Krankenhauspsychiatrie 2000; 11(3): 85
DOI: 10.1055/s-2000-11324
EDITORIAL

Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Dynamo Deutschland - zum Tag der Einheit

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Publication Date:
31 December 2000 (online)

Es gibt Menschen, die gerne Teile eines Puzzle-Bildes zu einer Einheit zusammenlegen. Ich gehöre nicht dazu, da ich nicht über die notwendige Geduld verfüge. Trotzdem bin ich mir sicher, dass die Puzzle-Erfahrenen die Aussage bestätigen werden: Für die Herstellung der Einheit ist jeder einzelne Teil gleich wichtig.

Bei der deutschen Einheit haben wir uns daran gewöhnt, an das Zusammenkommen der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland und der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik zu denken. Das ist die eine Dimension der Sichtweise, so als ob man von zwei Teilelementen des Bildes oder von zwei Seiten einer Medaille sprechen würde. Zur deutschen Einheit gehört aber auch, dass alle unterschiedlichen Teile bei dem, was die Lebensqualität ausmacht, dabei sein dürfen. Wenn man sich nun verschiedene Puzzle-Bilder vorstellt für die einzelnen Lebensbereiche, dann ergibt sich schnell, dass bestimmte Gruppen ausgespart bleiben. So wie es „nicht wartezimmerfähige” Patienten gibt, so gibt es auch viele Schattenbewohner, die bei der oder jener Veranstaltung des Lebens nicht dazugehören.

Als deutsche Mitbürger sind auch die jungen Leute aus Kasachstan und den anderen russisch sprechenden Ländern in die Heimat ihrer Vorfahren gekommen. Sie haben jetzt ihre deutsche Nationalität und machen ihren deutschen Wehrdienst. Aber sie erfahren nicht die Fürsorge, die es ihnen erlaubt, wirklich dazuzugehören. Der Sprachunterricht ist auf kurze Zeit befristet und lückenhaft. Die Wohnbedingungen lassen oft an schlimmere Zeiten der deutschen Geschichte denken, die Arbeitschancen sind noch schlechter als für die in Deutschland Geborenen. Die jungen Leute finden keinen Anschluss an die neue Heimat, bleiben unter sich, lesen ihre Zeitungen in kyrillischer Schrift, trinken ihren Wodka und spritzen, jetzt im Westen, Heroin.

Auf unseren psychiatrischen Stationen haben wir mehr Heroinabhängige aus Kasachstan als aus dem grünen Kreis Merzig-Wadern. Unsere Problemanalyse hat ergeben, dass am ehesten der Sport die jungen Leute verbindet. Aus diesem Grunde haben wir von der Klinik aus unter dem Namen „Dynamo Merzig” ein Sport-Projekt der im Ort tätigen Vereine angestoßen, das vor allem die russisch-sprechenden Jugendlichen, aber auch die anderen aus dem Ausland und aus dem Saarland stammenden jungen Leute anspricht. Hier führen Fußball-, Volleyball-, Basketball-Turniere und leichtathletische Wettkämpfe, für die intensiv in einer Quartierarbeit geworben werden muss, zu einer Überwindung der Barrieren und somit zur Integration.

Der Name Dynamo wurde gewählt, um die Zielgruppe zu treffen und das Positive ihrer landsmannschaftlichen Vorgeschichte in Erinnerung zu rufen. Im Unterschied zum Puzzle-Legen verstehe ich etwas vom Fahrradfahren. Dort entsteht durch den Dynamo aus der Aktivität dessen, der sich Mühe gibt, das Licht, das den Weg beleuchtet, im übertragenen Sinn freimacht. Zum Tag der deutschen Einheit wünsche ich der oben genannten Problemgruppe junger deutscher Mitbürger, dass sie die helfende, erhellende Aktivität der anderen erhält, bevor sie am Abgrund angekommen ist und Bekanntschaft mit dem Tätigkeitsfeld macht, das dieser Zeitschrift ihren Namen gegeben hat.

W. Werner, Merzig[1]

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