Anästhesiol Intensivmed Notfallmed Schmerzther 2006; 41(4): 213-222
DOI: 10.1055/s-2006-925232
Übersicht
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Schwerwiegende Risiken und Komplikationen der epiduralen Neurolyse nach Racz

Eine Übersicht mit FallberichtRisks and Complications of Epidural Neurolysis - a Review with Case ReportK.  J.  Wagner1 , T.  Sprenger2 , C.  Pecho1 , E.  F.  Kochs1 , T.  R.  Tölle2 , A.  Berthele2 , L.  Gerdesmeyer3
  • 1 Klinik für Anaesthesiologie, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, München
  • 2 Neurologische Klinik, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, München
  • 3 Klinik für Orthopädie und Traumatologie, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München, München
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Publication History

Publication Date:
24 April 2006 (online)

Zusammenfassung

Eine breite und zum Teil unkritische Berichterstattung in den Laienmedien hat bei niedergelassenen Ärzten und in Krankenhäusern zu einer zunehmenden Nachfrage der minimal-invasiven Wirbelsäulenkathetertechnik nach Racz geführt. Diese Technik, die auch als „epidurale Neuroplastie” bezeichnet wird, wird inzwischen in der klinischen Praxis zur Therapie von Rückenschmerzen unterschiedlichster Genese mit oder ohne in die Extremitäten ausstrahlenden Schmerzen angewendet. Durch die gezielte epidurale perineurale Applikation einer speziellen Kombination von Substanzen (Lokalanästhetika, Kortikosteroide, Hyaluronidase und hypertone Kochsalzlösung) soll eine lokale neurolytische, adhäsiolytische, antiinflammatorische und antiödematöse Wirkung auf epidurale Narben nach Wirbelsäulenoperationen induziert werden. Die Methode wird jedoch nicht nur im Rahmen des sog. „failed back surgery syndroms” eingesetzt, sondern auch zur epiduralen Adhäsiolyse von Spinalnerven im Rahmen von bandscheibenbedingten Radikulopathien, dies mit dem Ziel, eine Schmerzchronifizierung zu verhindern. Nach ursprünglich strenger Indikationsstellung erfährt die Methode jedoch heutzutage eine unkritische Erweiterung des Indikationsspektrums, ohne dass bislang eine Wirksamkeit per se bewiesen werden konnte. Dabei ist die Methode nicht ohne Risiko. Zu den häufigsten Komplikationen zählen unbeabsichtigte Duraperforationen, akzidentelle subarachnoidale oder subdurale Applikation der verwendeten Pharmaka, Katheterabscherungen, Infektionen und hämodynamische Instabilitäten während der Applikation des Substanzgemisches. Verfahrensbedingte Komplikationen treten in der Regel unmittelbar periinterventionell auf, wohingegen Komplikationen durch die zur Anwendung gelangenden Substanzen erst im späteren Verlauf erkennbar werden. Der vorliegende Fallbericht einer schweren bakteriellen Meningitis mit persistierendem neurologischen Defizit, ergänzt durch eine Übersicht über weitere, zum Teil schwerwiegende potenzielle Komplikationen soll die Notwendigkeit verdeutlichen, diese invasive Therapieform nur im Rahmen kontrollierter Studien anzuwenden.

Abstract

Racz's minimal invasive epidural catheter procedure, also known as „epidural neuroplasty” is not only utilized in patients suffering from failed spine surgery („failed back surgery syndrome”) but also increasingly applied to non-surgical back pain patients to prevent chronification or deterioration. Its hypothesized principle of action is local epidural lysis of adhesions, neurolysis of vertebral nerve roots and local lavage of proinflammatory mediators by repeated injection of local anesthetics, corticosteroids, hyaluronidase and hypertonic saline solution. However adverse events are well known to occur in epidural neuroplasty. Complications of epidural neuroplasty are due to the procedure itself or due to specific drugs-related side effects. Unintended dural puncture, administration of the drugs to the subarachnoid or subdural space, catheter shearing, infection and severe hemodynamic instability during application are most commonly observed adverse events. Complications related to the procedure itself occur immediately, while complications relating to drug administration show later onset. Within this context, we report a case of severe meningitis with neurologic sequalae in a patient who received Racz catheter-treatment for unspecific low-back pain and provide an overview of the literature on other potential severe complications. As a consequence, we recommend that the Racz catheter procedure as yet should be restricted to controlled clinical trials with rigorous inclusion- and exclusion criteria.

Literatur

Dr. med. Klaus Jürgen Wagner

Klinik für Anaesthesiologie

Klinikum rechts der Isar · Technische Universität München · Ismaninger Straße 22 · 81675 München

Email: K.Wagner@lrz.tum.de

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