Physikalische Medizin, Rehabilitationsmedizin, Kurortmedizin 2003; 13(4): 197-198
DOI: 10.1055/s-2003-41369
Editorial
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Physikalische Medizin und Rehabilitation in Europa - Hemmnis oder Chance?

Physical Medicine and Rehabilitation in Europe - Handicap or Chance?C.  Gutenbrunner1
  • 1Institut für Balneologie und Medizinische Klimatologie, Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation, Medizinische Hochschule Hannover
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Publikationsverlauf

Eingegangen: 4. Mai 2003

Angenommen: 6. Mai 2003

Publikationsdatum:
18. August 2003 (online)

Obwohl die deutschen Regierungen die europäische Integration seit vielen Jahrzehnten aktiv fördern, wird die Europäisierung vieler Lebensbereiche häufig noch als Gefahr oder Hindernis empfunden. Nicht erst seit der Einführung des Euro ist aber jedem in Deutschland bewusst geworden, wie sehr sich die europäische Einigung auf alle Lebensbereiche auswirkt. Dabei ist wichtig zu betonen, dass Deutschland und Europa nicht zwei sich gegenüberstehende Blöcke darstellen, sondern, dass Deutschland ein wesentlicher Teil Europas ist. Hieraus resultiert die Notwendigkeit, sich aktiv in die Prozesse der europäischen Einigung einzubringen.

Die Europäisierung betrifft selbstverständlich auch das Rehabilitationssystem und die ärztliche Berufsausübung, einbezogen das Fachgebiet der Physikalischen Medizin und Rehabilitation. So besteht z. B. in Europa eine Niederlassungsfreiheit für alle Facharztgruppen, die in allen europäischen Ländern anerkannt sind, und das Argument einer Angleichung an die Weiterbildungsordnungen anderer europäischer Länder hat eine wesentliche Rolle bei der Integration des Fachgebietes in die (Muster-)Weiterbildungsordnung gespielt. Auch werden die Forschungsfinanzierung zunehmend auf die europäische Ebene verlagert und Lehrstühle international ausgeschrieben bzw. besetzt. Dies sind nur wenige Argumente dafür, dass wir uns aktiv um die europäische Integration unseres Fachgebietes kümmern müssen und uns z. B. an der Erarbeitung europäischer Standards für die Rehabilitation und die europaweite Facharztweiterbildung beteiligen müssen. Da die Rehabilitationsmedizin in den meisten europäischen Ländern besser entwickelt und ausgebaut ist als in Deutschland, bietet die europäische Integration erhebliche Chancen für die Weiterentwicklung unseres Fachgebietes auch in unserem Land. Voraussetzung hierfür ist aber die Kenntnis der bereits bestehenden, gut entwickelten Organisationsstrukturen für das Fachgebiet auf der europäischen Ebene.

Im wissenschaftlichen Bereich entwickelt sich eine funktionierende europäische Fachgesellschaft. So wurde am 19.10.2002 in Wien die European Society for Physical and Rehabilitation Medicine (ESPRM) gegründet, in die auch die DGPMR zwei Vertreter (Prof. Dr. Chr. Gutenbrunner, Prof. Dr. G. Stucki) entsandt hat. Die ESPRM ist Nachfolgeorganisation der Fédération Européenne de Médécin Physique et de Réadaptation. Sie richtet regelmäßig wissenschaftliche Kongresse (ECPRM) auf europäischer Ebene aus. Der 13th European Congress of Physical and Rehabilitation Medicine fand im Mai in Brighton, U. K., statt. An ihm nahmen insgesamt etwa 350 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus allen europäischen Ländern sowie aus den USA und Australien teil (davon allerdings nur neun aus Deutschland). Der nächste ECPRM wird von der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation vom 12. - 15. Mai 2004 in Assoziation mit der DGPMR in Wien veranstaltet (Informationen: www.ecprm2004.org). Diese Gelegenheit sollten alle deutschsprachigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu nutzen, ihre Forschungsarbeiten auf der europäischen Ebene darzustellen und zu diskutieren.

Die Belange der Berufsausübung werden auf europäischer Ebene durch die PMR-Sektion der Union Européenne des Médécins Specialistes (UEMS) vertreten (www.euro-prm.org). In dieser Organisation ist für Deutschland der Berufsverband der in Rehabilitation, Physikalischer Medizin und Prävention tätigen Ärzte ebenfalls mit zwei Delegierten (Prof. Dr. Chr. Gutenbrunner, Dr. M. Leches) vertreten. Aufgabe und Aktivität dieser Organisation sind es, die Facharztbelange in den europäischen Gremien zu vertreten, die Qualität des Faches weiterzuentwickeln sowie die Aktivitäten auf nationaler Ebene zu koordinieren und mit internationalen Institutionen zu vernetzen. So wurden auf der Delegiertenkonferenz in Ljubljana Verbindungspersonen zu allen relevanten Gremien im internationalen Kontext (z. B. ISPRM, WHO) gewählt. Wichtige Aktivitäten der UEMS-PRM-Sektion sind die Erarbeitung von europäischen Qualitätsstandards und die Adaptation des amerikanischen CARF (Commission for Accreditation for Rehabilitation Facilities; www.carf.org)-Systems an europäische Gegebenheiten einschließlich der Festlegung geeigneter Outcome-Assessments und Qualitätskontrolle durch Rehabilitationsspezialisten, die Continuous Medical Education (CME)/Continuous Professional Development (CPD) entsprechend europäischer Normen und die Herausgabe einer europäischen Fachzeitschrift, des Journal for Rehabilitation Medicine.

Für die Facharztweiterbildung ist auf europäischer Ebene das European Board for Physical Medicine and Rehabilitation zuständig. Es vergibt einen europäischen Facharzttitel (European Board Certification), für den qualitätsgesichert Weiterbildungsregeln (Logbook) vorliegen und einmal pro Jahr europaweite Prüfungen durchgeführt werden (National Manager für Deutschland ist Frau Dr. M. Leches). Für lange im Fachgebiet Tätige bestehen bis 2005 Übergangsregelungen. Die Qualität der Weiterbildungsstätten wird durch ein spezielles Qualitätssicherungsprogramm gewährleistet und in so genannten Site visits regelmäßig geprüft (Vertreter für Deutschland: Prof. Dr. Chr. Gutenbrunner). Für Weiterbildungskandidaten, die beim European Board registriert sind, werden darüber hinaus kostenfreie Weiterbildungskurse bei der European School of Marseille (www.mediterranee.univ.-mrs.fr/esm) angeboten.

Obwohl in allen genannten Gremien deutsche Vertreter aktiv mitarbeiten, sind die deutschen Aktivitäten auf europäischer Ebene im Vergleich zu anderen Ländern bisher vergleichsweise gering. Daher sollten alle aktiven Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie alle Ärztinnen und Ärzte des Fachgebietes sich in Zukunft stärker in die europäischen Zusammenhänge einbringen und die damit verbundenen Chancen aktiv nutzen.

Prof. Dr. med. Christoph Gutenbrunner

Institut für Balneologie und Medizinische Klimatologie · Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation · Medizinische Hochschule Hannover · OE 8307

Carl-Neuberg-Straße 1

30625 Hannover

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