in the
future of repair of peripheral nerve lesions, when autologous
Schwann cells with their capacity to provide neurotrophines and cell
adhesion molecules are used as cellular prostheses to bridge nerve gaps.
Schlüsselwörter
Periphere Nerven - Schwannsche Zellen - Zellkultur - Prädegeneration - Nerve-growth
factor (NGF) - N-Cadherin - BrdU-DNA-Inkorporation - Zellproliferation - erhöhte Zellausbeute
Key words
Peripheral nerves - Schwann cells - cell cultivation - predegeneration - nerve-growth
factor (NGF) - N-cadherin - BrdU-DNA incorporation - cell proliferation - increased
cell yield