ZKH 2003; 47(4): 187-188
DOI: 10.1055/s-2003-45197
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Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Dr. med. Willibald Gawlik (1919-2003)

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Publication Date:
05 December 2003 (online)

Ende September 2003 verstarb der Nestor und Mentor der deutschen Homöopathie, unser Dr. med. Willibald Gawlik. Nestor, der alte König von Pylos, war der älteste und erfahrenste unter den griechischen Königen, die am Trojanischen Krieg teilnahmen, er war der - sprichwörtliche - Ratgeber. Mentor ist in der Odyssee der älteste Freund des jungen, unerfahrenen Telemachos, des Sohnes von Odysseus. Durch zahlreiche Ratschläge und Lehren hilft er in schwierigen Lagen.

Willibald Gawlik war beides: unzählige Kollegen wie auch den Verfasser dieser Zeilen hat er zur Homöopathie gebracht. So soll es Kollegen gegeben haben, die statt einer logischen und vorgeschriebenen Abfolge der Kurse A bis F der Homöopathie-Ausbildung, die normalerweise bei verschiedenen Dozenten belegt werden, jeweils nur in die Kurse gingen, in denen Gawlik sprach, ihm sozusagen innerlich und äußerlich nachreisten.

Wie kam das? Was machte Willibald Gawlik so charismatisch? Oder mit den Worten von Matthias Dorsci, der am 27. Mai 2001 verstarb: „Was war das für ein Mensch?” Er war ein begnadeter homöopathischer Arzt und Lehrer, nicht nur wegen seiner fachlich überragenden Kompetenz, sondern auch wegen seines Humors, seiner Harmonie und seiner Liebe, die aus ihm wirkten.

Willibald Gawlik besaß sehr viel Humor, d.h. die Fähigkeit, auch über sich selbst zu lachen. Darüber hinaus strahlte er etwas aus, das am besten mit dem Wort Harmonie zu umschreiben ist. Harmonie, das ist die Vereinigung, der Ausgleich zwischen Ares und Aphrodite. Und in der Tat: Er hat Ares-Aspekte durchleben müssen, als mutiger Fallschirmspringer über Kreta, als Gefangener in russischer Kriegsgefangenschaft, in Zeiten des Hungers und der Not. Und dennoch hat er die liebevolle Zuneigung zum Nächsten, auch zu seinen Feinden, nie vergessen und ist an ihr gewachsen. Auf der anderen Seite Aphrodite - auch das zugleich ein immer wieder auftauchendes Thema in seinen Vorträgen - Liebe in der leiblichen, aber besonders in der göttlichen Form.

Vielleicht speiste sich hieraus die ungeheure Kraft des Verstorbenen. So erinnert sich der Verfasser an eine Begebenheit, als er zusammen mit J. Wachsmuth W. Gawlik in Greiling/ Bad Tölz persönlich aufsuchte, um mit ihm einen Artikel über Homer zu verfassen: Willibald Gawlik und seine Frau bewirteten uns wie Söhne; dann zeigte er uns sein Arbeitszimmer und seinen Praxisbereich. Was dem Verfasser am meisten imponierte, waren die Schlichtheit der Einrichtung, die riesigen Bücherwände mit Büchern, die überwiegend wirklich gelesen waren und ein Kreuz an der Wand. All das selbstverständlich, selbstsicher und eben voller Kraft.

Dabei kam alles, seine praktische Arbeit ebenso wie sein literarisches Werk, mit leichter Hand aus ihm hervor. Er lehrte und praktizierte die Homöopathie gleichsam spielerisch, angereichert mit vielen Geschichten und Anekdoten. Vielleicht hatte er das von einem seiner Lieblingsschriftsteller, Joseph Freiherr von Eichendorff, der wie er selbst im selben Schloss Lubowitz in Oberschlesien, Willibald Gawliks alter Heimat, ja - so pflegte er zu sagen - im selben Bett geboren wurde.

Und so war es dann auch nicht verwunderlich, dass er direkt (zum ersten Mal nach dem Krieg) Heidelberg aufgesucht hatte, um den Spuren von Joseph Freiherr von Eichendorff nachzugehen. Er wollte auch unbedingt im Hotel jenes Zimmer haben, welches nach eben diesem Dichter benannt ist.

Noch im Frühjahr sah der Verfasser Willibald Gawlik in Freudenstadt (die Stadt, die Dozenten und Schüler haben ihm hier unendlich viel zu verdanken) bei dem Frühjahrskongress für Naturheilverfahren. Er stand unten an der Treppe, hielt den vergoldeten Handknauf des Treppengeländers und schaute auf in den großen Tanzsaal, den er so regelmäßig mit begeisterten Zuhörern füllen konnte: die Treppe war ihm zu steil und zu mühselig geworden. Er schaute mich an und ich schaute zurück, und es war ein Wissen und Erkennen. Er lächelte dabei auch ganz fein und zufrieden. In der letzten Septemberwoche ist er, so sagt man, friedlich eingeschlafen und mit einem Gedicht von Joseph Freiherr von Eichendorff aus dem Vorwort eines seiner Bücher können wir Abschied nehmen:

In Stein schläft Gott,

in der Pflanze träumt Gott

im Tier wacht Gott auf

im Menschen lebt Gott.

Du lebst in unseren Herzen, Willibald Gawlik. Wir werden dich nicht vergessen.

Dr. M. M. Hadulla