Psychother Psych Med 2005; 55(3/4): 232-235
DOI: 10.1055/s-2004-834585
Interview
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Wider eine Moral der Leidensfeindlichkeit

Interview mit Horst-Eberhard RichterAgainst a Morale of Adverseness Towards SufferingInterview with Horst-Eberhard RichterUwe  Gieler1
  • 1Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie (Leiter: Prof. Dr. Ch. Reimer)
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Publication History

Eingegangen: 15. November 2004

Angenommen: 20. November 2004

Publication Date:
16 December 2004 (eFirst)

Uwe Gieler: Lieber Herr Richter, Sie waren von 1962 bis zu Ihrer Emeritierung 1991 Direktor des Zentrums für Psychosomatische Medizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen und haben dieses Zentrum mit aufgebaut und seine Bedeutung maßgeblich geprägt. Wie sehen Sie die heutige Entwicklung der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie?

Horst-Eberhard Richter: Die heutige Situation erinnert mich in manchem an die 50er-Jahre, als ich als junger Psychoanalytiker meine Studien zu „Eltern, Kind und Neurose” und meine psychiatrische Facharztausbildung absolvierte. Die Prognose meines damaligen Psychiatrie-Chefs lautete: Bald würden Neurophysiologie und Neurochemie die psychischen Krankheiten so weit aufgeklärt haben, dass diese vom Organischen aus kausal behandelt werden und Psychotherapie weit gehend überflüssig machen könnten. Eine ähnliche illusorische Einstellung gibt es auch heute. Natürlich wird die Hirnforschung noch große Fortschritte machen, auch die Biogenetik. Und man kann auf ganz praktische Weise psychoanalytische Therapie überflüssig machen, indem man sie schlicht nicht mehr anwendet - wie etwa in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschehen. Aber dann kam die verstehende Psychosomatische Medizin neben der objektivierenden Naturwissenschaft auf. Wie kein anderer hat Viktor von Weizsäcker eine ganze Generation von jungen anthropologischen Medizinern befruchtet. Ihm folgten Mitscherlich, Kütemeyer, Christian, Wyss, Thomä, von Uexküll und ich hier in Gießen. Die psychoanalytische Sichtweise verbreitete sich dann in den 60er- und 70er-Jahren geradezu stürmisch. Die biografische Erforschung psychosomatischer Langzeitschäden nach Verfolgung wurde zu einem wichtigen Thema. Erst die verstehende psychoanalytische Psychosomatik schuf hier einen befriedigenden Zugang, nachdem die klassische deutsche Schulpsychiatrie nur konstitutionelle Psychopathien oder kurzfristige traumatische Erlebnisreaktionen anerkannt hatte.

Uwe Gieler: Damals war die Definition des posttraumatischen Stresssyndroms noch nicht bekannt, sodass man dies noch nicht so richtig einschätzen konnte. Sie haben gesagt, dass Sie die jetzige Zeit auch wieder an die 50er-Jahre erinnere. In der Tat könnte man bei dem Stichwort „Humangenomprojekt” oder im Zeitalter der Molekularbiologie mit ihren enormen Fortschritten wieder den Eindruck gewinnen, als wäre alles auf der Basis eines naturwissenschaftlichen Weltbilds erklärbar. Ist es das, was Sie daran erinnert?

Horst-Eberhard Richter: Das naturwissenschaftliche Erklären wird in der Tat noch sehr große Fortschritte machen. Aber vielen rein naturwissenschaftlich denkenden Medizinern fehlt die philosophische Bildung, die sie lehren könnte, dass auf diese Weise immer nur objektivierbare Zustände und Prozesse aufgeschlüsselt werden können. Es fehlt der Zugang zu den lebensgeschichtlichen und sozial verwurzelten Hintergründen des Krank-Seins. Und es fehlt die Dimension des Moralischen, der Verantwortung und der Mutualität. Auch Empfinden und Mitempfinden gehen bei der Objektivierung des vermeintlichen Maschinenwesens Mensch verloren. Der Humangenetiker Müller-Hill schreibt: „Je teurer die Maschinen, mit denen der Forscher den anderen Menschen misst, desto weiter entfernt er sich vom untersuchten Menschen selbst.” Der Mensch wird zum gehorchenden Objekt. Viktor von Weizsäcker, der ja selbst von der Naturwissenschaft her kam und eine Weile von der Perversion der medizinischen Ethik in der Nazizeit beeinflusst war, kam im Nachhinein zu dem Ergebnis, dass die Gefühllosigkeit des objektivierenden Denkens mit den schlimmen Folgen „durch die Denkweise einer Medizin” zustande kam, „welche die Menschen betrachtet wie ein chemisches Molekül oder einen Frosch oder ein Versuchskaninchen”. „Wissenschaft ohne Menschlichkeit” hat Alexander Mitscherlich zunächst sein Buch genannt, in dem er die unmenschlichen Entgleisungen der Medizin im Nazistaat beschrieb.

Die Weizsäckersche Psychosomatische Medizin, die meine Forschergeneration geprägt hat, wird wieder auferstehen, wenn der Fortschritt wieder mehr als Humanisierung statt als Erweiterung technischer Machbarkeit verstanden werden wird. Weizsäcker hat einmal auf einer Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin seinem prominenten internistischen Kritiker Martini entgegengehalten: „Du gleichst dem Geist, den Du begreifst, nicht mir!” Das war provozierend, aber inhaltlich zutreffend: Die analytisch verstehende Psychosomatische und Psychosoziale Medizin forscht und handelt in einem anderen als dem objektivierenden Verständnis vom Menschen. Aber ich bin so optimistisch zu erwarten, dass diese Sichtweise wieder mehr Interesse und Aufmerksamkeit finden wird.

Uwe Gieler: Sie wurden 1957 mit einer Arbeit „Akustischer Funktionswandel bei Sprachtaubheit” zum Dr. med. promoviert und haben später viel über die Herzneurose geforscht. Diese psychosomatischen Arbeiten wurden später von Ihnen nicht mehr aufgegriffen. Warum wollten Sie nicht weiter psychosomatisch forschen?

Horst-Eberhard Richter: Ich muss Ihnen widersprechen. Gerade bin ich dabei, mit Dieter Beckmann unser Buch „Herzneurose” nach gründlicher Neubearbeitung in vierter Auflage beim Psychosozial-Verlag wieder herauszubringen. Aber auch sonst habe ich meine psychosomatischen Forschungen am Zentrum bis zu meiner Emeritierung ununterbrochen weitergeführt. Aber ich habe besonderes Gewicht auf zwei miteinander verknüpfte Schwerpunkte gelegt. Nämlich erstens auf die Psychologie schwer heilbarer oder unheilbarer Organkrankheiten, zweitens auf die Familiendynamik bei solchen Krankheiten und generell bei psychosomatischen Störungen. Beide Sichtweisen lagen nicht im Mainstream derjenigen Psychosomatiker, die sich wieder mehr an die Naturwissenschaft angenähert haben. Im letzten Jahrzehnt vor meiner Emeritierung habe ich in zwei je fünfjährigen Projekten die Familiendynamik und Familientherapie bei Krebserkrankungen und anschließend bei Chorea Huntington erforscht - mit Peter Möhring und Alfrun von Vietinghoff-Scheel bzw. mit Marianne Jarka und Burkhard Brosig. Das sind Themen, die in meinem Verständnis von psychosomatischer Medizin eine viel größere Rolle spielen sollten - nämlich die Verarbeitung chronischer schwerer Krankheit - seitens der Patienten, seitens der Familie, seitens des Arztes und des Pflegepersonals. Bei Unheilbarkeit reagiert die objektivierende Medizin oft ratlos und verlegen, weil sie ihre Machtlosigkeit schwer ertragen kann. Sie ruft dann eher nach dem Klinikseelsorger, anstatt auch hier im Umgang mit dem Kranken eine wichtige ärztliche zu erforschende Aufgabe zu erkennen.

Was die Herzneurose anbetrifft, so hat sich dazu einige Literatur über Verhaltenstherapie und Pharmakotherapie angesammelt. Aber abgesehen von den reinen Phobien ist es um die Verhaltenstherapie in letzter Zeit stiller geworden. Auch die Pharmakotherapie musste ihre Grenzen anerkennen.

Uwe Gieler: Das stimmt. Also ich erinnere mich, dass es bei dem Europäischen Kongress zur „Psychosomatic Research” in Berlin 2004 u. a. einen sehr guten Vortrag über eine Typ-D-Persönlichkeit bei Herzinfarkt oder bei Herzpatienten, auch herzneurotischen Patienten gab, der eine Verbindung zwischen sozialphobischem Verhalten, Scham und alexithymen Zügen durchaus als normal zeigte. Insofern scheinen die Theorien, die Sie mit Beckmann aufgestellt haben, ja insgesamt der richtige Weg gewesen zu sein.

Horst-Eberhard Richter: Die Forschung, die Sie hier gerade beschreiben, liegt aber nicht auf dem Wege der Arbeiten, die wir von einer psychoanalytischen Theorie her eröffnet haben. Ich habe in die Neufassung unseres Herzneurose-Buches gerade noch ein Beispiel eingearbeitet, das unsere Theorie der Bedeutung von Abhängigkeit und Trennungsambivalenz anschaulich bestätigt. Hier hat uns Freud selbst mit seiner eigenen Herzneurose geholfen. Er litt ja ein paar Jahre an typischen herzneurotischen Anfällen - mit Herzbeschwerden, massiven Ängsten und der typischen hypochondrischen Sorge, demnächst an einem Herzleiden zu sterben. Wie alle Herzneurotiker ließ er sich auch durch ärztliche Diagnose nicht von der Überzeugung abbringen, organisch herzkrank zu sein. Freuds Störung hing seinerzeit mit seiner ganz engen, fast symbiotischen Bindung an Wilhelm Fliess zusammen, den er enthusiastisch verehrte. Die Krankheit fiel zusammen mit der Zeit seiner Eigenanalyse. Da entstand ein massiver Krach zwischen ihm und Fliess, als er darauf bestand, dass die Entdeckung der Bisexualität des Menschen von ihm und nicht von Fliess herrührte. Tatsächlich hatte er vergessen, dass Fliess der Entdecker gewesen war. Im Zuge dieses Krachs löste sich Freud von Fliess und kurierte zugleich seine Herzneurose. Die Aufstellung der Theorie vom negativen Ödipuskomplex besiegelte gleichsam die Selbstheilung.

Uwe Gieler: Welche Impulse würden Sie den heutigen Psychosomatikern geben wollen?

Horst-Eberhard Richter: Zunächst würde ich einem jungen Arzt empfehlen, sich von vornherein zu prüfen, ob er wirklich Psychosomatiker oder Verhaltensmediziner werden will. Als ich seinerzeit Viktor von Weizsäcker um Rat für meine Weiterbildung bat, erklärte er mir, dass er seinerzeit mit einer naturwissenschaftlichen Weiterbildung begonnen habe. Heute rate er dazu, zuerst Psychoanalyse zu lernen. Das habe ich befolgt, und das ist auch meine Auffassung geblieben. Von den Grundlagen der Molekularbiologie, der Neurophysiologie, der Humangenetik und der Lerntheorie sollte man eine Ahnung haben. Aber in der eigentlichen Psychosomatik geht es primär um Verstehen. Man muss lernen, in sich selbst hineinzusehen und zu erkennen, wie man von anderen berührt wird und welche eigenen Motive den Umgang mit anderen bestimmen. Man muss sich üben, im Inneren von anderen zu lesen und gleichzeitig darauf zu achten, wie dieses Lesen vom eigenen Inneren mitbestimmt wird. Dazu ist eine eigene Lehranalyse die wertvollste Hilfe. Aber zusätzlich ist eine Gruppenselbsterfahrung nützlich.

Es gibt heute eine Unmenge von Psychotherapieverfahren, die keiner mehr vollständig übersieht. Allein die Psychoanalyse präsentiert sich in sehr verschiedenen Varianten. Es gibt aufdeckende und stützende, introspektive und dramatische, meditative und körperorientierte, übende und musische Therapiemethoden. Bei der Auswahl würde ich raten, auf ein Merkmal besonders zu achten, nämlich, ob die Methode eher auf eine narzisstische Isolierung des Ich oder auf eine Erweiterung von Gemeinschaftsfähigkeit zusätzlich zu vertiefter Selbsteinsicht führen will. Heute geraten die Einzelnen unter zunehmenden Druck einer ökonomisierten Gesellschaft, in der sie es allein immer schwerer haben, eine konstante, stabile und widerstandsfähige Identität aufzubauen. Die Wirtschaft wünscht sich optimal flexible Menschen, die sich ihrer Unstetigkeit und ihren Umbrüchen glatt anpassen können, sich nirgends mehr fest verwurzeln, vielmehr nach Belieben so oder so verschieben lassen. Täglich wird uns der Leitbegriff Flexibilität vorgehalten. Aber Flexibilitas bedeutet sich biegen, sich krümmen bzw. sich verbiegen lassen. Diese Wendigkeit produziert chamäleonartige Charaktere, die in einer unverlässlichen Welt selbst immer unverlässlicher werden. Aber Untersuchungen von Brähler und mir zeigen, dass anscheinend wieder mehr Wir-Bedürfnisse wachsen. Im Gießen-Test wünschen sich die Menschen wieder mehr Nähe, engere Kooperation, längerfristige Beziehungen. Angestiegen ist auch wieder die Sorge um andere. Dies ist übrigens ein gutes Beispiel, wie die Naturwissenschaft bei einem nach psychoanalytischen Kriterien gebildeten Test durch Zählen und Messen Befunde statistisch sichern kann. In dieser dienenden Funktion bildet die naturwissenschaftlich-methodische Forschung auch in der Psychosomatik nach wie vor eine wichtige Hilfe. In der klinischen psychosomatischen Forschung ist nach meiner Erfahrung die Zusammenarbeit von Psychoanalytikern mit mathematisch ausgebildeten Methodikern von hohem Wert, wie ich selbst über Jahrzehnte erfahren habe.

Uwe Gieler: Wie sehen Sie die Entwicklung der heutigen Kassenpsychotherapie? War das in Ihrem Sinne, haben Sie sich das so vorgestellt, das Gutachterverfahren und die begrenzten Zeiten für Psychotherapie oder hatten Sie andere Visionen?

Horst-Eberhard Richter: Als es einst darum ging, die Integration der Psychotherapie in das System der Kassenleistungen anzustreben oder zu verwerfen, hatten Mitscherlich und ich einseitig den Vorteil im Auge, analytische Psychotherapie und Psychosomatik auch den weniger begüterten Schichten der Bevölkerung zugänglich zu machen. Niemand hat sich damals vorgestellt, welchen einengenden Vorgaben, Kontrollen, Effizienzkriterien eine neue Generation von Psychotherapeuten in Zukunft begegnen würde. Es wäre ein eigenes Forschungsthema zu ergründen, wie sich die Bestimmungen der Kassenpsychotherapie auf Therapeut und Patient und ihre Beziehung zueinander auswirken. Ich bin mit meinen 81 Jahren persönlich nicht mehr davon betroffen. Mit Erschrecken sehe ich hier Auswüchse, Psychotherapie und Psychosomatik unter Kontrolle nach ökonomischen äußeren Kriterien zu bringen, die unserer Arbeit ganz unangemessen sind.

Uwe Gieler: Sie haben ja wesentlich auch als Familientherapeut gearbeitet, und die Familientherapie ist ja nun keine kassenpsychotherapeutische Leistung geworden. Sind Sie darüber traurig?

Horst-Eberhard Richter: Ja. Wir haben vor ein paar Jahren einen Berufsverband für Psychoanalytische Familientherapie gegründet und mehrere hundert Kollegen dafür als Mitglieder geworben. Wir sehen in diesem Verband ein Instrument, für die Anerkennung der Familientherapie in Zukunft noch intensiver zu kämpfen. Wenn ich denke, wie lange es gedauert hat, ehe die nichtärztlichen Psychotherapeuten ihre Gleichstellung mit den Ärzten erreichten, so wird es wohl auch bei der Familientherapie noch eine Weile dauern. Aber das Grundproblem ist ja hier auch wieder die Einengung des Medizinsystems auf die von der Naturwissenschaft entlehnte Sichtweise: Da gibt es nur den individuellen Krankheitsträger mit einem psychischen Apparat, der an der Maschine Organismus hängt. Die Familienneurosen, die ich in „Patient Familie” beschrieben habe, passen nicht zu dem individualistischen Krankheitsbegriff. Wenn mehrere in einer Familie unter einem schweren gemeinsamen Konflikt krank werden, so kann heute nur jeder Einzelne eine Therapie beanspruchen, die aber vielfach nicht hilft, wenn der Konflikt wie ein Netzwerk mehrere Personen umfasst.

Lassen Sie mich dies an einem Beispiel skizzenhaft erläutern:

Eine 43-jährige Mutter von zwei Kindern weiß, dass sie mit vielfachen Metastasen nach Brustkrebsoperation nur noch eine kurze Zeit zu leben hat. Ihr Mann, Lehrer, hat durchgesetzt, dass ihr Zustand vor den Kindern verschwiegen wird, um diesen Beunruhigung zu ersparen. Aber die 7-jährige Tochter kann abends nicht mehr einschlafen. Neuerdings weigert sie sich, zur Schule zu gehen, weil sie fürchtet, auf dem Weg könnte ein toter Vogel liegen. Ihr 11-jähriger Bruder geht kaum noch aus dem Haus und sitzt stundenlang bedrückt in seinem Zimmer. Der Vater flüchtet sich zu Bekannten oder ins Lokal, weil ihn der Anblick der zunehmend verfallenden Frau quält. Sie landet bei mir in der Ambulanz, weil sie den Zustand nicht mehr aushält. Sie leidet unter ihrer Sterbeangst, aber auch an Schuldgefühlen, weil sie sich als Belastung für die anderen in der Familie erkennt. Drittens fürchtet sie, der Ehemann würde nach ihrem Tod die Kinder nicht mehr hinreichend betreuen können. In der Familientherapie, zusammen mit einer Kollegin ausgeführt, besuchen wir die Familie zu Hause, weil diese Frau immer schwächer wird. Wir arbeiten teils gesondert mit dem Ehepaar und mit den Kindern, aber auch gemeinsam mit der Familie. Als erste fasst sich die 7-jährige ein Herz, fragt in der gemeinsamen Runde: „Mutti, wenn Du dann im Himmel sein wirst, kannst Du uns dann noch sehen”? „Ich werde auch immer noch bei Euch sein, und Ihr werdet mich weiterhin spüren”, antwortet die Mutter. Diese Offenlegung wirkt wunderbar befreiend. Jetzt kann über die Lage gesprochen werden. Die Kinder leben wieder auf. Die vorher erstarrte Patientin erwacht zu unerwarteter Kreativität. Sie besinnt sich auf ihre frühere Freude am Herstellen von Scherenschnitten. Nun fertigt sie zum Vergnügen der Kinder mit großem Geschick kleine Kunstwerke an. Der Ehemann engagiert sich wieder mehr zu Hause. Alle zusammen besuchen mit dem Auto noch verschiedene Sehenswürdigkeiten in der weiteren Umgebung, für die sich die Kranke lange schon interessiert hatte. Kurz vor ihrem Tod kauft die Patientin noch einen sehr lebhaften Setter für die Kinder. Er soll ihnen Freude machen, wenn sie nicht mehr da sein wird. Wir haben die Familie noch Monate nach dem Tod der Frau besucht: Die Kinder haben sich vollständig erholt und haben die Verabschiedung offenbar sehr gut verarbeiten können. Ihr Vater kümmert sich sehr zuverlässig um sie. Man merkt ihm die Genugtuung an, dass er sich in der Endphase doch noch bewährt hat. Und der Hund, das von der Mutter hinterlassene Stück Leben, macht allen Freude.

Unsere Arbeit mit Krebs- und Chorea-Huntington-Familien diente auch dazu, den Blick für eine Forschungsrichtung zu öffnen, die unter der objektivierenden Blickweise leicht zu kurz kommt. Da geht es um die Psychosomatik der Leidensfähigkeit. Auch hier wird wieder die Abweichung von der naturwissenschaftlichen Perspektive deutlich. Das naturwissenschaftliche Erkennen hat immer mit Macht zu tun. Freud hat überzeugend erläutert, dass der Wissensdrang als Abkömmling des Bemächtigungstriebes anzusehen ist. So entsteht eine Forschung, die auf Krankheitsursachen ausgerichtet ist, um diese der Verfügungsmacht der Therapie zu unterwerfen. Die Ohnmacht des Leidens soll besiegt werden. Das gilt für die Naturwissenschaft allgemein bis hin zur Spaltung des Atomkerns und der Entschlüsselung des Zellkerns. Überall geht es um die Verwandlung menschlicher Ohnmacht in Macht. Aber die Medizin hat es ja eben auch ganz zentral mit der Schwäche des Menschen zu tun, die nur erlitten werden kann. Ohnmacht, Zerbrechlichkeit sind in der Sicht des naturwissenschaftlichen Bemächtigungsstrebens nur Feinde. Krankheit soll bewältigt werden, was sprachlich von Be-gewaltigen und Ver-gewaltigen (siehe Grimms Lexikon) herkommt. Leben aber ist wesentlich auch Leiden. Zerbrechlichkeit ist in uns angelegt. Intakt ist nur der Mensch, der auch Tragfähigkeit für Leiden entwickelt hat. Dazu gehört die Fähigkeit zum Trauern, das Lernen krank zu sein, Schuld zu akzeptieren und die Sterbeangst auszuhalten. Wer nicht leiden kann, ist auch unfähig zum Mitleiden. Der hasst in sich selbst das Leiden als Niederlage und will dementsprechend auch das Leiden anderer nicht an sich heranlassen. „Leid werde ich nicht sehen!” sagt die Hure Babylon in der Offenbarung des Johannes - Hure Babylon als Synonym für das alte Rom in der Verfallszeit. Aber dafür, so heißt es, wird die Hure Babylon gerichtet werden. Leid wollen wir nicht mehr sehen, sagten die Erbforscher schon vor 1933. Und sie machten daraus eine Ethik, die Behinderungen und schwere erbliche Krankheiten zu „unwertem Leben” erklärten und eine entsprechende Ausrottungsstrategie entwickelten. Die Folgen sind bekannt. Die beiden Kongresse „Medizin und Gewissen” 1996 in Nürnberg und 2000 in Erlangen, denen ich den Namen gab, dienten u. a. auch dazu, die grundsätzliche Anfälligkeit der Medizin für eine Moral in Leidensfeindlichkeit zu untersuchen. Es war für mich eine große Freude, dass diese beiden Kongresse von 1500 - 2000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern besucht wurden, von Medizinstudenten, Psychosomatikern, Humangenetikern, Pflegekräften. Mit dabei waren auch die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, der Präsident der Bundesärztekammer, die Gesundheitsministerin.

Uwe Gieler: Ja und Sie haben damit sicherlich auch Kosten gespart vermutlich für die Krankheiten, die sonst hätten behandelt werden müssen, aber das ist immer schwer nachweisbar, und das ist das, was man eben evidenzbezogen nicht fassen kann. Herr Richter, in Ihrem letzten Aufsatz im Deutschen Ärzteblatt vom 14. Mai 2004 schreiben Sie, dass die Psychoanalyse immer dort verdrängt wird, wo gefügige Untertanen gesucht werden. Wie schätzen Sie die Bedeutung der Psychoanalyse in unserer Gesellschaft heute ein, wo sie auch ja mehr und mehr verdrängt wird einerseits von der Verhaltenstherapie, aber eben auch von der sog. psychodynamischen Psychotherapie, die sich ja aus der Psychoanalyse entwickelt hat?

Horst-Eberhard Richter: Für die heutige Einschätzung der Psychoanalyse in der Gesellschaft habe ich mehrere Hinweise. Als der Schweizer Verband der Psychotherapeuten, in dem alle psychotherapeutischen Richtungen vertreten sind, kürzlich sein 30-jähriges Jubiläum feierte, hatte man mich als Psychoanalytiker für die Festrede eingeladen. Und ich hatte nicht den Eindruck, dass man die Wahl eines Psychoanalytikers bereut hätte. In Paris wird zurzeit Psychoanalyse ganz heiß diskutiert. Der „Nouvel Observateur” hat soeben von mir einen bestellten Artikel zur Situation der Psychoanalyse abgedruckt. Demnächst werde ich in Paris mehrere Interviews haben und in einer Veranstaltung über Mitscherlich mitwirken. Ich merke, dass die Beachtung für psychoanalytische Gesellschaftsanalyse und Kritik in den letzten Jahren stark angestiegen ist, während umgekehrt die Psychoanalyse zumindest in der klassischen Form als hochfrequentige Langzeitanalyse trotz des Erfolgsbeweises durch die Katamnesestudie von Marianne Leuzinger-Bohleber überall an Zuspruch und Ansehen eingebüßt hat. Aber mit ihren grundsätzlichen Erkenntnissen vom Unbewussten, von Widerstand und Übertragung lebt die Wissenschaft Freuds in kürzeren und modifizierten Therapieformen munter weiter.

Im Vergleich ist aber das deutliche Anwachsen des Interesses für „Politische Psychoanalyse” erstaunlich. Das habe ich gerade auch als Peter-Ustinov-Gastprofessor der Wiener Universität an dem Echo ablesen können. Auch die internationale Resonanz des Buches „Narzissmus und Macht” von Hans-Jürgen Wirth möchte ich dafür als Beispiel nennen. Es liegt sicherlich auch wesentlich an der Art ihrer Angebote, wie und in welchem Maße die Psychoanalyse es erreicht, von der sich wandelnden Gesellschaft angenommen zu werden.

Uwe Gieler: Vielleicht noch etwas Persönlicheres. Sie haben ja, wie ich weiß, in der letzten Zeit selbst auch körperliche Reaktionen und damit die heutige Medizin erlebt oder erleben müssen, und Sie machen einen völlig gesunden und, wenn man das fachmännisch ausdrückt, einen mit einem positiven Copingverhalten besetzten Eindruck. Wie haben Sie es geschafft, mit der Situation einer Krankheit, zumal lebensbedrohlich, wieder fertig zu werden und wieder den Lebensmut und die Zuversicht und die Hoffnung zu finden, die Sie immer hatten?

Horst-Eberhard Richter: Ich glaube, dass mir umgekehrt durch eigene Krankheiten und dann vor allem durch therapeutische Anteilnahme am Leiden anderer klar geworden ist, welche Heilungskräfte in uns stecken. Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch geschrieben: „Wer nicht leiden will, muss hassen.” Soeben hatte ich erwähnt, dass ich in der Forschung gerade den Umgang mit schwer oder unheilbar Kranken gesucht habe, wobei mir die Erfahrung zuteil wurde, wie gerade in solchen Zuständen ein inneres Wachstum und eine Erweiterung des Empfindens und Mitempfindens stattfinden kann. Und daraus kann wiederum Kraft fließen, sich zu engagieren und Verantwortungsbewusstsein zu erweitern. Max Horkheimer hat einmal eine Rede über Pessimismus mit dem Satz abgeschlossen: „Mit theoretischem Pessimismus könnte sich eine nicht unoptimistische Praxis verbinden.” Ich habe diesen Satz für mich als Prinzip umformuliert in: „Man kann seinem theoretischen Pessimismus mit optimistischer Praxis widersprechen.”

Prof. Dr. Uwe Gieler

Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie · Justus-Liebig-Universität Gießen

Ludwigstraße 76

35392 Gießen

Email: uwe.gieler@psycho.med.uni-giessen.de