Inf Orthod Kieferorthop 2004; 36(2): 73-74
DOI: 10.1055/s-2004-822751
Gast-Editorial

© Georg Thieme Verlag

Ein Blick nach Amerika

A View to AmericaS. Peck1
  • 1Department of Oral and Developmental Biology, Harvard School of Dental Medicine, Boston, MA
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Publication Date:
30 June 2004 (online)

Von Alexis de Tocqueville bis Alistair Cook ist es lange und gute Tradition geworden, der Alten Welt von Rhythmus und Lebensart der Neuen Welt zu berichten. In der Kieferorthopädie hat dieser Brauch eine besondere Bedeutung. Schließlich war Amerika in unserem Fachgebiet in den vergangenen hundert Jahren führend in der Entwicklung von Behandlungsstrategien, fruchtbarer Boden für Innovationen und ein Motor der Produktentwicklung. Das vorliegende Heft der IOK enthält Beiträge und Ideen von nordamerikanischen Kollegen, die vom Herausgeber Dr. Peter Schwärzler sorgfältig zusammengestellt worden sind.

Kieferorthopäden können heute aus einer Vielzahl an Behandlungsstrategien auswählen. Routinemäßig werden wir mit Fragen wie etwa nach einphasiger oder zweiphasiger Therapie, nach Extraktion, Expansion oder Distalisierung, nach abnehmbaren oder festsitzenden Geräten, nach chirurgischer oder nicht-chirurgischer Therapie, nach Lückenschluss oder Implantatversorgung, nach „diesem Bracket” oder „jenem Bracket” konfrontiert.

Im wissenschaftlichen Schrifttum erscheinen heute mehr Beiträge, als ein spezialisierter Kieferorthopäde überhaupt lesen kann. Für jedes therapeutische Konzept lassen sich mühelos Beiträge finden, die das Verfahren je nach individuellem Standpunkt entweder bestätigen oder verwerfen. Es stellt sich also die Frage, wo sich solide und verlässliche Informationen und Handreichungen finden lassen. Die schlechte Nachricht dabei ist, dass gute praxisorientierte Anleitungen schwerer zu finden sind, denn je. Selbst Präsentationen auf Fachkongressen scheinen immer mehr an Substanz zu verlieren.

Denken Sie daran, wenn Sie die nächste elegante PowerPoint-Präsentation auf einem Fachkongress sehen: viele dieser Shows wollen nur überzeugen oder unterhalten und dienen nicht der Weiterbildung. Lassen Sie sich zum Beispiel nicht von Präsentationen verführen, die Ihnen angeblich die Geheimnisse des „attraktiven Lächelns” vermitteln. Dabei geht es eher um romantische Vorstellungen als um Wissenschaft. Die überwiegende Mehrzahl der kieferorthopädischen Patienten wünscht sich einfach nur gerade und weiße Zähne. Und viele Jugendliche interessiert ihr Gesichtsprofil oder ihre Lippenkontur beim Lächeln herzlich wenig. Die Aufgabe eines Kieferorthopäden besteht immer noch in der Ausrichtung von Zähnen und Kiefern in eine stabile und möglichst funktionale Lagebeziehung. Und das ist Anspruch und Herausforderung genug.

Außerdem sollten wir sehr kritisch auf rein kommerzielle Interessen reagieren, mit denen versucht wird, Methoden zu verkaufen, die nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen. In den hoch entwickelten Ländern Westeuropas und in Nordamerika sind die Ansprüche an die Kieferorthopädie so stark angestiegen, dass eine Behandlung selbst bei minimalen Fehlstellungen nachgefragt wird. Bei solchen geringen Fehlern führt aber fast alles zum Erfolg, eingeschlossen Methoden mit ernst zu nehmenden biomechanischen Einschränkungen. Wenn allerdings scheinbar gute Ergebnisse mit inadäquaten Methoden erreicht werden können, riskieren wir auf Dauer unsere hohen Ansprüche an die Qualität kieferorthopädischer Behandlungsresultate. Und jeder Kieferorthopäde weiß, dass es bei einer qualitativ hochwertigen Therapie nur selten zu Misserfolgen kommt.

Außerdem sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass die Kieferorthopädie als akademische Disziplin an unseren Universitäten durchaus gefährdet ist. Es hat mehrere hundert Jahre gedauert, bis aus herumziehenden Badern der akademisch ausgebildete Berufsstand der Zahnärzte geworden ist. Wenn nun ein typischer kieferorthopädischer Behandlungsplan nur noch darin besteht, dass der Patient sich selbst nacheinander eine Reihe von laborgefertigten Kunststoffgeräten einsetzt, um ein attraktives Lächeln zu bekommen, dann könnten die Universitäten durchaus auf den Gedanken kommen, die Rolle unseres Fachgebietes im Rahmen des Gesundheitswesens zu überdenken. Dies trifft mit Sicherheit auf amerikanische Universitäten zu. Sollten wir uns in Zukunft als bloße De-facto-Kosmetiker verstehen, dann werden wir schließlich aus dem Paradies Gesundheitswesen vertrieben werden. Daher müssen alle Anstrengungen unternommen werden, damit dieser Fall niemals eintritt.

Handelt es sich nur um ein Déjà-vu-Erlebnis oder begründet gerade eine neue Generation von Nichtextraktionisten ihre Methoden aufs Neue? Die Doktrin von der Nicht-Extraktion wird heute von vielen Kieferorthopäden und Zahnärzten vertreten, die damit Eltern und Patienten genauso umgarnen, wie bereits vor fast einhundert Jahren. Man versucht mit sanft expandierenden Nickel-Titan-Drähten (NiTi) und neuen Distalisationsverfahren erneut, im Sinne von Wolffs Gesetz, die Kiefergröße gewaltsam an die Zahngröße anzupassen. Es gibt inzwischen Berichte, dass in einigen Regionen Europas und Nordamerikas die Zahl der kieferorthopädischen Zahnextraktionen gegen Null tendiert. Und das, obwohl aus epidemiologischen Studien bekannt ist, dass dort etwa 15-25 % der Bevölkerung ein Missverhältnis zwischen Zahn- und Kiefergröße aufweisen. Selbst in Japan wächst die Zahl militanter Nonextraktionisten, obwohl dort bei etwa 70-80 % aller kieferorthopädischen Patienten ausgeprägte Engstände zu beobachten sind. Man muss daran erinnern, dass die Behandlung eines Extraktionsfalles wesentlich mehr an Können und Geduld erfordert, als die einfache Ausrundung eines Zahnbogens. Und das ist die schlechte Nachricht: kieferorthopädisches Können und Geduld scheinen immer mehr in den Hintergrund zu treten.

Um die Kieferorthopädie in Amerika ist es jedoch nicht ganz so schlecht bestellt. Hier gibt es viele neue Entwicklungen, die unser wunderbares Fachgebiet weiterbringen werden. Der wahrscheinlich wichtigste Fortschritt des vergangenen Jahrhunderts ist wohl die forcierte Gaumennahterweiterung bei unseren wachsenden Patienten. Neue Materialien für festsitzende Apparaturen und superelastische Drähte haben unsere therapeutischen Möglichkeiten deutlich erweitert. Erst vor wenigen Jahren kamen digitale Bildverarbeitung und internetgestützte Kommunikation und Forschung dazu. Dies hatte eine dramatische Verbesserung unserer diagnostischen Möglichkeiten zur Folge, wie wir uns das früher nicht hätten vorstellen können. Der wissenschaftliche Kontakt und Austausch zwischen Kollegen, die durch einen Ozean getrennt sind, war zu keiner Zeit einfacher, als mit den heutigen Wunderwerken moderner Technik. Amerikaner und Europäer teilen dieselben wissenschaftlichen und ethischen Grundsätze und Werte. Und heutzutage haben wir die Möglichkeiten, gemeinsam an der aufregenden Zukunft unserer Profession zu arbeiten - in Echtzeit.