Geburtshilfe Frauenheilkd 2006; 66(10): 947-951
DOI: 10.1055/s-2006-924307
Übersicht

Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Differenzialdiagnostik des Gestationsdiabetes: Welches Risiko besteht für einen Typ-1- oder Typ-2-Diabetes nach der Schwangerschaft?

Prediction of Risk of Type 1 and Type 2 Diabetes Postpartum in Patients with Gestational Diabetes MellitusM. Füchtenbusch1 , A. G. Ziegler1 , M. Hummel1
  • 1Institut für Diabetesforschung und 3. Medizinische Abteilung, Krankenhaus München-Schwabing
Further Information

Publication History

Eingang Manuskript: 21.2.2006 Eingang revidiertes Manuskript: 20.5.2006

Akzeptiert: 26.5.2006

Publication Date:
26 October 2006 (online)

Abstract

The incidence rates of gestational diabetes (GDM) are increasing worldwide, similar to that of type 2 diabetes. This is mainly due to the increasing body weight during pregnancy which can shift physiological gestational insulin resistance towards a pathological range. After the diagnosis of GDM is made, it is relatively easy to assess the risk for type 2 or type 1 diabetes postpartum by using clinical and biochemical markers. The German GDM multicenter study shows that about 10 % of women with GDM have antibodies against either glutamatdecarboxylase (GAD), or islet-antigen 2 (IA-2), or both. Predominantly lean patients who have to be treated with insulin during pregnancy are much more likely to be islet antibody positive and are at a very high risk of developing type 1 diabetes within the first year postpartum. The prevalence of MODY (maturity diabetes of the young) cases diagnosed during pregnancy is estimated to be less than 5 %. A positive family history of diabetes, persisting fasting hyperglycemia postpartum, or a rather moderate increase of glucose during the OGTT using 75 g glucose can point to the diagnosis of MODY. If the risk of diabetes postpartum is considered to be high, women with GDM should undergo an OGTT immediately after birth and then at least every two years. Data from the Diabetes Prevention Program (DPP) subgroup analysis of individuals with former GDM and impaired glucose tolerance show that prevention of diabetes by both life style intervention and Metformin is highly effective.

Zusammenfassung

Die Häufigkeit des Gestationsdiabetes (GDM) nimmt ähnlich den Zuwachsraten des Typ-2-Diabetes weltweit stetig zu. Einer der Hauptgründe hierfür ist der stabile Trend eines Ansteigens des präpartalen Körpergewichts, das in der Schwangerschaft mit einer „Rechtsverschiebung“ der Insulinresistenz vom physiologischen in den pathologischen Bereich assoziiert sein kann. Ist die Diagnose eines GDM gestellt, kann mithilfe klinischer Aspekte und biochemischer Marker das individuelle Risiko, nach der Schwangerschaft einen Typ-2- oder Typ-1-Diabetes zu entwickeln, gut abgeschätzt werden. Wie die Daten der deutschen GDM-Multizenterstudie zeigen, weisen etwa 10 % der Schwangeren Antikörper gegen Glutamatdecarboxylase (GAD‐AK), gegen die Thyrosinphosphatase Islet-Antigen 2 (IA-2) oder gegen beide Antigene auf. Insbesondere schlanke Patientinnen, die während der Schwangerschaft mit Insulin behandelt werden müssen, haben häufiger GAD‐AK und ein besonders hohes Risiko, bereits innerhalb des ersten Jahres post partum einen Typ-1-Diabetes zu entwickeln. Die Häufigkeit eines MODY-Diabetes (maturity-onset of diabetes in the young), der sich in der Schwangerschaft manifestiert, wird auf < 5 % geschätzt. Eine positive Diabetesfamilienanamnese, eine persistierende Nüchternhyperglykämie nach der Schwangerschaft sowie ein nur mäßiger Anstieg der Serumglukose im 75 g Glucose-OGTT können Hinweise für das Vorliegen eines MODY-2-Diabetes (Mutationen im Glukokinase-Gen) geben. 30 - 80 % aller Schwangeren mit GDM entwickeln 5 - 16 Jahre postpartum einen Typ-2-Diabetes. Die wichtigsten unabhängigen Risikofaktoren für einen Typ-2-Diabetes stellen dabei Übergewicht, die Notwendigkeit einer Insulintherapie während der Schwangerschaft, eine hohe Nüchternhyperglykämie und ausgeprägte Hyperglykämieanstiege im diagnostischen OGTT, sowie das Alter der Mutter dar. Wird das individuelle Diabetesrisiko aufgrund klinischer Kriterien als hoch eingeschätzt, sollte direkt nach der Schwangerschaft, in allen anderen Fällen innerhalb von 2 Monaten nach der Schwangerschaft und dann mindestens alle 2 Jahre ein OGTT veranlasst werden. Bislang noch unveröffentlichte Daten aus dem Diabetes Prevention Program (DPP) zeigen auch für Personen mit vorbestehendem GDM, dass Diabetes-Präventionsmaßnahmen (Diät, körperliche Aktivität und/oder Metformin) hocheffektiv sind.

Literatur

PD Dr. med. Martin Füchtenbusch

3. Medizinische Abteilung, Krankenhaus München-Schwabing, Städtisches Klinikum München GmbH und Institut für Diabetesforschung

Kölner Platz 1

80804 München

Email: [email protected]