Geburtshilfe Frauenheilkd 2006; 66(5): 447
DOI: 10.1055/s-2006-924163
Editorial

Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Translationale Forschung aus Deutschland - International nicht konkurrenzfähig?

Translational Research in Germany - Up to Date?K. Friese1
  • 1Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Klinikum Innenstadt
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Publication Date:
23 May 2006 (online)

„Der Prophet im eigenen Land wird nie gehört“ ist ein altes, aber oft zutreffendes Sprichwort. Gerade in der Medizin lässt der fast schon reflektorische Blick auf Publikationen des englischsprachigen Raums nur allzu oft vergessen, dass auch hierzulande exzellente Forschungsergebnisse produziert werden. Die wissenschaftlichen Erfolge deutscher Mediziner werden im Ausland nicht selten bewusster wahrgenommen als in unserem eigenen Land.

Ein treffliches Beispiel hierfür ist etwa die translationale Forschung zu minimalen Tumorresiduen (minimal residual disease, MRD). Die deutschen Forschergruppen, vor allem aus München, Heidelberg, Tübingen, Rostock, Hamburg und Augsburg, beschäftigen sich seit Mitte der 80er-Jahre mit der prognostischen Relevanz von hämatogen disseminierten Tumorzellen im Knochenmark. Die Ergebnisse dieser Arbeiten und auch ihre publizistischen Früchte sind international einmalig. Sie wurden nicht nur in einer Reihe von höchstrangigen Veröffentlichungen (u. a. New England Journal of Medicine, Journal of the National Cancer Institute, Journal of Clinical Oncology, Cancer) festgehalten, sondern werden gerade im angelsächsischen Raum als weltweit führend betrachtet. Alleine die zwei jüngsten Arbeiten aus diesem Jahr im New England Journal of Medicine und in Cancer haben internationale Standards gesetzt.

In den aktuellen Veröffentlichungen wird überzeugend begründet, warum die prognostische Relevanz von disseminierten Tumorzellen im Knochenmark inzwischen das höchste Evidenzniveau (Oxford Level I of Evidence) erreicht hat und wissenschaftlich nicht mehr angezweifelt wird. Die Persistenz von Tumorzellen im Knochenmark über Jahre und deren Detektion im Rahmen der onkologischen Nachsorge vermag jene Patientinnen zu identifizieren, die auch nach durchgeführter Primärtherapie ein weiterhin erhöhtes Rezidivrisiko aufweisen [Janni W. et al., Cancer 2005; 103 (5): 884 - 891]. Freilich stößt die Methodik der Knochenmarkpunktion im klinischen Alltag an ihre Grenzen, da sie im Vergleich zu einer Blutabnahme relativ aufwändig ist. Die seit September 2005 aktiv rekrutierende SUCCESS-Studie (www.success-studie.de) wird neben der Therapieoptimierung in der Adjuvanz auch die wichtige Frage der prognostischen Relevanz zirkulierender Tumorzellen im peripheren Blut untersuchen. Die KollegInnen verwenden hierbei eine im MD Anderson Cancer Center, Houston, USA, entwickelte Methodik und praktizieren erfolgreich somit auch wissenschaftlichen Technologietransfer.

Nicht nur im Gebiet der MRD ist die klinische und translationale Forschung hierzulande international durchaus konkurrenzfähig, wie eine große Anzahl hochrangiger Publikationen der letzten Jahre gezeigt hat. Die deutsche Unart, sich selbst schlecht zu reden, sollte spätestens dort überwunden werden, wo wir alle diese hoffnungsvolle Forschung unterstützen, und somit nicht nur den Wissenschaftsstandort Deutschland fördern können, sondern dadurch auch die Perspektive für unsere Patientinnen verbessern. Ihre Mithilfe kann dabei einen unschätzbaren Beitrag leisten!

Prof. Dr. K. Friese

Prof. Dr. med. K. Friese

Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe - Innenstadt
Klinikum der Universität München

Maistraße 11

80337 München

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