Psychother Psych Med 2002; 52(3/4): 127
DOI: 10.1055/s-2002-24961
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Bindung und Ver-Bindungen

Attachment and ConnectionsHorst  Kächele
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Publication Date:
08 April 2002 (online)

Noch vor zehn Jahren hätte kaum jemand aus der psychotherapeutischen Fachwelt mit dem Namen John Bowlby die Erwartung verknüpft, einem klinisch relevanten Autor zu begegnen. Selbst die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Regensburg an John Bowlby im November 1988 bewegte die Psychotherapeuten kaum. In den einschlägigen Fachzeitschriften findet sich kein Hinweis auf diesen bemerkenswerken Vorgang.

Nun aber boomt Bindung. Die Verlagsprospekte überschlagen sich in fetten Angeboten. Aus einer solide fundierten entwicklungspsychologischen Theorie, die im „Handbook of Attachment” profund ausgebreitet ist, hat sich in der BRD ein hypertropher Markt entwickelt, der vor spektakulären Behauptungen (in Prospekten) nicht zurückscheut: Angeblich können „die Bindungsforscher viel genauere Antworten geben z. B. zur Vorbeugung seelischer Erkrankungen in Risikogruppen, zu Ursachen von Gewalttätigkeit, Kindesmissbrauch oder über Scheidungsfolgen”. Da freut sich die Familienministerin, hat sie nun endlich eine Antwort auf alle Fragen ihres Ressorts. Darüber hinaus wird das Konzept der Bindung „als übergreifender Wirkfaktor aller Therapiemethoden betrachtet und als Grundvoraussetzung für psychotherapeutisches Arbeiten schlechthin” präsentiert. Auch mit dieser Gewissheit könnte der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie sich manche Begutachtungen ersparen.

Diese Feststellungen aus dem jüngsten Prospekt eines renommierten Fach-Verlages sind kein Einzelfall. Was ist los mit der psychotherapeutischen Fachwelt, dass nach jahrelangem Verschlafen Bindung nun Hochkonjunktur haben soll? Als Mitgründer eines bundesweiten Arbeitskreises für Klinische Bindungsforschung - dem die Erkundung der klinischen Relevanz der Bowlbyschen Konzepte sehr wohl am Herzen liegt - irritiert mich die fast empiriefreie Begeisterung der Konsumenten dieser Bücher. Sind Sex und Aggression nicht mehr die Triebfedern - ist Freud mega-out -, ist stattdessen mangelnde Bindung das Grundübel dieser Welt.

Gewiss, Konzepte der Bindungstheorie haben in den letzten Jahren vermehrt Eingang in die Psychotherapieforschung gefunden. Die bisherigen Schwerpunkte klinischer Bindungsforschung wurden vor allem auf den prädiktiven Wert von Bindungsmerkmalen für die Therapieindikation und -prognose gelegt. Aber nur wenige Studien haben sich - trotz der Annahme, dass sich bindungsrelevante Merkmale in interaktionellen Prozessen niederschlagen - mit der Bedeutung von Bindungsmerkmalen für den therapeutischen Prozess (z. B. Hardy et al. 1999) bzw. mit der Bedeutung von Bindungscharakteristika der Psychotherapeuten beschäftigt. Erste Untersuchungen zur letztgenannten Thematik legen nahe, dass die Bindungsstile von Therapeuten einen Einfluss auf die Behandlungszufriedenheit der Patienten besitzen und die Abbruchraten in Psychotherapie mitdeterminieren (z. B. Stuart et al. unveröff.). Des Weiteren konnten Nord, Eckert u. Höger (2001) zeigen, dass unter PsychotherapeutInnen Bindungsstile mit eher deaktivierenden Tendenzen des Bindungsverhaltenssystems vorherrschen. In diesem Lindau-Sonderheft resümieren die drei Herausgeber eines gleichzeitig mit den Lindauer Psychotherapiewochen 2002 erscheinenden Handbuches zur „Klinischen Bindungsforschung” den doch bescheidenen Stand des Wissens zu drei Störungsbildern. Hieraus kann gefolgert werden, dass unser Noch-Nicht-Wissen um den Stellenwert der Bindungsforschung für eine störungsbezogene klinische Perspektive noch viele Fragen offen lässt. Enthusiasmus ist gewiss gut, und John Bowlby verdient die Anerkennung. Wir sollten uns jedoch vor leichtfertigem Fahne hissen zurückhalten und stattdessen Forschungsverbindungen knüpfen. Denn die notwendigen prospektiven Studien, die ein prägnantes Merkmal der Bindungsforschung sind, dürften nur gelingen, wenn es solche Forschungsverbünde in nicht kleiner Zahl gibt.