Fortschr Neurol Psychiatr 2002; 70(11): 601-608
DOI: 10.1055/s-2002-35176
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Einstellungen von Psychiatern zur ärztlichen Beihilfe zum Suizid

Eine Übersicht empirischer UntersuchungenAttitudes of Psychiatrists Toward Physician-Assisted SuicideA Review of Empirical StudiesJ.  Vollmann1 , Eva  Herrmann1
  • 1Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg
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Publication Date:
31 October 2002 (online)

Zusammenfassung

Hintergrund: Die ärztliche Beihilfe zum Suizid (engl. Physician-Assisted Suicide (PAS)) ist zunehmend Thema der öffentlichen Diskussion. Gesetzliche Regelungen existieren bislang in den Niederlanden, Belgien und im US-Bundesstaat Oregon, wo Psychiater Begutachtungsaufgaben im Prozedere des PAS übernehmen. Die Übersichtsarbeit berücksichtigt Ergebnisse aus neun empirischen Studien über die Einstellung von Psychiatern in Großbritannien, Japan, den Niederlanden und den USA zur ärztlich assistierten Selbsttötung. Ergebnisse: Die Zustimmung der Psychiater zu PAS ist in den vier Ländern unterschiedlich hoch (40 - 69 %). Im Vergleich zu anderen Facharztgruppen befürworten Psychiater PAS tendenziell häufiger. Gleichzeitig fordern sie mehrheitlich eine psychiatrische Untersuchung zur Beurteilung der Selbstbestimmungsfähigkeit auch bei primär schwer körperlich Kranken. Schlussfolgerungen: Die Einstellungen zu PAS zeigen Unterschiede zwischen den Psychiatern, im Vergleich zu anderen Facharztgruppen und in den vier untersuchten Ländern. Neben individuellen ärztlichen Werthaltungen müssen bei einer Beurteilung die unterschiedlichen rechtlichen und kulturellen Gegebenheiten eines Landes berücksichtigt werden. Daher können die Ergebnisse nicht direkt auf die deutsche Situation übertragen werden, hier besteht empirischer Forschungsbedarf. Zur Feststellung der Selbstbestimmungsfähigkeit fehlen in der Praxis allgemein anerkannte Kriterien und Methoden. Abzuwarten bleibt, wie sich Veränderungen der rechtlichen Rahmenbedingungen und die Weiterentwicklung der Palliativmedizin auf die Einstellungen zu PAS auswirken werden.

Abstract

Background: Physician-assisted suicide (PAS) is an important subject of the public debate. So far, legal regulations exist in the Netherlands, Belgium and in Oregon (USA). This review reports results of nine empirical studies from Japan, the Netherlands, the United Kingdom and the U. S. which examine attitudes of psychiatrists toward PAS. Results: The approval of PAS by psychiatrists varies between the four countries (40 - 69 %). Comparisons with the attitudes of other physicians show a greater agreement among the psychiatrists. A psychiatric examination in order to evaluate competence even in patients with severe somatic illness was advocated by the majority of psychiatrists. Conclusion: Psychiatrists' attitudes toward PAS vary and are compared with other medical specialities, as well as in different legal and cultural contexts. Therefore, and because of missing empirical studies, results can not be transferred into the context of German speaking countries easily. So far, no acknowledged criteria for the assessment of competence exist. Further empirical research is needed on German psychiatrists' attitudes towards PAS and on competence assessment at the end of life. It remains an open question how legal changes and future developments of palliative care will influence attitudes toward PAS.

Literatur

1 Im Folgenden wird zur besseren Lesbarkeit bei Personenbezeichnungen die männliche Form verwendet. Gemeint sind stets beide Geschlechter.

Prof. Dr. med. Dr. phil. J. Vollmann

Institut für Geschichte und Ethik der Medizin · Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Glückstraße 10

91054 Erlangen

Email: jochen.vollmann@gesch.med.uni-erlangen.de