Geburtshilfe Frauenheilkd 2006; 66(10): 939-946
DOI: 10.1055/s-2006-924275
Übersicht

Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Problemfeld Frühgeburtlichkeit und Inflammation - Besteht eine genetische Determinierung?

Preterm Birth and Inflammation - is there a Genetic Determination?Y. Garnier1
  • 1Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Klinikum der Universität zu Köln
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Publication History

Eingang Manuskript: 21.3.2006 Eingang revidiertes Manuskript: 3.5.2006

Akzeptiert: 11.5.2006

Publication Date:
26 October 2006 (online)

Zusammenfassung

Seit Jahrzehnten unverändert sind spontane vorzeitige Wehentätigkeit und Frühgeburtlichkeit von zentraler Bedeutung für perinatale Morbidität und Mortalität in den westlichen Industrienationen. Im Vergleich zu Reifgeborenen tragen Frühgeborene ein 40fach erhöhtes neonatales Mortalitätsrisiko. Somit ist die Frühgeburtlichkeit für 70 % der neonatalen Mortalität und 50 % der neurologischen Langzeitmorbidität verantwortlich [[1]]. Hierbei stellt die vorzeitige Wehentätigkeit und Frühgeburt die Endstrecke unterschiedlicher ätiologischer Risikofaktoren und Auslöser dar. Dies impliziert, dass durch monozentrische Ansätze immer nur ein Teilaspekt der Problematik Frühgeburtlichkeit bearbeitet werden kann. Es ist an der Zeit das Symptom Frühgeburt als eine syndromale Erkrankung anzuerkennen, die nur die Endstrecke unterschiedlicher und häufig gemeinsam auftretender pathophysiologischer Mechanismen darstellt. In den letzten Jahren hat sich herausgestellt, dass genitale und intrauterine Infektionen zu den bedeutsamen Risikofaktoren für die Entwicklung von vorzeitiger Wehentätigkeit und Frühgeburt zählen [[2]]. In großen Studienkollektiven sind aszendierende genitale Infektionen in 40 % der Fälle von Frühgeburtlichkeit nachweisbar. Daraus entwickelte sich die Hoffnung, die Problematik Frühgeburtlichkeit bald durch großzügigen Einsatz von Antibiotika lösen zu können. Allerdings haben die großen Interventionsstudien der letzten Jahre widersprüchliche Ergebnisse gezeigt. Es wird deutlich, dass zahlreiche pathophysiologische Mechanismen im Rahmen der vorzeitigen Wehentätigkeit und Frühgeburtlichkeit zum Zeitpunkt des Infektionsnachweises bereits irreversibel induziert sind und somit eine antibiotische Therapie diese Kaskaden nicht mehr unterdrücken kann. Wird eine lokale Dysbiose bzw. beginnende genitale infektion frühzeitig erkannt, so belegt mittlerweile eine stetig steigende Zahl von prospektiv randomisierten Studien einen Benefit der Interventionsgruppen. Die Hypothese der infektiologischen Genese eines Großteils der spontanen vorzeitigen Wehentätigkeit und Frühgeburtlichkeit wird somit unterstützt. Darüber hinaus häufen sich Berichte, dass genetische Faktoren eine Überempfindlichkeit gegenüber antenatalen Infektionen mit inadäquater Inflammationsreaktion vermitteln und somit eine Risikosteigerung für eine Frühgeburtlichkeit darstellen [[3]]. Diese so genannten Gen-Umwelt-Interaktionen sind seit Jahren für das Verständnis komplexer Krankheitsbilder, wie Atherosklerose, Adipositas, Hypertonus, Depression etc. beschrieben. In der vorliegenden Übersichtsarbeit wird der Stellenwert antenataler Infektionen in der Pathogenese der Frühgeburtlichkeit unter besonderer Berücksichtigung prädisponierender genetischer Faktoren diskutiert.

Abstract

Spontaneous preterm labour and preterm birth are still the leading causes of perinatal morbidity and mortality in the developed world. Previous efforts to prevent preterm birth have been hampered by a poor understanding of the underlying pathophysiology, inadequate diagnostic tools, and generally ineffective therapies. Clinical, epidemiological and experimental studies indicate that genito-urinary tract infection plays a critical role in the pathogenesis of preterm birth. Moreover, intrauterine infection significantly increases perinatal mortality and morbidity, such as cerebral palsy and chronic lung disease. Recently, it has been proposed that a gene-environment interaction determines the risk for preterm birth. From the yet available studies it seems that polymorphisms of genes that are critically involved in the host inflammatory response mediate an inadequate inflammatory response. Thus, polymorphisms that increase the magnitude or the duration of the inflammatory response were associated with an increased risk of developing preterm birth and polymorphisms that decrease the response were asociated with a decreased risk of developing preterm birth. In this article the current understanding of pathogenetic pathways in the etiology of preterm birth will be reviewed.

Literatur

Priv. Doz. Dr. Dr. med. Yves Garnier

Geschäftsführender Oberarzt
Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Klinikum der Universität zu Köln

Kerpener Straße 34

50924 Köln

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