Geburtshilfe Frauenheilkd 2002; 62(10): 967-976
DOI: 10.1055/s-2002-35107
Originalarbeit

Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Das Erleben des Menstruationszyklus - eine empirische Untersuchung bei 234 Frauen in der Schweiz

Teil 1: Das Erleben der ZyklusphasenThe Experience of the Menstrual Cycle - an Empirical Study of 234 Women in SwitzerlandPart 1: The Different Phases of the CycleJ. Bitzer, S. Tschudin, A. Schwendke, J. Alder
  • Universitätsfrauenklinik Basel, Chefarzt und Departementsvorsteher: Prof. Dr. Dr. h. c. W. Holzgreve
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Publication History

Eingang Manuskript: 31. Januar 2002 Eingang revidiertes Manuskript: 10. Juli 2002

Akzeptiert: 21. August 2002

Publication Date:
28 October 2002 (online)

Zusammenfassung

In einer repräsentativen Untersuchung wurden 234 Frauen aus der Schweiz zu ihrem Erleben des Menstruationszyklus mit Hilfe eines strukturierten Interviews zu Hause befragt.

Bei 87 % verläuft die Menstruation meistens gleich, 20 % geben starke bis sehr starke Blutungen an.

Bezogen auf das Prämenstruum gaben mehr als zwei Drittel der Frauen als „Leitsymptom“ Gereiztheit und seelische Überempfindlichkeit an. Zwischen der Hälfte und zwei Drittel der Befragten berichteten über folgende Beschwerden: leichte Bauchschmerzen, Brustspannen, depressive Verstimmung, allgemeine Verspanntheit und leichte Rückenschmerzen.

Weniger als 50 % beobachteten bei sich Brustschwellung, Gewichtszunahme, mittelstarke und starke Bauchschmerzen sowie mittelstarke und starke Rückenschmerzen. Nur 28 % gaben eine Besserung ihres Wohlbefindens im Prämenstruum an.

Zur Menstruationsphase selbst wurden folgende Angaben gemacht: Bei mehr als 66 % Gereiztheit und leichte Bauchschmerzen. Zwischen 50 und 66 % geben Müdigkeit, seelische Überempfindlichkeit, allgemeines Unwohlsein, allgemeine Verspanntheit, leichte Rückenschmerzen, depressive Verstimmung, sexuelle Lustlosigkeit und Krämpfe an. Weniger als 50 % Brustspannen, Vergrößerung der Brüste, mittelstarke und starke Bauch-, Rücken- und Kopfschmerzen. 31 % beobachten eine Besserung des Wohlbefindens, wobei 40 % vermehrte Lust auf Sexualität verspüren und 37 % ein Gefühl der Reinigung wahrnehmen.

Die meisten Symptome werden in beiden Zyklusphasen signifikant häufiger von Frauen aus der Westschweiz und signifikant seltener von Sport treibenden Frauen angegeben. Andrerseits werden auch die positiven Veränderungen häufiger von Frauen aus der Westschweiz beobachtet. Die kontrazeptiven Methoden scheinen keinen signifikanten Unterschied zu bewirken.

Phänomenologisch weisen die prämenstruelle und menstruelle Phase unerwartete Ähnlichkeiten in der Art und Häufigkeit der Symptome auf (Gereiztheit, seelische Überempfindlichkeit als Leitsymptom). Die wichtigste und häufigste Veränderung ist also eine Verschiebung der Reaktionsbereitschaft auf die Umwelt in Richtung erhöhter Vulnerabilität und Aggressivität. Ein tendenzieller, statistisch nicht signifikanter Unterschied besteht darin, dass die Menstruationsphase häufiger auch zu einer Besserung des Wohlbefindens gegenüber der prämenstruellen Phase beiträgt.

Abstract

In a representative survey 234 Swiss women were asked about their menstrual experience by means of a structured in home interview.

In 87 % of the women the menstrual cycle is regular, 20 % report strong and very strong bleeding during menstruation.

During the premenstrual phase more than two thirds of women experience irritability and mood swings. Between half and two thirds of the sample report the following symptoms: Mild lower abdominal pain, breast tension, depressive mood, feelings of tension and mild back pain.

Less than 50 % perceive breast swelling, weight gain, medium to strong abdominal pain, as well as medium to strong back pain. Only 28 % felt better during the premenstruum than in other phases of the cycle.

Regarding menstruation the following symptoms were reported: More than 66 % of women suffer from irritability and mild abdominal pain. Between 50 and 66 % report tiredness, mood swings, feelings of uneasiness and tension, mild back pain, depressive mood, abdominal cramps and low sexual desire. Less than 50 % describe breast tenderness, breast tension, medium and mild abdominal and back pain as well as headache. 31 % report an amelioration of their general well-being compared to other phases of the cycle, 40 % experiencing an increase in sexual desire and 37 % a feeling of “purification”. Most symptoms in both cycle phases are significantly more frequently reported in the French speaking part of Switzerland and significantly less often in regularly exercising women. Positive changes are also more often perceived by the women from the Romandie. No significant influence of contraceptive methods was observed.

From a phenomenological point of view the two cycle phases show similarities in the type and frequency of symptoms (irritability and mood swing being the leading symptoms). There seems to be a shift of the general behavior pattern towards an increased vulnerability and aggressiveness with respect to the environment. A statistically non significant tendency shows an amelioration of the general well-being during menstruation compared to the premenstrual phase.

Literatur

J. Bitzer

Universitätsfrauenklinik

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4031 Basel

Schweiz

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