Zusammenfassung
Das Erkennen von versteckten gesundheitlichen Risiken und der dazu gehörigen Risikogruppen
ist eine Kernaufgabe des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Nach Erkennung, Bewertung
und Gewichtung des Risikos und Abgrenzung der Risikogruppe muss der ÖGD zusammen mit
den zuständigen Behörden und der Gesellschaft das Problembewusstsein schärfen sowie
Hilfs-, Schutz- und Fürsorgekonzepte erarbeiten. Für die umweltmedizinisch relevanten
Schadstoffbelastungen heißt dies, dass ein Schutz von Risikogruppen auf der Grundlage
der Bewertung der Durchschnittsbelastung und auch der 90er-Perzentile nicht ausreichend
ist, sondern Konzepte und Handlungsstrategien gefunden werden müssen, die auch den
Schutz der am höchsten belasteten 10 % der Bevölkerung mit einschließen.
Die Bewertung von montangeschichtlich entstandenen Schwermetallbelastungen in der
ehemaligen Bergwerks- und Hüttenregion Harz ist eine sehr wichtige Aufgabe der Gesundheitsämter
in der Harzregion. Während früher der Schutz der hüttennahwohnenden Bevölkerung vor
luftbürtigen Blei- und Kadmium-Immissionen im Vordergrund stand, ist heute das Risiko
durch die großflächigen Schwermetallbelastungen des Bodens abzuschätzen. Die Gruppe
der Kleinkinder mit ihrem „Pica-Verhalten”, dem Hand zum Mundkontakt, stellt dabei
die gefährdete Gruppe dar. Es war deshalb die erste Aufgabe bei der Umsetzung der
Bodenschutzverordnung, Richt- und Grenzwerte für Schwermetalle und Arsen im Boden
von Kinderspielplätzen festzulegen und diese Vorgaben dann konsequent zu verwirklichen.
Über die dabei in Goslar gemachten Erfahrungen wird berichtet.
Abstract
Recognising concealed health risks and pertaining high-risk groups is a cardianl task
of the Public Health Services. As far as relevant environmental pollutions concerned
protection of high-risk groups on the basis of appreciation of the average load and
also of the 90th-percentile is insufficient. Public health strategies must be found
which also include protection of the most highly exposed 10 % of the population.
More than thousand years of mining and metallurgical engineering in the Harz mountains
is the reason why heavy metal contamination in soil and air by arsenic, cadmium and
lead is a problem in parts of the Harz region. Small children playing in soil with
their “Pica-behaviour”, hand to mouth contact, to the most endangered group. Therefore
it was the duty of the District Community Physician to declare limit values for heavy
metals and arsenic in the soil of child playgrounds. Experiences in Goslar/Harz region
are reported.
Schlüsselwörter
Öffentlicher Gesundheitsdienst - Risikogruppen - Umweltmedizin - Schwermetallbelastungen
- Grenzwerte für Kinderspielplätze
Key words
Public Health - Health Risk Groups - Environmental Medicine - Heavy metal in Soil
and Air - Limiting Values for child playgrounds
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Heinrich-Pieper-Str. 9
38640 Goslar
eMail: rolf.hennighausen@landkreis-goslar.de