Fortschr Neurol Psychiatr 2002; 70(10): 509-510
DOI: 10.1055/s-2002-34668
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Altes und Neues zum Leib-Seele-Problem - Über-Ich und Unbewusstes

Mind and Matter - Id and Super-Ego Revisited?C.-W.  Wallesch1
  • 1Klinik und Poliklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
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Publication Date:
11 October 2002 (online)

Wie willkürlich sind willkürliche Handlungen? Diesem Problem geht Hinderk Emrich in diesem Heft der Fortschritte nach [1]. Die Aufdeckung neurophysiologischer Korrelate willkürlicher Handlungen legt - kurzschlüssig - einen biologischen Determinismus, eine Sicht der Willensentscheidung als Trugbild determinierter physiologischer Abläufe, nahe. Neurophysiologische Befunde zeigen in der Tat, dass ereigniskorrelierte Veränderungen stattfinden, bevor ein (einfacher) bewusster Willensakt erfolgt [2]. Aber: muss Bewusstwerdung in Echtzeit erfolgen, und betrifft es den freien Willen, wenn dies nicht der Fall ist? Lässt sich die Bewusstwerdung einfacher Handlungen mit Entscheidungen in komplexen Situationen vergleichen? Wenn wir uns aufgrund neurobiologischer Daten von der Vorstellung trennen müssen, dass Handeln stets auf bewusster Entscheidung beruht [2], sind dann auch Spontaneität und Autonomie fragwürdige Konzepte?

Prof. Dr. med. Claus-Werner Wallesch

Die Negierung der Subjektivität legt ein Modell nahe, in dem Handlungen Ausdruck eines komplexen Reiz-Reaktionsmusters sind, in das biologisch determinierte emotionale Vorgaben und Gedächtnisinhalte eingehen. Emrich weist zu Recht darauf hin, dass dieses einfache Schema bereits dadurch in Probleme gerät, dass die sensorische Verarbeitung von Reizen zu Wahrnehmungen von Subjektivität geprägt ist (die übrigens ebenfalls neurophysiologische Korrelate generiert, Darstellung und Diskussion bei Emrich und Dietrich [3]).

Emrichs Frage „und wo bleibt die Moral?” bleibt ein zentrales Problem. Ein Regelsystem als Bestandteil semantischen Wissens, deklarativ abrufbar, systematisch abzuleiten und zu begründen, ist vermutlich tatsächlich nicht Richtschnur unseres Handelns, wie viele Beispiele des Alltags lehren. Dennoch gibt es Menschen, die moralisch handeln - nach Emrichs Argumenten wohl vorbewusst, wenn nicht unbewusst. Emrich schlägt eine Lösungsmöglichkeit über die Annahme einer „internen Wertebilanz” und subliminaler Prozesse vor, die ich als ein Plädoyer für die Rolle und die Möglichkeit einer Operationalisierung des Unbewussten sehe. Es sein am Rande angemerkt, dass Sigmund Freud unzweideutig eine neurobiologische Grundlage unbewusster Prozesse annahm [4].

Der Dialog zwischen Neurowissenschaft und Philosophie hat eine lange Tradition, im 19. Jahrhundert John Hughlings Jackson und Herbert Spencer, im frühen 20. Kurt Goldstein und Ernst Cassirer. Im ausgehenden 20. Jahrhundert wurden Gegenstand und Programm einer „Neurophilosophie” formuliert (Popper und Eccles: 5, PS Churchland: 6), das beginnende 21. ist mit dem Schlagwort der „Neurotheologie” konfrontiert (Spiegel-Titel 2002). Manche Erklärungsansätze von Neurowissenschaftlern wirken dabei recht schlicht, z. B. der „Neurodarwinismus” von Pinker [7]. Bislang ist der Dialog zwischen Neurowissenschaften und Philosophie dadurch gestört, dass die Fragen des jeweiligen Faches vom gewünschten Forschungspartner nicht beantwortet werden, z. B. aus der Sicht der Philosophie die Fragen nach Qualia - den Qualitäten von Wahrnehmungen aus dem Blickwinkel der Introspektion (z. B. [8]) - und nach der Intentionalität [9], beides Fragen, die auch Emrich bewegen.

Der interessierte Leser sei auf das von Michael Pauen und Gerhard Roth herausgegebene Buch „Neurowissenschaften und Philosophie” hingewiesen, das das Spannungsfeld und die immer noch bestehenden Kommunikationsstörungen zwischen den Wissenschaften deutlich werden lässt, insbesondere auf die Artikel von Michael Pauen [10] und Achim Stephan [11]. Beide Autoren verdeutlichen, dass neuro- und kognitionswissenschaftliche Experimente zu Bewusstsein und Willen nicht die Fragen beantworten, die die Philosophie stellt, und dass es philosophischer Argumentation leicht fällt, die Befunde einzuordnen, ohne dass grundlegende Probleme einer Lösung näher kommen.

Aus meiner Sicht ist die Diskussion, ob Umweltreize, biologisch determinierte emotionale Gestimmtheit und Erfahrungen/Gedächtnisinhalte Handlungen determinieren, oder ob Menschen durch bewussten Entschluss oder basierend auf durch unter subjektiver Einflussnahme gewachsenen Haltungen und Einstellungen entscheiden, offen. Es ist zu hinterfragen, ob die neurophysiologischen Grundlagen einfacher Handlungen und Wahrnehmungen valide Aussagen machen über komplexe Entscheidungen in Situationen mit vielfältigen Optionen, die vorausschauendes Planen, Theorienbildung über Einstellungen und mögliche Reaktionen anderer („theory of mind”) erfordern. Vor allem in diesen Bereichen manifestieren sich Willensfreiheit und Autonomie, aber auch das „Unbewusste”.

Literatur

Prof. Dr. C.-W. Wallesch

Klinik und Poliklinik für Neurologie der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Leipziger Str. 44

39120 Magdeburg