Psychother Psych Med 2005; 55(3/4): 167-168
DOI: 10.1055/s-2004-834744
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Förderung der Psychotherapieforschung

Support of Psychotherapy ResearchBernhard  Strauß1
  • 1Institut für Medizinische Psychologie, Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität, Jena
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
30. März 2005 (online)

In einem Beitrag im letzten Jahrgang der Zeitschrift PPmP wurde von der damaligen Forschungskommission des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin (DKPM) eine Bestandsaufnahme der Drittmittelforschung im Bereich der Psychosomatischen Medizin, Medizinischen Psychologie und Psychotherapie vorgelegt [1]. Ein Fazit dieser Zusammenstallung war, dass in der Vergangenheit die psychosoziale Forschung durch die einschlägigen Drittmittelgeber durchaus in beträchtlichem Maß gefördert wurde, dennoch diese Forschung naturgemäß gegenüber den klinischen Studien im Bereich der Pharmakotherapie im Nachteil war. Dies war vor einigen Jahren Anlass für Vertreter wissenschaftlicher Fachgesellschaften und des wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie der Bundesärzte- und der Bundespsychotherapeutenkammer, beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vorstellig zu werden, um für eine zusätzliche Förderung von Psychotherapieforschung zu werben. Nach langem Verhandeln und vielfältiger Planung wurde Ende des Jahres 2004 der lange erwartete Förderschwerpunkt Psychotherapieforschung durch das BMBF ausgeschrieben (vgl. www.bmbf.de/foerderungen/3304.php):

„Die bisherige Entwicklung der Psychotherapieforschung in Deutschland wurde gleichzeitig in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie Psychiatrie, Psychosomatik sowie klinische und medizinische Psychologie durchgeführt. Mit der beabsichtigten Förderung soll neben der inhaltlichen Weiterentwicklung der Psychotherapieforschung auch ein Beitrag zur Verbesserung der interdisziplinären Kooperation und zur Verbesserung der Forschungsstrukturen geleistet werden. Ferner soll der Transfer aktueller Forschungsergebnisse in die Praxis unterstützt werden. Es ist vorgesehen, im Rahmen des Programms „Forschung für die Gesundheit” der Bundesregierung bis zu vier überregional angelegte Forschungsverbünde zu spezifischen Störungsbildern mit einer Organisations- und Koordinationsstruktur, themenbezogenen Forschungsprojekten und bei Bedarf verbundübergreifende Projekte zu fördern. In jedem Verbund soll das einschlägige Potenzial an Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen und Institutionen für das jeweilige Störungsbild zusammengeführt werden.”

Seit der Ausschreibung haben sich zahlreiche (zu hören ist von mindestens 20 - 30) Gruppen gebildet, die versuchen, mit hochkarätigen Anträgen den Wettbewerb um die ausgeschrieben Forschungsgelder (die Rede ist von ca. 18 Mio. Euro in einem Zeitraum von 6 Jahren) anzugehen. Die Vorgaben des Ministeriums sind sehr differenziert:

„Es sollen interdisziplinäre Forschungsverbünde gefördert werden, in denen sich Arbeitsgruppen an universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie forschungsorientierte Versorgungseinrichtungen zur Bearbeitung von Forschungsthemen zu spezifischen Störungsbildern überregional zusammenschließen. Für die Durchführung versorgungsorientierter Forschungsansätze und die Verbesserung des Wissens- und Ergebnistransfers in die Versorgung sollen an geeigneten Standorten der Verbünde lokal oder regional angelegte Kooperationsstrukturen mit Versorgungseinrichtungen aufgebaut werden, die z. B. eine modellhafte Implementierung und Evaluation von Behandlungsstrategien ermöglichen. Versorgungs- und Kostenträger sind gegebenenfalls frühzeitig einzubinden. Einzelvorhaben ohne Zugehörigkeit zu einem Verbund werden nicht berücksichtigt.

Die Verbünde sollen sich mit jeweils einem gesundheitspolitisch relevanten psychischen Störungsbild befassen.

Es sollen schwerpunktmäßig patientenorientierte, klinische und versorgungsorientierte Forschungsvorhaben zu spezifischen Störungsbildern gefördert werden, die sich insbesondere mit den folgenden Themenbereichen befassen:

1. Ergebnis- und Prozessforschung bei spezifischen Störungsbildern
Voraussetzung für ein besseres Verständnis und die Weiterentwicklung psychotherapeutischer Behandlungsverfahren ist die Untersuchung der Wirkungsweise verschiedener psychotherapeutischer Methoden bei unterschiedlichen Störungsbildern. Dazu soll im Rahmen des Förderschwerpunktes Ergebnis- und Prozessforschung betrieben werden. Dazu kann auch der Vergleich verschiedener psychotherapeutischer Verfahren untereinander oder mit medikamentösen Behandlungsverfahren gezählt werden. Studien, die ausschließlich der Evaluation von Medikamenten dienen, sind nicht Gegenstand der Förderung.

2. Rahmenbedingungen und Praxistransfer
Die tatsächliche Wirksamkeit evaluierter psychotherapeutischer Verfahren unter Alltagsbedingungen hängt von verschiedenen Strukturmerkmalen und Rahmenbedingungen des Versorgungssystems ab. Für die Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgungspraxis sind daher Untersuchungen zu Versorgungsbedarf und Versorgungsrealität, Effizienz der Anwendung von Psychotherapie unter Routinebedingungen sowie zur strukturellen Qualität des Versorgungssystems von Bedeutung. Die Entwicklung von Leitlinien und Manualen sowie die Einführung und Verbreitung von evidenzbasierten Methoden in die Praxis soll angestrebt werden.

3. Interaktion von neurobiologischen und psychosozialen Faktoren
Ein Teilbereich der Psychotherapieforschung, der für die Klinik in zunehmendem Maße Bedeutung gewinnt, ist die Untersuchung der Interaktion neurobiologischer Faktoren mit psychosozialen Faktoren. Zu nennen sind hier insbesondere die Untersuchung neurobiologischer Normabweichungen und deren Veränderung als Prädiktoren für das Ansprechen auf Psychotherapie. Davon sind Anstöße zur differenziellen Weiterentwicklung psychotherapeutischer Verfahren sowie zur Kombination von Psychotherapie mit Psychopharmaka zu erwarten. Entsprechende Projekte sollen in einem direkten inhaltlichen Zusammenhang mit den patientenorientierten, klinischen Projekten eines Verbundes stehen.

4. Entwicklungs- und geschlechtsspezifische Dimensionen der Psychotherapieforschung
Psychotherapieforschung hat sich bislang weitgehend auf die Untersuchung von Erwachsenen konzentriert. Daher sollen in dem Förderschwerpunkt insbesondere die Besonderheiten der Behandlung von Kindern und Jugendlichen und von älteren Menschen berücksichtigt werden. Darüber hinaus sollen geschlechtsspezifische Aspekte in angemessener Weise berücksichtigt werden.”

Die Ausschreibung basiert auf dem hohen Anspruch, verschiedene psychotherapierelevante Themen und Disziplinen zu integrieren und wird zeigen, welche Kompetenz, aber auch welche Wettbewerbsbereitschaft auf diesem Forschungsfeld in unserem Land existiert. Nach den Entwicklungen der letzten Wochen ist schon jetzt zu vermuten: Die Verfügbarkeit von zusätzlichen Forschungsgeldern hat dazu beigetragen, dass Gruppen an einen Tisch kommen, den sie bislang vielleicht zu sehr gemieden haben. Auch wenn nur wenige den Wettbewerb gewinnen werden, kann der Förderschwerpunkt dazu beitragen, dass die Kräfte auf dem Gebiet der Psychotherapieforschung gebündelt werden und auch außerhalb des BMBF-Programms zu sinnvollen Kooperationen führen werden.

Literatur

Prof. Dr. Bernhard Strauß

Institut für Medizinische Psychologie · Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität

Stoystraße 3

07740 Jena

eMail: bernhard.strauss@med.uni-jena.de