Geburtshilfe Frauenheilkd 2006; 66(9): 823-824
DOI: 10.1055/s-2006-924477
Editorial

Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Frauen - Medizin - Kommunikation

Women - Medicine - CommunicationK. Vetter1 , B. Ramsauer1
  • 1Klinik für Geburtsmedizin, Vivantes Klinikum Neukölln, Berlin
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Publication Date:
12 September 2006 (online)

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Frauenmedizin, die Medizin für die Frau, umfasst geschlechtsspezifische Aspekte von der körperlichen Entwicklung vom Mädchen zur Frau, Prävention, Diagnostik und Therapie bis hin zur ärztlichen Begleitung während ihres ganzen Lebens. Derzeit erleben wir Veränderungen, die weder ethisch noch sozial oder finanziell in all ihren Ausmaßen erfassbar sind. Eine durch zunehmend höheres Lebensalter und fehlenden Nachwuchs auf dem Kopf stehende Alterspyramide, aber auch ein stetig ansteigendes Alter von Schwangeren fordern die Medizin in nie da gewesener Weise heraus. Der Rückzug von der Reproduktion durch einen immer größeren Teil der Bevölkerung außerhalb der Dritte-Welt-Länder verändert nicht nur unsere Gesellschaftsstrukturen ganz erheblich, sondern stellt auch die Medizin vor neue Aufgaben.

Die Medizin unterliegt grundlegenden Wandlungen. Ihr gesellschaftlicher Stellenwert ist gekennzeichnet durch Konzentration medizinischer Leistungen sowie durch eine in Teilbereichen wissenschaftlich begründbare Medizin. Fachgebietsgrenzen werden durch Bildung interdisziplinärer Zentren für Organe oder Funktionen aufgehoben; nur wenige Fachgebiete werden überhaupt erhalten bleiben. Ganze Medizin-Segmente werden aus den Kliniken in preiswerter erscheinende Bereiche ausgelagert, die sich auch im europäischen Rahmen der Konkurrenz stellen müssen. Wie gehen unsere Kollegen aus dem Ausland mit diesen neuen Entwicklungen um? Mit gegenüberstellenden Vorträgen der Kollegen des RCOG - Royal College of Obstetricians and Gynaecologists - und Vorstandsmitgliedern der DGGG sollen diese Aspekte der Zukunft der Medizin erörtert werden.

Die wissenschaftliche Entwicklung wird zunehmend durch Einblicke in das Genom bzw. in die Produktion von Proteinen in der Zelle und daraus abgeleitete Diagnostik- und Therapieansätze geprägt. Dies verlangt nach neuen Umgangsformen mit schon bekannten oder möglichen Informationen zur individuellen Konstitution bzw. Risikokonstellation unter besonderer Berücksichtigung der Würde jedes Einzelnen. Wir Frauenärztinnen und Frauenärzte sind dabei die wichtigsten Ansprechpartner für Frauen, denn weder Politiker noch Juristen haben die Fähigkeit, den besten oder richtigen Weg in die Zukunft zu weisen oder zu begleiten. Wir selbst sind gefragt und müssen uns mit den verfügbaren Informationen, ihrer Bedeutung und ihrer Vermittlung in einem verständlichen Rahmen auseinandersetzen, um sie angemessen überbringen zu können.

Der strukturierten Kommunikation zwischen Patientinnen, Ärztinnen und Ärzten wird in Zukunft eine andere und voraussichtlich noch größere Bedeutung als heute zukommen - die weltweit freie Verfügbarkeit von Informationen für alle hat die Arzt-Patientinnen-Gesprächsbasis schon jetzt grundlegend verändert. Das akademisch-intellektuelle ärztliche Handeln muss sich deutlich von delegierbaren Tätigkeiten für andere spezialisierte Berufsgruppen abgrenzen. Ärztinnen und Ärzte könnten sich auf das Hergebrachte zurückziehen; sinnvoll und erstrebenswert erscheint es jedoch, selbst an der Entwicklung direkt teilzuhaben oder sie sogar aktiv zu beeinflussen. Niemand kann sich der aktuellen rasanten Entwicklung entziehen.

Wie ärztliches Selbstverständnis und Professionalität unter derartigen dynamischen Verhältnissen zu erhalten und zu gestalten sind, wird eine der zentralen Fragen des Kongresses sein. Wie gehen wir damit um, wenn uns Patientinnen oder ihre Partner herausfordern, weil sie mehr verlangen, vielleicht auch wissen, als wir ihnen anbieten? Wie stellen wir uns auf Internet-Medizin ein? Sind wir professionell auf die neuen Herausforderungen der medizinischen Möglichkeiten einerseits und des Wissensstandes unserer Gesprächspartner andererseits vorbereitet? Es genügt nicht mehr, wenn wir in die kontinuierliche Entwicklung unserer medizinischen Kenntnisse investieren. Zur Professionalität gehört insbesondere auch die Weiterentwicklung unserer beruflichen Kenntnisse und Fähigkeiten insgesamt.

Berlin soll deshalb im Jahr 2006 das Zentrum der Medizin für die Frau sein. Wir freuen uns im Sinn der Sache Frauengesundheit auf Ihr Kommen, Ihre Beiträge zur Diskussion und Ihre Auseinandersetzung mit unseren beruflichen Neuerungen.

Klaus Vetter
Präsident der DGGG

Babett Ramsauer
2. Schriftführerin der DGGG

Prof. Dr. med. Klaus Vetter

Klinik für Geburtsmedizin
Vivantes Klinikum Neukölln

Mariendorfer Weg 28

12051 Berlin

Email: [email protected]