Psychother Psych Med 2006; 56(9/10): 349-350
DOI: 10.1055/s-2006-940093
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Gender Mainstreaming: Bedeutung für die Psychotherapeutische Forschung und Praxis

Gender Mainstreaming: Relevance for Psychotherapeutic Research and PracticeIsa  Sammet1 , Ute  Martens1 , Stephan  Zipfel1
  • 1Abteilung Innere Medizin VI, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Medizinische Universitätsklinik Tübingen
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Publication Date:
10 October 2006 (online)

„Gender Mainstreaming” (dt. „Integration der Gleichstellungsperspektive”) bezeichnet eine Strategie, die Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen umzusetzen. Der Begriff wurde auf der 4. Weltfrauenkonferenz in Beijing geprägt und auf Ebene der Europäischen Union 1999 im Amsterdamer Vertrag international rechtlich verbindlich festgeschrieben. Artikel 2 und Artikel 3 Absatz 2 des Vertrags verpflichten die Mitgliedstaaten zu einer aktiven Gleichstellungspolitik. Diese hat laut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das Ziel, „die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern regelmäßig bei allen Vorhaben zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.” (http://www.gender-mainstreaming.net/gm/definition.html).

Für das Gesundheitssystem bedeutet diese Zielsetzung im Speziellen, dass sich die Qualität der medizinischen Versorgung an einer geschlechterspezifischen Pass- und Zielgenauigkeit der diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen zu orientieren hat. Dies setzt entsprechende Kenntnisse über geschlechterspezifische Besonderheiten in Bezug auf Symptomverteilung, Häufigkeiten, pathogenetische Faktoren und Behandlungsmaßnahmen von Erkrankungen voraus. Die intensivierte gendersensible Forschung der letzten Jahre deckte behandlungsrelevante Geschlechtsunterschiede in fast allen Bereichen der Medizin auf, z. B. bei kardiovaskulären und endokrinologischen Erkrankungen sowie ihrer pharmakologischen Therapie. Eine aktuelle Darstellung erfolgte auf der Ersten Weltkonferenz zu „Gender Specific Medicine” in Berlin im Februar 2006 [1]. Eine Folgeveranstaltung ist für das Jahr 2007 in Rom geplant.

Für psychische Gesundheit und Krankheit spielt der Faktor Geschlecht eine anerkannte Rolle. Dass Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen geschlechtsabhängig sind, äußert sich augenscheinlich in den unterschiedlichen Prävalenzraten: Für die Essstörungen, an denen ganz überwiegend Frauen erkranken, ist dieser Unterschied am auffälligsten [2].

Es ist in erster Linie das Verdienst der Frauengesundheitsbewegung, dass der Stellenwert von geschlechtsgebundener Sozialisation und Lebenswelt sowie der gesellschaftlichen Position für die Genese psychischer Störungen in Form von Gendertheorien herausgearbeitet wurde. Der Begriff Gender bezeichnet dabei die gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägten Geschlechtsrollen von Frauen und Männern und ist nicht deckungsgleich mit dem biologischen Geschlecht. Eine frauenspezifische Definition von Gesundheit und Krankheit wurde entwickelt, die auf weibliche Lebensthemen wie sexuelle Reifung, Anatomie, Körperbild oder Mutterschaft sowie Vulnerabilitäten verschiedener Lebens- und Entwicklungsphasen in Abhängigkeit des gesellschaftlichen Kontexts Bezug nimmt. Vor diesem Hintergrund legte das „European Women's Health Network” Richtlinien für eine frauengemäße Psychotherapie vor [3], die den ganzheitlichen Lebenskontext von Frauen würdigt und spezielle Behandlungsmöglichkeiten für Probleme von Frauen (z. B. häusliche Gewalt; Missbrauchserfahrungen) vorsieht. Auf wissenschaftlicher Ebene wurden Kenntnisse über frauenspezifische pathogenetische Faktoren systematisiert [4] [5]. Es erfolgten vermehrt empirische Studien zu geschlechtsdifferenter Genese, Symptomatik und Therapie psychischer Erkrankungen. Es sei nur beispielhaft herausgegriffen, dass sich geschlechtsspezifische Unterschiede in der Stressverarbeitung [6] oder in der Pharmakokinetik von Psychopharmaka [7] fanden. Diese Ergebnisse dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass für viele Störungen derzeit noch keine genderspezifischen Resultate vorliegen. Etwa bleibt für einige somatoforme Störungen (u. a. Reizdarmsyndrom), noch offen, ob diese mit weiblichen Zyklusveränderungen in Zusammenhang stehen.

Es sei jedoch hervorzuheben, dass „Gender Medicine” nicht mit Frauenmedizin gleichzusetzen ist. Der Gleichstellungsgedanke bezieht sich auf die gendergerechte Versorgung beider Geschlechter. Wesentliche Impulse für die Herausarbeitung von Geschlechtsunterschieden gingen jedoch von der Frauenforschung aus. Von den Ergebnissen profitiert auch das männliche Geschlecht.

Vor dem Hintergrund einer wachsenden Sensibilisierung für geschlechterbezogene Aspekte psychischer Erkrankungen stellt sich nun die Frage, wie diese in die psychotherapeutische Versorgungspraxis konkret einbezogen werden. Ausreichend differenzierte Modelle, die eine geschlechterdifferente Behandlung rechtfertigen, liegen auf empirisch begründbarer Basis noch kaum vor. Wissenschaftstheoretisch stellt sich allerdings auch die Frage nach dem Erklärungshorizont dieser Modelle. Bekanntermaßen ist die Varianz innerhalb der Gruppe der Frauen sowie der Männer groß; das Merkmal des Geschlechts ist ein maßgeblicher, aber selbstredend nicht der einzige Einflussfaktor auf die psychische Gesundheit. Es gibt neben den biologischen und psychosozialen Gemeinsamkeiten innerhalb des jeweiligen Geschlechts, die die Forschung zunehmend aufdeckt, jeweils große Unterschiede in den Persönlichkeitsstrukturen, den biografischen Kontexten und den genetischen Voraussetzungen. Dies bedeutet, dass die Forschungsdesigns künftiger Studien komplex sein müssen, damit sie dem Untersuchungsgegenstand auch nur annähernd gerecht werden können. Wenn zum Beispiel eine nach dem biologischen Geschlecht vergleichende Studie deskriptiv zu dem Schluss kommt, dass Frauen eher von supportiver, Männer von interpretierender Therapie profitieren [8], kann der Verdacht auf eine Simplifizierung des Sachverhalts nahe liegen und deren Wert für die psychotherapeutische Praxis infrage gestellt werden. Werden dagegen bedeutsame Unterschiede psychischer Störungen zwischen den biologischen Geschlechtern („sex”) mit psychosozialen Faktoren der Geschlechterrolle („gender”) und biologischen Aspekten in Zusammenhang gebracht (z. B. [9]) und hypothesengeleitet empirisch überprüft (z. B. [10]), kann dies zu differenzierten Gendermodellen psychischer Gesundheit und Krankheit beitragen. Allerdings fehlt es bisher noch weithin an einer empirischen Überprüfung.

Wenn das Wissen im Bereich der Genderforschung derzeit noch lückenhaft ist (und aufgrund der Komplexität des Themas vielleicht auch immer lückenhaft bleiben wird), heißt dies dann, dass eine angemessene Berücksichtigung genderspezifischer Aspekte in der Psychotherapie nicht stattfindet? Natürlich nicht! Geschlechtsrollenspezifische Aspekte werden üblicherweise in die Diagnostik einbezogen: in den psychodynamischen Verfahren durch die Übertragungs-Gegenübertragungsanalyse, in der Verhaltenstherapie durch die Analyse entsprechender pathogener Kognitionen. In der gegenseitigen Beziehung zwischen Patient/in und Therapeut/in, die den am besten untersuchten Wirkfaktor psychotherapeutischer Behandlung darstellt, werden geschlechtsrollenspezifische Aspekte unvermeidbar realisiert. Pathogene geschlechtsspezifische Erfahrungen können in diesem Rahmen emotional korrigiert werden. Insofern ist auf der Ebene individueller Diagnostik und Behandlung die gendersensible Perspektive mindestens implizit schon von jeher umgesetzt. Gendertheorien kommt in diesem Rahmen, ähnlich wie den entwicklungspsychologischen Modellen, der wichtige Stellenwert zu, dass sie den Rahmen für ein Verständnis des Patienten oder der Patientin bilden. Sie helfen, die Störung einer Patientin oder eines Patienten einzuordnen und gehören damit zum wichtigen Werkzeug jeder individuellen Diagnostik und Behandlung. Die Fortsetzung von wissenschaftlichen Bemühungen um ein gendersensibles Verständnis psychischer Erkrankungen ist vor diesem Hintergrund im Sinne des Gender Mainstreamings zwingend, allerdings auf keinen Fall um den Preis einer unangemessenen Simplifizierung mit Dichotomisierung auf Basis des biologischen Geschlechts. Wenn gendersensible Forschung mit der nötigen Sorgfalt und Komplexität vorangetrieben wird, kann sie - vermutlich über den psychotherapeutischen Behandlungsanspruch hinausreichend - pathogene und salutogene gesellschaftliche Strukturen weiter aufdecken und damit gesellschaftskritische und -verändernde Funktion einnehmen, wie es sich mit der Bewegung des Gender Mainstreaming bereits gegenwärtig zeigt.

Literatur

Dr. med. Isa Sammet

Abteilung Innere Medizin VI · Psychosomatische Medizin und Psychotherapie · Medizinische Universitätsklinik Tübingen

Osianderstraße 5

72076 Tübingen

Email: Isa.Sammet@med.uni-tuebingen.de