Fortschr Neurol Psychiatr 2002; 70(10): 548-554
DOI: 10.1055/s-2002-34669
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Ist die Betreuung eines schizophrenen Familienmitglieds mit einem Gesundheitsrisiko verbunden?

Psychische und psychosomatische Beeinträchtigungen bei Angehörigen schizophrener PatientenDoes Caring for a Schizophrenic Family Member Increase the Risk of Becoming Ill?Psychological and Psychosomatic Troubles in Caregivers of Schizophrenia PatientsJ.  Jungbauer1 , C.  Mory1 , M.  C.  Angermeyer1
  • 1Universität Leipzig, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie (Direktor: Prof. Dr. M. C. Angermeyer)
Diese Arbeit entstand im Rahmen des Forschungsverbundes Berlin-Brandenburg-Sachsen im Projekt „Gesundheitliche und ökonomische Belastungen von Familien mit psychisch kranken Angehörigen” und wird gefördert von der Deutschen Rentenversicherung und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (Projektnummer: 01GD9810/0, Projekt C3).Für die Unterstützung bei der Rekrutierung der Studienteilnehmer möchten wir uns bei folgenden psychiatrischen Einrichtungen in Leipzig bedanken: Parkkrankenhaus Dösen, Sächsisches Fachkrankenhaus Altscherbitz, Einrichtungen des städtischen Verbunds gemeindenahe Psychiatrie.
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Publication Date:
11 October 2002 (online)

Zusammenfassung

Anliegen: Es sollte untersucht werden, in welchem Umfang Angehörige schizophrener Patienten unter psychischen und psychosomatischen Beeinträchtigungen leiden; ferner, ob dabei Unterschiede zwischen Eltern und (Ehe-)Partnern existieren. Methode: 51 Eltern und 52 Partner schizophrener Patienten wurde mit Hilfe standardisierter Verfahren zu psychischen und psychosomatischen Symptomen befragt. Ergebnisse: Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung existiert in beiden Teilstichproben eine deutlich erhöhte Lebenszeit-Prävalenz depressiver Störungen. Besonders betroffen sind Angehörige von Patienten mit stark eingeschränktem psychosozialen Funktionsniveau sowie Partnerinnen und Mütter. Psychosomatische Beschwerden treten vor allem kovariierend mit dem Schweregrad der schizophrenen Erkrankung und aktuellen psychischen Beeinträchtigungen der Angehörigen auf. Bei Angehörigen ist ferner eine erhöhte Zahl von Arztbesuchen zu verzeichnen, insbesondere bei Hausärzten und Nervenärzten. Diskussion: Die Ergebnisse stützen die Hypothese, dass die bei der Betreuung eines schizophrenen Patienten erlebten Belastungen ein erhöhtes Gesundheitsrisiko mit sich bringen, insbesondere bei Angehörigen schwer beeinträchtigter Patienten. Dies führt wiederum zu einer verstärkten Inanspruchnahme medizinischer Versorgungsleistungen. Gezielte Angebote der Prävention und Gesundheitsförderung erscheinen geboten, um Erkrankungen hochbelasteter Angehöriger frühzeitig entgegenzuwirken.

Abstract

Objective: The aim of this study was to investigate to what extent caregivers of schizophrenia patients suffer from psychiatric and psychosomatic symptoms themselves; furthermore, whether there are differences between parents and spouses. Method: 51 parents and 52 spouses of people with schizophrenia were interviewed regarding psychiatric and psychosomatic troubles using standardized questionnaires and diagnostic methods. Results: A considerably increased prevalence of depressive disorders was found compared to the level in the general population. As well as mothers and wives, caregivers of patients with severe impairments of psycho-social functioning were particularly affected. The severity of the patient's disease and the caregiver's mental problems are significant predictors of psychosomatic complaints in parents and spouses. In addition, caregivers visit physicians more frequently, in particular family doctors, psychiatrists and psychotherapists. Discussion: The results support the hypothesis that the burden carried by caregivers of severely affected schizophrenia patients increases their risk of becoming ill, which, as a consequence, leads to a greater use of medical resources. Specific offers of health care and advice on preventative measures appear to be necessary in order to preclude health impairments to caregivers as early as possible.

Literatur

Dr. J. Jungbauer

Universität Leipzig · Klinik und Poliklinik für Psychiatrie

Johannisallee 20

04317 Leipzig

Email: jungbj@medizin.uni-leipzig.de