Z Gastroenterol 2002; 40(4): 217-228
DOI: 10.1055/s-2002-25153
Originalarbeiten
© Karl Demeter Verlag im Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Kostenerfassung bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen durch direkte Patientenbefragung mit einem Kostenwochenbuch

Cost Measurement Based on a Cost Diary in Patients with Inflammatory Bowel DiseaseM. Rösch1 , R. Leidl1 , C. von Tirpitz2 , M. Reinshagen2 , G. Adler2 , H. H. König1
  • 1Abteilung Gesundheitsökonomie (Leiter: Prof. Dr. R. Leidl), Universität Ulm
  • 2Abteilung Innere Medizin I (Ärztl. Direktor: Prof. Dr. med. G. Adler), Medizinische Universitäts- und Poliklinik Ulm
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Publikationsverlauf

17.10.2001

17.12.2001

Publikationsdatum:
17. April 2002 (online)

Zusammenfassung

Ziel: Patiententagebücher als Methode der Kostenerhebung sind bereits in verschiedenen Indikationsgebieten im Einsatz. Ziel war es, die Einsetzbarkeit dieses Instrumentes bei Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) zu testen und eine Erhebung des krankheitsbezogenen Ressourcenverbrauchs durchzuführen.

Patienten und Methode: Für das Indikationsgebiet der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wurde ein spezielles Kostenwochenbuch entwickelt und der Einsatz im Rahmen einer prospektiven Pilotstudie erprobt. 105 CED-Patienten einer Medizinischen Poliklinik waren bereit, über einen Zeitraum von 4 Wochen sämtliche in Anspruch genommenen medizinischen Leistungen sowie alle weiteren Ausgaben und Leistungen aufgrund von CED zu dokumentieren. Dabei wurden ambulante und stationäre Versorgungen, Medikamentenverbrauch, Kosten durch Ausfall von bezahlter und unbezahlter Arbeit, Fahrtkosten als auch andere vom Patienten selbst zu tragende Kosten berücksichtigt.

Ergebnisse: Die Rücklaufquote des Kostenwochenbuchs betrug ca. 90 %. Annähernd 70 % der Patienten schätzten das Ausfüllen des Kostenwochenbuchs als einfach ein. Ein Vergleich mit der Klinikdatenbank zeigte eine gute Übereinstimmung der Kostenmessung durch das Instrumentarium mit den Kosten der medikamentösen Versorgung und der Versorgung durch die Klinikambulanz.

Pro 4 Wochen ließen sich durchschnittliche krankheitsbezogene Kosten von 1500 Euro schätzen. Extrapoliert auf ein Versorgungsjahr entstehen somit Gesamtkosten von ca. 20 000 Euro. Dabei entfallen ca. 69 % auf indirekte Kosten aufgrund von Produktionsverlust durch Arbeitsausfall. Direkte medizinische Kosten sind für 27 % und direkte nicht medizinische Kosten (z. B. Fahrtkosten) für 4 % der entstehenden Kosten verantwortlich.

Diskussion und Schlussfolgerung: Das vorgestellte Instrument stellt eine geeignete und praktikable Methode zur Messung des durch CED bedingten Ressourcenverbrauchs dar. Durch die prospektive Erfassung von direkten medizinischen sowie nicht-medizinischen Kosten und indirekten Kosten ist eine Kostenerhebung aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive möglich. Das vorgestellte Instrumentarium kann zur Kostenerfassung im Rahmen ökonomischer Evaluationen von medizinischen Interventionen eingesetzt werden.

Abstract

Objective: Cost diaries administered by patients have been used as a method to measure costs for different diseases. Our aim was to test the application of a patient cost diary in patients with inflammatory bowel disease (IBD) and to measure disease specific resource utilization and costs.

Patients and methods: A specific patient cost diary for IBD was developed and tested in a prospective pilot study. 105 outpatients with IBD of a University Hospital agreed to participate over a 4 week follow-up period. They were asked to report weekly their use of medical care and costs related to their illness. Visits to health care providers, hospitalizations, drug use, costs due to absence from paid and unpaid work, travel costs as well as out-of-pocket expenses were considered.

Results: The response rate was 90 %. Almost 70 % of the patients estimated the diary as easy to fill in. Compared with other data sources, the cost measurement using the cost diary showed good agreement regarding costs of drug therapy and outpatient hospital treatment.

Mean costs due to illness were estimated to be 1,500 Euro per 4 weeks. This corresponds to total costs of about 20,000 Euro per year of care. 69 % of total costs were indirect costs due to illness-related absence from work, days of inactivity at home, and early retirement. Direct health care and direct non health care costs (e. g. travel costs) were responsible for 27 % and 4 % of costs, respectively.

Discussion and conclusion: The presented instrument offers a suitable and practical method of assessing IBD-related resource utilization. The prospectively obtained data for direct medical and non medical, as well as indirect costs allow a cost measurement from the societal perspective. The presented cost diary can be used for measuring costs for economic evaluations of medical interventions.

Literatur

1 Dieses Projekt wird im Rahmen des deutschen Kompetenznetzwerkes CED durch das BMBF gefördert (Förderkennzeichen: 01GI9987/5).

2 Dabei wird die Anzahl der innerhalb der 4 Wochen stattgefundenen Arztbesuche durch Multiplikation (× 3) auf ein Quartal hochgerechnet. Der erste Arztbesuch wird mit der Ordinationsgebühr, alle folgenden Besuche werden mit der Konsultationsgebühr bewertet. Um die Kosten für den Beobachtungszeitraum zu erhalten, wird die so berechnete Gesamtsumme anschließend wieder durch 3 dividiert [18].

3 Im Jahr 2000 betrug das Arbeitnehmerentgelt 22,50 €/h (geschlechtsunabhängig). Bei der Kalkulation wurde von einer 38,5-Stundenwoche und einem Anteil von 4,2% an Feiertagen ausgegangen. Die so ermittelte tägliche Arbeitszeit von 7,3766 h wird mit dem Arbeitnehmerentgelt multipliziert. Man erhält somit für einen AU-Tag indirekte Kosten von 165,97 € [16].

Dr. med. Margrit Rösch, MPH

Abteilung Gesundheitsökonomie
Universität Ulm

Helmholtzstraße 22

89081 Ulm

eMail: margrit.roesch@mathematik.uni-ulm.de