Z Geburtshilfe Neonatol 2000; 204(4): 125-127
DOI: 10.1055/s-2000-11283
EDITORIAL

Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Die Schnittentbindung auf Wunsch der Schwangeren - permissive Geburtshilfe oder akzeptabel als selbstbestimmte Geburt?

J.  W. Dudenhausen1 , P. Rumler-Detzel2
  • 1 Klinik für Geburtsmedizin, Charité Campus Virchow-Klinikum, Humboldt Universität zu Berlin
  • 2 Vorsitzende Richterin am OLG a. D., Köln
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Publication Date:
31 December 2000 (online)

 

Viele Jahre machten sich die Geburtshelfer in der ganzen Welt Gedanken über die ansteigende Sektiorate in vielen Ländern. Viele Faktoren wurden dafür verantwortlich gemacht: medizinische, präventive, haftungsrechtliche, juristische, psychologische, soziale und ökonomische. Zur Reduktion der übermäßigen Sektioanzahl wurden Programme vorgeschlagen, die allerdings keine Änderung brachten. Es entstand der Eindruck, als ob allgemein über die hohe Sektiorate geklagt, im geburtshilflichen Tagwerk die beschriebenen Faktoren eine Reduktion der Sektiorate aber nicht erlauben würde. Autoren bezeichneten die Diskussion um die Höhe der Sektiofrequenz auch als anachronistisch [12].

Eine höchst problematische Situation ergab sich gelegentlich, wenn eine Schwangere in Angst vor Schmerzen und Belastung der Geburt oder eine Gebärende wegen der starken Schmerzen während der Geburt auf der Durchführung einer abdominalen Schnittentbindung bestand, obwohl eine medizinische Indikation für diese Operation nicht gegeben war. Diesen Wünschen ist wegen der potentiellen Risiken einer chirurgischen Intervention für Mutter und Kind nicht entsprochen worden. Nach dem ärztlichen Selbstverständnis war so zu verfahren, da Eingriffe ohne medizinischen Anlass nicht durchgeführt werden dürfen, insbesondere wenn sie eine Risikosteigerung mit sich bringen. Darüber hinaus galt das Verlassen des natürlichen Geburtsweges ohne jeden medizinischen Anlass als bedenklich im Hinblick auf die Menschheitsgeschichte.

Vor diesem Hintergrund beginnt nun eine öffentliche Diskussion über den Wunsch mancher Frauen nach einer Entbindung durch Sektio aus persönlichen Gründen ohne jeden medizinischen Anlass. In der Tat scheint der Wunsch häufiger vorgetragen zu werden. Die FIGO hat sich 1998 mit der Problematik des Kaiserschnitts ohne medizinischen Grund befasst und die Durchführung eines solchen Kaiserschnitts als ethisch nicht gerechtfertigt bezeichnet. Andererseits hält Husslein die Ablehnung des Wunsches der Patientin nach einer Sektio für eine Bevormundung. Er weist auf eine Studie hin, nach der weibliche Geburtshelfer eher eine elektive Sektio ohne medizinische Indikation bei sich selbst als männliche Geburtshelfer wählen würden [1]. Insofern ist eine aktuelle Standortbestimmung des Geburtshelfers auch unter Berücksichtigung der Rechtsposition der Mutter, des Kindes und des Arztes angezeigt.

Prof. Dr. Joachim W. Dudenhausen

Klinik für GeburtsmedizinCharité Campus Virchow-KlinikumHumboldt Universität zu Berlin

Augustenburger Platz 1

13353 Berlin

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