Inf Orthod Kieferorthop 2005; 37(1): 15-20
DOI: 10.1055/s-2005-836376
Interview

© Georg Thieme Verlag

Interview von Dr. Chetan Jayade mit Dr. John Bennett

Interview by Dr. Chetan Jayade with Dr. John BennettC. Jayade1
  • 1Portland Place 53, UK-London WIB 4QJ, Großbritannien
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Publication Date:
21 March 2005 (online)

Dr. John Bennett ist den meisten unserer Leser bekannt. Bei diesen Ausführungen handelt es sich um ein Interview von Dr. Chetan Jayade für das Journal of the Indian Orthodontic Society, in dem Dr. Bennett seine aktuelle Behandlungsphilosophie darlegt (Abb. [1]).

Abb. 1 Dr. John Bennett.

CJ: Darf ich das Interview mit einer Frage über ihre Ausbildung in der Kieferorthopädie und ihren beruflichen Werdegang beginnen. Haben sie nicht mit der Begg-Technik begonnen und warum sind sie dann zur vorprogrammierten Edgewise-Apparatur gewechselt?

JB: Schon im Alter von 14 Jahren wollte ich Kieferorthopäde werden und während meines Zahnmedizinstudiums habe ich die meiste Zeit in der kieferorthopädischen Abteilung verbracht. Nach dem Examen begann die übliche 2-jährige Weiterbildungszeit am Eastman Dental Institute in London, wo in den 70er-Jahren sowohl mit Begg- als auch Edgewise-Technik gearbeitet wurde. Anschließend habe ich dann auch mit der Begg-Technik und mit der Tweed-Mechanik gearbeitet und versucht, möglichst beide zu beherrschen. Aufgrund der besseren Möglichkeiten beim Finishing und der geringeren Extraktionsrate habe ich aber stets das Edgewise-Bracket favorisiert und schließlich bin ich Mitte der 70er-Jahre zur vorprogrammierten Apparatur gewechselt als diese allgemein verfügbar wurde.

CJ: Wann haben sie Dr. McLaughlin kennen gelernt und diese gute Zusammenarbeit begonnen, obwohl sie doch Tausende von Kilometern voneinander getrennt leben und arbeiten?

JB: Ich traf Richard zum ersten Mal 1979 während eines Andrews-Kurses in San Diego und habe ihn anschließend in seiner Praxis aufgesucht. Seitdem verbindet uns eine enge Freundschaft und gute Zusammenarbeit, die nun schon über 20 Jahre andauert.

Kurz nachdem die Straight-Wire-Apparatur (SWA) erhältlich war, eröffnete sich für uns eine interessante Möglichkeit unter Verwendung des SWA-Brackets eine effektive Behandlungsmechanik zu entwickeln und später das Bracket durch die gewonnenen Erfahrungen mit der Mechanik zu verändern und anzupassen. Dadurch sollte es in den 90er-Jahren möglich werden, ein ganzes Behandlungskonzept als sinnvolle Alternative für eine ganze Generation von Kieferorthopäden zu entwickeln.

In den 70er- und 80er-Jahren wurde den kieferorthopädischen Patienten sehr viel Unterschiedliches angetan und das konnte doch alles nicht so sinnvoll sein! Sicherlich gibt es viele Wege, die nach Rom führen, dennoch glaubten wir mit einem idealen System mehr Zeit und Effizienz zu gewinnen. Dieses Ziel haben wir stets vor Augen und es wurde zumindest teilweise 2001 mit der Veröffentlichung unseres Buches - Systemized Orthodontic Treatment Mechanics - mit Dr. Hugo Trevisi erfüllt [1].

CJ: Was sind denn für sie die wichtigsten Neuerungen in der Kieferorthopädie in den letzten 20 Jahren?

JB: Anfang der 80er-Jahre wurde das Kleben der Brackets eingeführt und das war ein großer Vorteil, da dadurch eine genaue Platzierung der Brackets mit weniger Aufwand ermöglicht wurde, das bei der vorprogrammierten Edgewise-Apparatur so besonders wichtig ist. Weiterhin möchte ich die technologischen Materialentwicklungen der Bögen erwähnen und hier insbesondere die heat-activated Nickel-Titanbögen (HANT). Wir verwenden diese Bögen sehr häufig sowohl in London als auch in San Diego, die Indikation und Anwendung wird im 3. Buch ausführlich beschrieben [1]. Die indirekte Klebetechnik, die sich noch weiterentwickeln wird, darf nicht unerwähnt bleiben. Diese Klebetechnik hat klinisch einige Vorteile, hat sich aber noch nicht richtig durchgesetzt. Und schließlich möchte ich die pre-coated Brackets erwähnen, Brackets die bereits mit einem Klebematerial versehen sind. Diese Brackets sind ungemein populär in den USA und für manche Praxen unverzichtbar.

CJ: Was ist denn ihre Ansicht zur Frühbehandlung? In welchem Alter beginnen sie üblicherweise mit der kieferorthopädischen Behandlung?

JB: Ich selbst versuche so wenig wie möglich Frühbehandlungen durchzuführen und das Durchschnittsalter meiner neuen Patienten liegt etwa bei 12 Jahren. Sicherlich gibt es Ausnahmen, und dazu gehören auch Patienten mit Lutschhabits. Wenn sich diese Habits frühzeitig abstellen lassen, so ist das schon von Vorteil. Weiterhin sollten Kreuzbisse mit einer Zwangsführung des Unterkiefers nach lateral frühzeitig, d. h. vor dem vollständigen Durchbruch der Eckzähne, behandelt werden, damit sich diese Zwangsführung nicht bis ins bleibende Gebiss überträgt. Auch eine Pseudo-Kl.-III-Malokklusion sollte vor dem 12. Lebensjahr behandelt werden, nachdem die Fehlhaltung des Unterkiefers wie ein funktionskieferorthopädisches Gerät wirken und sich dann im Wachstumsalter manifestieren kann. Theoretisch könnte also aus einer Pseudo-Kl. III eine handfeste skelettale Kl.-III-Malokklusion werden.

Weiterhin sollte die Keimlage der bleibenden Eckzähne im Alter von 10-11 Jahren klinisch überprüft werden, so wie es Ericson und Kurol [2] empfehlen und, falls erforderlich, die Milcheckzähne extrahiert werden, aber das ist ausführlich im 2. Buch beschrieben [3] und ich möchte hier nicht näher darauf eingehen.

Allgemein gilt für mich aber, die Behandlung einer Kl.-II-Malokklusion nicht vor dem 11. oder 12. Jahr zu beginnen, hiermit meine ich allerdings nicht das Lebens-, sondern vielmehr das Zahnalter. Dies wird durch eine Reihe von Veröffentlichungen bestätigt [4-6]. Anders ausgedrückt, es fällt schwer Publikationen zu finden, die einen frühen Behandlungsbeginn unter Berücksichtigung der Behandlungsdauer, der erreichten Ergebnisse und der damit verbundenen Kosten rechtfertigen können. Schließlich sollte eine aktive Behandlung erst beendet werden, wenn die zweiten Molaren entweder in Okklusion sind oder abzusehen ist, dass sie vollständig in eine gesicherte Okklusion durchbrechen werden.

Deshalb glaube ich und es gibt eine zunehmende Anzahl von Kollegen, die diese Meinung vertreten und von einer verbreiteten Frühbehandlung abrücken, mit Ausnahme der vorher genannten Gründe, dass das Behandlungsziel und der Zeitrahmen einer Frühbehandlung eindeutig definiert sein muss. Wir können es uns einfach ausgedrückt nicht erlauben, nachdem wir während der Behandlung mit der Multibandapparatur die volle Mitarbeit der Patienten benötigen, diese vorher durch eine lange Frühbehandlung aufzubrauchen.

CJ: Verwenden sie funktionskieferorthopädische Geräte? Wo liegt ihrer Meinung nach die Indikation unter Berücksichtigung der andauernden Diskussionen (Abb. [2] )?

Abb. 2

JB: Sicherlich verwende ich auch funktionskieferorthopädische Geräte und am häufigsten ein Gerät, das dem Andresen-Aktivator ähnelt und im Buch von Graber und Vanarsdall [7] näher beschrieben ist. Dabei handelt es sich um eine robuste Apparatur, die bei entsprechender Tragedauer, in etwa 10-12 Stunden abends und in der Nacht, gute Ergebnisse bringt.

Heute geht man davon aus, dass funktionskieferorthopädische Geräte im Wesentlichen dentale Veränderungen bewirken und in einigen Fällen Wachstum anregen können.

Eine neuere Untersuchung aus England [8] mit 174 Kindern im Alter zwischen 8 und 10 Jahren lässt sich wie folgt zusammenfassen. Die substanzielle Reduktion des sagittalen Überbisses war im Wesentlichen durch dentoalveoläre Veränderungen bedingt. Diese Studie bestätigt die gefundenen Ergebnisse ähnlicher randomisierter, klinischer Kontrolluntersuchungen, dass funktionskieferorthopädische Geräte im Durchschnitt nicht in der Lage sind, das skelettale Gesichtsmuster einer skelettalen Kl. II in einem klinisch signifikanten Ausmaß therapeutisch zu beeinflussen.

Der Andresen-Aktivator soll für mich im Wesentlichen das Ausmaß der notwendigen Zahnbewegungen mit der Multibandapparatur reduzieren und wenn wir zusätzlich ein günstiges Unterkieferwachstum bekommen, ist das nur von Vorteil.

Ich selbst verwende weder einen Twinblock noch eine Herbst-Apparatur, obwohl ich einige interessante Behandlungsergebnisse gesehen habe. Ein wesentlicher Nachteil der Herbst-Apparatur und des Twinblocks besteht m. E. darin, dass bei Absetzen der Apparatur kein Zahnkontakt zwischen Ober- und Unterkieferzahnbogen besteht und der Übergang zur festsitzenden Apparatur schwierig wird und oft von Rezidiven begleitet wird. Außerdem berichten mir Kollegen häufig von Brüchen im Zusammenhang mit der Herbst-Apparatur.

Das Timing mit funktionskieferorthopädischen Geräten ist sehr wichtig und deshalb verwende ich diese erst in der letzten Wechselgebissphase. Unter Berücksichtigung der Wachstumsstudien der Universität von Michigan [9] findet im Alter von 11 oder 12 Jahren genügend Wachstum statt und der Übergang zur Multibandapparatur ist dann ein gleitender. Bei einer Frühbehandlung bleiben aber meistens ein oder zwei Jahre zu überbrücken, bis die festsitzende Apparatur eingesetzt werden kann.

Dieser Zeitraum und die verzögerte Weiterbehandlung ist schwer zu managen und zu erklären. Außerdem wird die Kooperation der Patienten mit zunehmender Dauer der Behandlung immer schlechter. Wird eine funktionskieferorthopädische Apparatur zu früh eingesetzt, wird es später nicht einfacher, die sagittale Korrektur bis in die Phase der festsitzenden Behandlung hinüber zu retten.

CJ: Welche Rolle spielt eine computergestützte Diagnose und Behandlungsplanung in ihrer Praxis? Können sie unseren Lesern den Nutzen einer Wachstumsvorhersage oder eines VTO erläutern (Abb. [3] )?

Abb. 3 Das neueste Buch von William Arnett und Richard McLaughlin.

JB: Wir befinden uns definitiv im digitalen Zeitalter und die nahezu grenzenlosen Möglichkeiten der Computer ermöglichen eine wesentlich einfachere Auswertung und Verwaltung der diagnostischen Unterlagen unserer Patienten. Es ist nicht einfach diese Frage in aller Kürze vollständig zu beantworten, aber den Interessierten sei das Buch von Arnett und McLaughlin zu empfehlen [10]. Es bietet eine Fülle an Up-to-date-Informationen und beschreibt in extenso die Verwendung eines dentalen VTO, das in dieser Art erstmals 1999 veröffentlicht wurde [11].

CJ: Benutzen sie zu diagnostischen Zwecken eine Schiene wie sie Roth verwendet und montieren sie alle Patientenmodelle in einem Artikulator oder nur in ausgesuchten Fällen? Wenn ja, welche wären das?

JB: Ich schätze etwa 20 % der Modelle werden in einem Artikulator montiert und dabei handelt es sich um Patienten mit ausgeprägten Dysgnathien, chirurgische Fälle und Patienten mit einem frontal offenen Biss. Ich selbst verwende keine Aufbissschiene nach Roth. Ich verstehe zwar seine Beweggründe für Okklusionsschienen und unterstütze sein Behandlungskonzept, dennoch glaube ich, nachdem ich ausschließlich mit jugendlichen Patienten arbeite, dass ich auch ohne diagnostische Schienen eine gesicherte Okklusion in zentrischer Relation erreichen kann. Ich kann mich an keinen Patienten erinnern, bei dem ich nicht in der Lage war, eine korrekte oder nahezu korrekte zentrische Relation aufzufinden. Selbstverständlich besteht für erwachsene Patienten mit einer Kiefergelenkssymptomatik die Indikation für eine Aufbissschienentherapie. Dabei ist es vor einer Behandlung notwendig, die Gelenke zu zentrieren und zu entlasten, eine etwaige Entzündung zu kurieren und eine ausreichende Schmerzfreiheit zu erzielen. Erst dann kann man diagnostische Unterlagen erstellen, zu einer gesicherten Diagnose gelangen und einen entsprechenden Behandlungsplan entwerfen. Im Übrigen ist in unserem 2. Buch das 5. Kapitel Roth und seinem Konzept gewidmet [3].

CJ: Mit der Verbreitung der vorprogrammierten Bracketsysteme wird die genaue Positionierung der Brackets erforderlich. Ist dabei nicht die indirekte Klebetechnik von Vorteil?

JB: Sicherlich! Mehr und mehr Kieferorthopäden verwenden die indirekte Klebetechnik und Hugo Trevisi sogar routinemäßig bei den meisten Patienten. Eigentlich müsste man erwarten, dass bei entsprechender Herstellung und Technik die Genauigkeit zunimmt. Dennoch gibt es einige Gründe, warum sich die indirekte Klebetechnik letztlich noch nicht vollständig durchgesetzt hat. Ein Grund liegt in dem erhöhten Aufwand im Techniklabor. Nicht jeder Kieferorthopäde hat denn auch ein eigenes Labor in der Praxis. In unserer Praxis, Stephen Hopson hat ungefähr 25 Patienten mit Lingualtechnik in Behandlung und dafür benötigt er Schablonen zum indirekten Kleben, werden weiterhin alle Routinefälle direkt geklebt.

CJ: Bedeutet das auch, dass sie relativ wenige lose Brackets haben (Abb. [4 a-b] )?

Abb. 4 a Ein typisches MBT-Set-up in meiner Praxis nur mit Brackets und mit Tubes auf den zweiten Prämolaren bei einem Nichtextraktionsfall. Bei Patienten mit Extraktion der ersten Prämolaren werden die üblichen Brackets auf die zweiten Prämolaren geklebt. Ich bevorzuge Metallbrackets in Standardgröße zur besseren Kontrolle über die notwendigen Zahnbewegungen. Sie können aber auch in Verbindung mit Mid-Size-, Low-profile- oder Keramikbrackets verwendet werden.

Abb. 4 b Ergebnis nach Entfernung der Apparatur.

JB: Das mag stimmen! Es gibt Tage, da kommt nicht ein Patient mit losen Brackets in die Sprechstunde. Es gibt inzwischen aber auch ausgezeichnete Klebematerialien, die sehr zuverlässig sind, sofern man sie richtig anwendet. Ich verwende als Klebematerial gerne Transbond™, allerdings bei unterschiedlicher Ätzdauer, für Prämolaren und Molaren etwas länger als für Frontzähne. Dann nehme ich gerne einen herkömmlichen Haarföhn zum Trocknen und klebe in der Regel nur am Vormittag und in aller Ruhe. Weiterhin nehme ich mehr als die empfohlene Zeit zum Lichthärten des Klebematerials, vor allem im Seitenzahnbereich. Den Patienten wird empfohlen, während der ersten 48 Stunden nur weiche Kost zu sich zu nehmen, damit das Material vollständig aushärten kann.

Für die zweiten Prämolaren - im Unterkiefer sind das die Zähne mit den meisten losen Brackets - verwende ich in letzter Zeit fast ausschließlich Tubes, nachdem diese graziler und weniger bruchanfällig sind.

Letztlich ist es aber egal, welche Technik man verwendet oder wie gut wir sie anwenden, keiner kann es jedem recht machen. Ich meine, wenn nötig muss man halt ein Bracket umsetzen und das gehört nun einfach zu einer gewissenhaften Behandlung, ungeachtet der Klebetechnik.

CJ: Was sind denn die Vorteile des MBT-Systems gegenüber den anderen vorprogammierten Bracketsystemen?

JB: Mit Verlaub, die Frage sollte anders gestellt werden, denn es gibt keine anderen vorprogrammierten Systeme. Unsere Philosophie beruht auf einem umfassenden System von Brackets und einer genauen Angabe wohin sie geklebt werden sollen, einer Auswahl an verschiedenen Bogenformen und der zu verwendenden Kräfte. Und all dies wird mit unfangreicher Literatur und Büchern unterstützt. Sicherlich gibt es andere Empfehlungen für Brackets, aber diese gehören nicht zu einem umfassenden und gleichwertigen System, das auch mit Büchern belegt wird.

Ein weiterer Vorteil ist, dass unser System lange und gründlich klinisch getestet wurde und Tausende von Patienten damit behandelt wurden.

Heute wird es überall in der Welt verwendet und wir erhalten aus allen Himmelsrichtungen Anregungen und Vorschläge. Ein weiterer Vorteil sind Überweisungsfälle. Sollte ein Patient umziehen, so findet er heute nahezu in jeder Stadt einen Kollegen, der das gleiche Konzept verfolgt.

CJ: Viele meiner Kollegen wechseln zur Zeit zum MBT-System. Welchen Rat können sie ihnen geben?

JB: Im Wesentlichen nur 3. Erstens, falls sie früher mit dem 0,018er-Slot gearbeitet haben, sollten sie jetzt ein 0,020 Slot verwenden. Zweitens sollten sie unser 3. Buch - Systemized Orthodontic Treatment Mechanics [1] - gründlich studieren. Es ist nicht schwer zu lesen. Und drittens, und das ist der wichtigste Hinweis, sollten sie versuchen, die Mechanik so genau wie möglich anzuwenden und nicht eigene Variationen einfließen lassen. Dies gilt zumindest für die ersten zwei Jahre. Ziel sollte es sein, möglichst die gleichen Kräfte, die gleiche Mechanik, die Brackets und deren Positionierung, die gleichen Bögen und Bogenformen zu verwenden. Einige jüngere Kollegen in Japan haben sich strikt daran gehalten und das mit bestem Erfolg, gleich von Anfang an.

CJ: Das Wagon-Wheel-Konzept von Andrews erscheint sehr sinnvoll und logisch. Ein erhöhter Torquewert für obere Frontzähne erfordert mehr Tip in den Brackets. Nun verwenden sie aber bei den MBT-Brackets einen geringeren Tip bei den Frontzähnen. Wie passt das zusammen? Wäre es nicht sinnvoller, unterschiedliche Torquewerte für unterschiedliche Wachstumsmuster zu verwenden?

JB: Die empfohlenen Werte für den Tip entsprechen den Untersuchungen und den gemachten Erfahrungen mit der Mechanik und enthalten keinen extra Tip für die oberen Schneidezähne wie Andrews es empfiehlt. Grund dafür ist, dass ein breites Edgewise-Bracket den Tip ausreichend klinisch überträgt. Wie wir im Detail auf Seite 22 im 3. Buch [1] ausführen, ergeben die empfohlenen Werte in den Brackets ansprechende Resultate bei einem geringeren Verankerungsbedarf und bewegen die Wurzeln der Eckzähne nicht zu nahe an die Wurzeln der Prämolaren.

Insgesamt reichen die Spezifikationen der Brackets für die meisten klinischen Fälle aus. Selbst wenn wir es wünschten, wäre es ein großer Aufwand, alle Brackets mit den unterschiedlichen Tip- und Torquewerten vorrätig und auf Lager zu halten und dann auch noch als Standard-Metallbrackets, als Keramikbrackets, Mid-size- und Low-Profile-Brackets.

Das ist aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht sinnvoll. Viele Patienten haben doch zumindest annäherungsweise ein mesiofaziales Gesichtsschädelwachstum und wenn es erforderlich ist, müssen dann eben Kompensationsbiegungen eingegeben werden, denn es behauptet doch keiner, dass wir nicht mehr biegen müssen.

CJ: Die Verwendung von Eckzahnbrackets mit 0° Torque oder mit minus 7° Torque für Patienten mit einer sehr schmalen apikalen Basis macht Sinn. Dennoch erhöht sich die Differenz der Torquewerte zwischen Eckzahn- und Prämolarenbrackets nicht unerheblich. Sollte man nicht dann Brackets mit einem reduzierten Torque für die Prämolaren verwenden?

JB: Wie sie schon sagten, haben wir die Möglichkeit der Verwendung von 3 Brackets für die oberen und unteren Eckzähne mit unterschiedlichen Torquewerten (siehe auch Seite 36 im 3. Buch [1]). In Fällen, bei denen ich das Bracket umdrehe, um dann 7° Extra-Torque zu erzielen, so scheint das klinisch keine besonderen Auswirkungen auf die Prämolaren zu haben. Vielleicht ist das auf das Spiel in den Brackets zurückzuführen. Das heißt also, dass wir in aller Regel klinisch keine Kompensationsbiegungen benötigen oder gar das Prämolarenbracket austauschen sollten.

CJ: Am Anfang der Behandlung empfehlen sie routinemäßig die Verwendung von heat-activated Nickel-Titanbögen (HANT). Glauben sie nicht, dass dadurch die ursprüngliche Bogenform bis zum Einsetzen der ersten Bögen aus Edelstahl verändert wird? Sollte ein Anfänger nicht vorsichtiger sein (Abb. [5] )?

Abb. 5 Wir halten es für sinnvoll, drei verschiedene Bogenformen für Vierkant-Nickel-Titanbögen (HANT) vorrätig zu haben, nämlich in den Formen square, ovoid und tapered. Der hier abgebildete Patient hat einen 0,019 × 0,025 Edelstahlbogen eingesetzt bekommen und hatte davor einen ovoiden Kantbogen aus heat-activated Nickel-Titan (HANT).

JB: Wir glauben schon, dass die Vierkantbögen aus Nickel-Titan einen Einfluss auf die Zahnbogenform haben und deshalb sollte man auch die 3 verschiedenen Bogenformen - square, ovoid und tapered - vorrätig haben. Darauf wird auch in unserem 3. Buch, Kapitel 4 hingewiesen.

Die Anzahl an verschiedenen Bögen hängt aber auch von der geografischen Lage der Praxis ab. So wird z. B. eine Praxis in Tokyo wesentlich mehr Square-Bogenformen benötigen, während wir in London überwiegend tapered oder ovoid und nur recht selten square, mit Ausnahme nach einer Gaumennahterweiterung, verbrauchen.

CJ: Bei den MBT-Brackets wurde der Tip in den oberen Eckzahnbrackets verringert, um einen geringeren Verankerungsbedarf zu haben. Glauben sie nicht, dass der Extra-Torque in den Frontzahnbrackets beim Lückenschluss den Verankerungsbedarf wieder erhöht?

JB: Wie wir alle wissen, drückt sich in einem Edgewise-Bracket der Tip recht gut und der Torque nur mäßig aus. Deshalb verwenden wir beim Lückenschluss einen 0,019 × 0,025er-Bogen bei 0,022 Slotgröße und das lässt in Abhängigkeit von der Beschaffenheit der Kanten der Edelstahlbögen und der tatsächlichen Größe des Slots etwa 10° Spiel zu. Würden wir z. B. einen 0,0215 × 0,028 Edelstahlbogen einsetzen, wie es wohl Roth tut, dann würde das die Verankerung zusätzlich belasten. Anders ausgedrückt, ein 0,0215 × 0,028 Bogen in einem Roth-Eckzahnbracket mit 13° Tip beansprucht die Verankerung mehr als ein Bracket mit 8° Tip.

CJ: Würde denn ein 0,0215 × 0,028 Drahtbogen am Ende der aktiven Behandlung und vor der Endbehandlungsphase und dem Finishing nicht die Notwendigkeit von Biegungen für einen zusätzlichen Torque an den Schneidezähnen unnötig machen?

JB: Diese starken Bögen haben wir natürlich ausprobiert, ohne einen nennenswerten klinischen Vorteil zu erkennen. Deshalb empfehlen wir die Verwendung auch nicht.

CJ: Was halten sie von selbstligierenden Brackets? Haben diese eine große Zukunft vor sich?

JB: In den letzten Jahren sind eine Vielzahl unterschiedlicher selbstligierender Brackets auf dem Markt erschienen. Einige habe ich ausprobiert, aber im Moment verwende ich keine mehr. Diejenigen, die ich ausprobiert habe, waren zu massig und obwohl sie am Anfang der Behandlung viel Spielraum bieten und ein schnelles Ausrichten der Zähne ermöglichen, haben sie am Schluss der Behandlung beim Finishing wesentliche Nachteile. Nachdem ich ausschließlich Jugendliche behandle und ⅔ meiner Patienten weiblich sind, wären die meisten ziemlich enttäuscht, wenn ich schon am Anfang der Behandlung keine bunten elastischen Ligaturen verwenden würde. Im Moment testet Hugo Trevisi selbstligierende Brackets, die die Nachteile der früheren Brackets insbesondere beim Finishing nicht haben sollen. Vielleicht sind diese Brackets in naher Zukunft eine echte Alternative innerhalb des MBT-Systems.

CJ: Verwenden sie Mini-Implantate zur Verankerung?

JB: Nein, ich verwende keine Implantate, da ich ja nur Jugendliche in Behandlung habe. Dennoch haben Implantate sicher einen Platz in der Erwachsenenkieferorthopädie. Insbesondere Kollegen in Korea behandeln sehr erfolgversprechend Patienten mit einem dolichofazialen Gesichtsschädelaufbau.

CJ: Was ist ihre Meinung zu Invisalign™?

JB: Meiner Ansicht nach hat Invisalign nur eine äußerst begrenzte Indikation innerhalb der orthodontischen Behandlung Erwachsener.

Eine sehr gute Mitarbeit ist erforderlich, Extrusionen und eine signifikante Derotation von Zähnen sind kaum möglich. Für mich hat Invisalign keine Bedeutung, da ich nur Jugendliche behandle.

CJ: Welche wesentlichen Veränderungen sehen sie in der nahen Zukunft für die kieferorthopädische Praxis?

JB: Ich erwarte keine wesentlichen Neuerungen in absehbarer Zeit für die Praxis. Wir sind sehr erfreut über die weite Verbreitung des MBT-Systems und dieser Trend scheint sich fortzusetzen. Die Mini-Implantate zur Verankerung werden sich wohl weiter durchsetzen. Auf diagnostischer Ebene finde ich die Arnett/McLaughlin-Analyse unter Berücksichtigung der True-Vertical-Referenzlinie sehr hilfreich. Man wird wohl die vordere Schädelbasis als Referenzebene mehr und mehr verlassen.

CJ: Dr. Bennett, vielen Dank für ihre Zeit und dass sie ihre Erfahrungen unseren Lesern auf dem Indischen Subkontinent mitgeteilt haben.