Geburtshilfe Frauenheilkd 2002; 62(1): 42-47
DOI: 10.1055/s-2002-20283
Originalarbeit

Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Familienstruktur bei Mehrlingseltern im Vergleich zu Einlingseltern nach erfolgreicher reproduktionsmedizinischer Behandlung (ICSI)

Family Structures After Assisted Reproduction: Multiple vs. Singleton PregnanciesIngrid Kowalcek, Franziska Häger, Ulrike Weise, K. Diedrich
  • Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Universitätsklinikum Lübeck
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Publication History

Eingang Manuskript: 20. August 2001

Akzeptiert: 2. Dezember 2001

Publication Date:
22 February 2002 (online)

Zusammenfassung

Fragestellung

Ein Problem der reproduktionsmedizinischen Behandlung stellt die erhöhte Mehrlingsrate dar. Dem IVF-Register (DIR) ist zu entnehmen, dass es 1999 nach Sterilitätstherapie in 74 % der Fälle zu Einlings-, in 22 % zu Zwillings- und in 4 % zu Drillingsgeburten kam. Die Inzidenz liegt deutlich über der Häufigkeit von Mehrlingen nach Spontankonzeption. Entsprechend der HELLIN-Hypothese ist von einer Häufigkeit von n: 1 : 85 für Zwillinge (1,18 %) und für Drillinge von einer Häufigkeit von n2: 1 : 852 (1 : 7225 entspricht = 0,013 %) auszugehen. Aufgrund der erhöhten Mehrlingsgeburtsrate ergeben sich Risiken im Hinblick auf die körperliche und psychosoziale Entwicklung der Kinder. Der Übergang zur Elternschaft und Familie stellt hohe Anforderungen an die Adaptationsleistungen. Ziel der vorliegenden Studie ist, die Familienstruktur nach Geburt eines Einlings im Vergleich zu einer Mehrlingsgeburt darzustellen.

Material und Methode

N = 55 Mütter und 51 Väter wurden ein Jahr nach der Geburt ihres Kindes/ihrer Kinder gebeten, die Familienbogen auszufüllen. Die Familienbogen sind ein Inventar zur Einschätzung der Familienfunktionen. Ausgehend von einer theoretischen Konzeption des Familienmodells beschreiben Familienbogen das aktionale Verhalten in sieben Skalen: Aufgabenerfüllung, Rollenverhalten, Kommunikation, Emotionalität, Affektive Beziehungsaufnahme, Kontrolle, Werte und Normen. Profile der Eltern werden vergleichend dargestellt und Diskrepanzen der Einlings-und Mehrlingseltern aufgezeigt.

Ergebnisse

Der Anteil der Einlinge betrug 80 % (n = 44), der Anteil der Zwillinge 14,5 % (n = 8) und der Anteil der Drillinge 5,5 % (n = 3). Im Allgemeinen Familienbogen liegen sowohl die Skalenwerte der Einlings- als auch die der Mehrlingsmütter im mittleren Bereich. Bei den Vätern der Mehrlinge deuten sich Probleme in den Skalen Emotionalität, Affektive Beziehung und Kontrolle an. Hier treffen wir unzulänglichen oder unangemessenen Ausdruck von Gefühlen an, ebenso die Unterdrückung von Gefühlen. Bei Problemen im Bereich des Kontrollverhaltens kann es innerhalb der Familienstruktur zu verdeckten und offenen Machtkämpfen kommen. Signifikante Diskrepanzen in den Bereichen Kommunikation, Emotionalität, affektive Beziehungsaufnahme, Kontrolle, Werte und Normen zwischen Mehrlingsmüttern und Mehrlingsvätern lassen sich aufzeigen.

Schlussfolgerung

Die Ergebnisse der vorliegenden explorativen Studie deuten innerfamiliäre Probleme in Mehrlingsfamilien nach ICSI an. Der deutlich erhöhten Häufigkeit von Mehrlingsgeburten nach ICSI mit ihren psychosozialen Auswirkungen sollte Rechnung getragen werden und den Familien mit Mehrlingen spezielle Aufmerksamkeit entgegengebracht werden.

Abstract

Objective

Assisted reproduction is associated with an increased rate of multiple gestation. In an in-vitro fertilization registry, 74 % of births were singletons, 22 % were twins, and 4 % were triplets. Twins and triplets have certain risks regarding physical and psychosocial development compared with singletons, and are a challenge to parents. We studied family structures after delivery of singletons and multiple infants after intracytoplasmatic sperm injection (ICSI).

Methods

One year after delivery 55 mothers and 51 fathers were asked to complete family questionnaires assessing family functions. The questionnaires had scales assessing task fulfillment, role behavior, communication, emotionality, affective establishment of relations, control, values, and norms.

Results

In our study there were 44 singleton (80 %), 8 twin (14.5 %), and 3 triplet births (5.5 %). In the general family questionnaire mothers of singletons and twins or triplets scored in the mean range. Fathers of twins or triplets indicated problems in emotionality, affective relationship, and control with insufficient or inappropriate expression or suppression of emotion. Problems of control behavior suggest hidden or open power struggles in the family. There were significant differences between mothers and fathers of multiple babies in communication, emotionality, affective establishment of relations, control, values and norms.

Conclusion

Families with multiple babies after ICSI are at risk of problems. Appropriate counseling should be considered for parents of multiple infants after assisted reproduction.

Literatur

OÄ Dr. med. Dipl. Psych. Ingrid Kowalcek

Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Lübeck

Ratzeburger Allee 160

23538 Lübeck

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