Geburtshilfe Frauenheilkd 2006; 66(10): R227-R246
DOI: 10.1055/s-2006-924618
GebFra-Refresher

Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Deszensus: Diagnostik und Therapie. Teil 1

W. Zubke1 , C. Reisenauer1 , K. Gardanis1 , D. Wallwiener1
  • 1Universitätsfrauenklinik Tübingen (Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. D. Wallwiener)
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Publication History

Publication Date:
26 October 2006 (online)

Senkungszustände des weiblichen Genitale stellen in gewisser Weise eine echte „Volkskrankheit“ dar. Sie wurden zu allen Zeiten beschrieben, vom ersten medizinischen Bericht, dem Papyrus Ebers (ca. 1550 v. Chr.), bis hin zur neuesten Literatur. In Amerika werden pro Jahr etwa 200 000 Frauen wegen Senkungszuständen operiert [[4]].

Wir müssen davon ausgehen, dass jede 10. Frau

Jede 10. Frau unterzieht sich einer Senkungsoperation.

sich im Laufe ihres Lebens einer Senkungsoperation unterzieht, etwa ein Drittel dieser Patientinnen muss sich einer oder mehreren weiteren Senkungs- bzw. Rezidivoperationen unterziehen. Die Tendenz zu Deszensusoperationen nimmt deutlich zu.

Die Ursachen

Ursachen für den Deszensus: 1. Geburten 2. Tragen schwerer Lasten 3. Chronischer Husten 4. Adipositas 5. Überwiegen des Kollagen Typ III 6. Hormonumstellung in der Postmenopause

dieser Erkrankung sind multifaktoriell. Verallgemeinernd kann gesagt werden, dass eine Senkung des Genitale dann auftritt, wenn die Belastung größer ist als die individuelle Belastbarkeit des Beckenbodens. Größere Belastungen für den Beckenboden sind Geburten, insbesondere instrumentelle Entbindungen und lange Austreibungsperioden, das Tragen schwerer Lasten, aber auch chronischer Husten, Adipositas u. a. m. Darüber hinaus prädisponiert ein sog. „schwaches Bindegewebe“ zum Deszensus. Dies beruht u. a. auf einem stärkeren Überwiegen der schwächeren Kollagenuntereinheiten vom Typ III im Bindegewebe von Frauen mit Prolaps [[15]]. Dies erklärt auch weitgehend die oft beobachtete genetische Komponente bei Senkungen. Ferner kann die hormonelle Umstellung in der Postmenopause den Austausch der Kollagenuntereinheiten mit der konsekutiven Disposition zur Senkung des Genitale bewirken [[25]]. Weiterhin gibt es Hinweise auf einen geringeren Kollagengehalt der bindegewebigen Strukturen bei Frauen mit Genitalprolaps [[32]].

Die Genitalsenkungen verursachen teils uncharakteristische Beschwerden

Beschwerden des Deszensus: uncharakteristische Kreuz- und Rückenschmerzen, Druck nach unten, Fremdkörpergefühl, Harninkontinenz.

, wie z. B. Kreuz- und Rückenschmerzen, aber auch ein gewisses Druckgefühl nach unten. Stärker ausgeprägte Senkungen gehen oft mit einem Fremdkörpergefühl in der Scheide einher. Z. T. prolabieren vordere und/oder hintere Scheidenwand und auch der Uterus vor den Introitus (Abb. [1]). In der Folge können sich Stuhl- und Harnentleerungsstörungen sowie mechanisch bedingte Verletzungen und Ulzerationen entwickeln. Beim ausgeprägtem Prolaps sind einfachste Verrichtungen, Gehen über kurze Distanzen, Tragen von kleinsten Lasten, Bücken und Aufheben von Gegenständen mit Beschwerden verbunden. Zudem geht eine Senkung des Genitale oftmals mit Harninkontinenz einher.

Abb. 1 Stark ausgeprägter Prolaps mit oberflächlichen Ulzerationen.

All diese Beschwerden führen zu einer Limitation der sozialen Kontakte und senken die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. Die primäre operative Behandlung der Leiden hat den früher viel verwendeten Gebrauch von Pessaren fast vollständig verdrängt; sie kann das Leiden erheblich mindern und ermöglicht den Betroffenen ein weitgehend normales Leben.

Operiert werden sollte nicht wegen auffälligem Befund, z. B. eine Senkung ohne jeglichen Beschwerdecharakter, die lediglich dem Arzt bei der Vorsorgeuntersuchung auffällt. Operiert werden sollte allgemein nur, wenn die Patientin unter der Senkung leidet. Der Wert prophylaktischer Deszensusoperationen sollte im Einzelfall abgewogen werden.

Literatur

Dr. med. Wolfgang Zubke

Universitätsfrauenklinik Tübingen

Calwer Straße 7

72076 Tübingen

Email: [email protected]