Psychother Psych Med 2006; 56(3/04): 128-137
DOI: 10.1055/s-2005-915331
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Faires Benchmarking der Behandlungsdauer depressiver Patienten in psychiatrisch-psychotherapeutischen Kliniken

Duration of Inpatient Depression Treatment - Fair Benchmarking Between HospitalsPetra  Sitta1 , Silke  Brand2 , Frank  Schneider2 , Wolfgang  Gaebel4 , Mathias  Berger1 , Erik  Farin3 , Martin  Härter1
  • 1Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg (Direktor: Prof. Dr. M. Berger)
  • 2Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Aachen
  • 3Abteilung für Qualitätsmanagement und Sozialmedizin des Universitätsklinikums Freiburg
  • 4Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Düsseldorf
Further Information

Publication History

Eingegangen: 4. Oktober 2004

Angenommen: 14. April 2005

Publication Date:
08 December 2005 (eFirst)

Zusammenfassung

Die Prozess- und Ergebnisqualität stationärer Depressionsbehandlung in Deutschland wurde im Rahmen einer Multizenterstudie in zehn Kliniken in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Bayern untersucht. Die Behandlungen von über 2000 depressiven Patienten wurden anhand von Qualitätsindikatoren erfasst und den Kliniken im Rahmen eines externen Klinikvergleichs (Benchmarking) zurückgemeldet. Die Ergebnisse zeigen, dass die Behandlungsdauer zwischen den Kliniken stark variiert. So wurden Patienten mit einer singulären oder rezidivierenden depressiven Episode in einer Klinik nach durchschnittlich 36,8 Tagen entlassen, während die Behandlung in einer anderen Klinik im Durchschnitt 64,3 Tage dauerte. Darüber hinaus konnte die Studie zeigen, dass sich die Kliniken hinsichtlich ihrer Patientenstruktur (Case-Mix) deutlich unterscheiden. Daher wurden mithilfe des regressionsanalytischen Ansatzes potenzielle Einflussfaktoren (Soziodemografie, Behandlungsgeschichte und Schweregrad der Erkrankung) bestimmt und deren Einfluss auf die Behandlungsdauer berechnet. Das nach Kreuzvalidierung resultierende Gesamtmodell klärt 7 % der Varianz auf und enthält 5 Variablen. Die Behandlungsdauer ist länger bei Patienten mit rezidivierender depressiver Störung, bei Patienten mit gravierender Beeinträchtigung der Lebensführung und je schwerer der Patient erkrankt ist. Ist die Aufnahme eine Krisenintervention und gab es einen Suizidversuch in der Vorgeschichte, so verkürzt sich die Behandlungsdauer. Es hat sich gezeigt, dass sich Unterschiede in der Behandlungsdauer zwischen den Kliniken nur zu einem geringen Teil durch Unterschiede in der Patientenstruktur erklären lassen. Das Vorgehen sowie Aufwand und Nutzen des regressionsanalytischen Verfahrens werden diskutiert.

Abstract

Process and outcome quality of inpatient treatment of depression in Germany was described in a multicenter study of 10 hospitals in North-Rhine Westphalia, Baden-Württemberg and Bavaria. The treatment of more than 2000 depressive patients was assessed by quality indicators and outcome was compared between the hospitals (benchmarking). Results show great variance in length of stay between the hospitals. While in one hospital patients with depressive episodes were discharged after 36.8 days (average), the average length of stay in another hospital was 64.3 days. Furthermore the study revealed that hospitals differ strongly regarding their case-mix. Using stepwise multiple regression analyses potential confounding variables (sociodemographics, history of previous treatment, severity of depression) were identified and their influence on length of stay was calculated. After cross validation the regression analyses model explained 7 % of the variance and included 5 predictors. Length of stay is prolonged by patients with a recurrent depressive disorder, by patients with impairment of social functioning and by severity of the depression. Length of stay is reduced if the indication of inpatient treatment was crisis intervention and if there was a previous suicide attempt. It was shown that differences in patient case-mix only account for a small percentage of hospital differences in length of stay. Method, effort and benefit of the regression analyses approach are discussed.

Literatur

1 Mit 12,5 % am häufigsten Suchterkrankungen (vor allem Alkoholabhängigkeit), gefolgt von 7,4 % F4-Störungen (vor allem Panik-, posttraumatische Belastungs- und anhaltende somatoforme Schmerzstörungen). Eine Persönlichkeitsstörung wurde bei 6,3 % der depressiven Patienten diagnostiziert.

Dipl.-Psych. Petra Sitta

Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie · Sektion Klinische Epidemiologie und Versorgungsforschung · Universitätsklinikum Freiburg

Hauptstraße 5

79104 Freiburg

Email: petra.sitta@uniklinik-freiburg.de