Inf Orthod Kieferorthop 2000; 32(1): 9-27
DOI: 10.1055/s-2000-5948
Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Behandlungsplanung und Biomechanik der Distraktionsosteogenese aus kieferorthopädischer Sicht

Barry H. Grayson, Pedro E. Santiago
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Publication Date:
31 December 2000 (online)

Zusammenfassung

Wie auch in der herkömmlichen kieferorthopädischen Chirurgie nimmt der Kieferorthopäde auch bei einer Distraktionsosteogenese eine wichtige Rolle bei der Planung und bei der kieferorthopädischen Unterstützung der Behandlung ein. Dies beinhaltet die präoperative Beurteilung der skelettalen Verhältnisse im Bereich des Gesichtsschädels und der Okklusion ebenso wie die Planung der prä- und postoperativen kieferorthopädischen Behandlung. Anhand einer sorgfältigen klinischen Untersuchung, der Auswertung von Modellen und Fotos, der kephalometrischen Analyse und der Beurteilung dreidimensionaler Computertomogramme plant der Kieferorthopäde in Zusammenarbeit mit dem Chirurgen die Positionierung des Distraktionsgerätes und die erforderlichen Vektoren der Distraktion. Sowohl der Chirurg als auch der Kieferorthopäde überwachen den Patienten während der Distraktionsphase sorgfältig und setzen je nach Situation intermaxilläre Gummizüge - manchmal in Kombination mit Führungsebenen, Aufbissplatten und Stabilisierungsbögen - ein, um den neugebildeten Knochen (Regenerat) auszuformen und gleichzeitig die sich entwickelnde Okklusion zu optimieren. Auf Rezidive zurückzuführende Veränderungen nach einer Distraktion sind minimal. Das weitere Wachstum nach einer Distraktionsosteogenese im Unterkiefer ist sehr unterschiedlich und scheint von den genetischen Informationen des ursprünglichen Knochens und der umgebenden Weichgewebe abzuhängen. Ein bedeutender Vorteil der Distraktionsosteogenese besteht in der graduellen Dehnung der Weichgewebe und der umgebenden, funktionellen Bereiche. Da das Verfahren relativ einfach ist und keine Knochentransplantate zur Augmentation des hypoplastischen Gesichtsschädels benötigt werden, kann die Distraktionsosteogenese bereits in einem früheren Alter als herkömmliche kieferorthopädisch-chirurgische Verfahren eingesetzt werden. Bei dieser neuen Technik arbeiten Chirurgen und Kieferorthopäden in einem Prozess zusammen, durch den das Ausmaß und die Richtung des kraniofazialen Wachstums graduell verändert werden.

Die Distraktionsosteogenese hat sich inzwischen zu einer zunehmend häufiger angewandten Alternative zu vielen herkömmlichen kieferorthopädisch-chirurgischen Verfahren entwickelt. Die Distraktionsverfahren haben die Palette der Behandlungsmöglichkeiten bei geringen bis ausgeprägten Abnormalitäten im Bereich des Gesichtsschädels stark erweitert. Wie auch beim herkömmlichen, kombiniert kieferorthopädisch-chirurgischen Vorgehen spielt der Kieferorthopäde eine wichtige Rolle bei der präoperativen Beurteilung des Gesichtsschädels und der okklusalen Verhältnisse, bei der Planung der kieferorthopädischen Behandlung vor und nach der Distraktion und der Distraktion selbst. Von besonderem Interesse sind die Rezidivgefahr, die Stabilität und das weitere Wachstum nach der Distraktion.

Abstract

As in traditional combined surgical and orthodontic procedures, the orthodontist has a role in the planning and orthodontic support of patients undergoing distraction osteogenesis. This role includes predistraction assessment of the craniofacial skeleton and occlusal function in addition to planning both the predistraction and postdistraction orthodontic care. Based on careful clinical evaluation, dental study models, photographic analysis, cephalometric evaluation, and evaluation of three-dimensional computed tomographic scans, the orthodontist, in collaboration with the surgeon, plans distraction device placement and the predicted vectors of distraction. Both surgeon and orthodontist closely monitor the patient during the active distraction phase, using intermaxillary elastic traction, sometimes combined with guide planes, bite plates, and stabilization arches, to mold the newly formed bone (regenerate) while optimizing the developing occlusion. Postdistraction change caused by relapse is minimal. Growth after mandibular distraction is variable and appears to be dependent on the genetic program of the native bone and the surrounding soft tissue matrix. A significant advantage of distraction osteogenesis is the gradual lengthening of the soft tissues and surrounding functional spaces. Distraction osteogenesis can be applied at an earlier age than traditional orthognathic surgery because the technique is relatively simple and bone grafts are not required for augmentation of the hypoplastic craniofacial skeleton. In this new technique, the surgeon and the orthodontist have become collaborators in a process that gradually alters the magnitude and direction of craniofacial growth.