Dtsch med Wochenschr 2006; 131(19): 1077
DOI: 10.1055/s-2006-941722
Editorial
Versorgungsforschung
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Gesundheitswesen im Umbruch - stimmt der Kurs?

Changing the health care system - on the right track?B. Rauch1 , M. Gottwik2 , J. Senges3
  • 1Institut für Herzinfarktforschung, Klinikum der Stadt Ludwigshafen
  • 2Klinikum Nürnberg Süd Medizinische Klinik 8 - Kardiologie
  • 3Herzzentrum Ludwigshafen Abt. Kardiologie/Pneumologie
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Publication Date:
09 May 2006 (online)

Medizinischer Fortschritt, demographische Entwicklung, gesellschaftliche Ansprüche einerseits und wirtschaftliche Anpassungsprozesse an die Globalisierung sowie begrenzte Ressourcen andererseits zwingen das deutsche Gesundheitswesen in einen tiefgreifenden Veränderungsprozess, der uns noch lange begleiten wird. In diesem Entwicklungsprozess kommt der Versorgungsforschung eine zunehmende Bedeutung zu. Der 5. Deutsche Kongress für Versorgungsforschung (12.-13. Mai 2006 in Ludwigshafen) ist ein Forum für alle am Gesundheitswesen beteiligte Gruppen, um sich kritisch, vor allem aber konstruktiv und zukunftsorientiert mit aktuellen Fragen, Entwicklungen, Ideen und Modellen im Kontext tradierter Defizite auseinander zu setzen. Unter anderem werden auf diesem Kongress folgende zentrale Fragen über die einzelnen medizinischen Fachbereiche hinweg erörtert:

Die evidenzbasierte Medizin ist ein zentrales Anliegen einer effektiven Medizin. Wie steht es um die Umsetzung im klinischen Alltag? Auf welcher Evidenz basiert die evidenzbasierte Medizin? Lassen sich die Ergebnisse kontrollierter, randomisierter Studien problemlos auf den Alltag übertragen? Beim akuten Herzinfarkt setzt sich die leitlinienorientierte Diagnostik und Therapie zunehmend durch, und dies ist mit einer abnehmenden Sterblichkeit assoziiert. Bei anderen Krankheiten persistieren kostenträchtige Defizite, z. B. bei der Behandlung und Betreuung von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. Evidenz ist dort erhältlich, wo Forschung gefördert wird, doch welche Faktoren bestimmen die Forschungsrichtungen und -schwerpunkte? Forschungsförderung und Forschungsrichtungen werden von zur Verfügung stehenden finanziellen Ressourcen, dem Einfluss beteiligter Interessensgruppen und von der aktuell gesellschaftlich zugemessenen Bedeutung maßgeblich beeinflusst. Führt diese Verteilung des Einflusses zu einer für unsere Gesellschaft sinnvollen Entwicklung im Gesundheitswesen, oder ergeben sich hieraus eher Defizite? Qualität ist gefordert, und Qualitätssicherung und Zertifizierung von Leistungsanbietern erscheinen als Wert an sich. Die Notwendigkeit einer regelhaften Überprüfung der Qualität medizinischer und ärztlicher Maßnahmen steht außer Zweifel. Doch was wird unter Berücksichtigung der verschiedenen Interessengruppen wie Patient, Arzt, Kostenträger, Industrie, Politik und Öffentlichkeit unter Qualität verstanden? Viele Programme zur Qualitätssicherung und zum Qualitätsmanagement sind aufwendig und teuer. In welchem Ausmaß sind solche Programme evidenzbasiert, d. h. in welchem Umfang verbessern sie Qualität und reduzieren Kosten? Spezialisierung und hoher medizintechnischer Standard einerseits - Lücken im Kenntnisstand, in der Prävention und Basisversorgung der Zivilisationskrankheiten andererseits. Ist das konsequente Bewegungsprogramm von Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit nicht ebenso wichtig wie die Bypass-Operation? Wäre es angesichts des hohen Morbiditätsgrades und der hohen Kosten von Patienten mit chronisch obstruktiver Lungenerkrankung nicht sinnvoller, primär den Nikotin-Konsum einzuschränken? Die Überwindung sektoraler Grenzen wird mit Recht gefordert. Programme zur integrierten Versorgung und zum „Disease-Management” werden gefördert oder stehen zur Verfügung. Wie steht es mit deren Umsetzung, und inwieweit stehen der Umsetzung Partikularinteressen und Bürokratie entgegen? Patientenrechte rücken in den Vordergrund - wie steht es jedoch angesichts des Risikoverhaltens mit den Patientenpflichten? Ist das deutsche Gesundheitswesen ein nicht beherrschbarer Kostenfaktor oder ein zentraler Wirtschaftsfaktor ? Wie viel darf ein langes Leben mit hoher Qualität kosten? Was sind die Erwartungen der Gesellschaft an ein funktionierendes Gesundheitssystem? Führen unterschiedliche Erwartungen von Patienten, Arzt, Ökonomie und Politik zu einer gegenseitigen Behinderung?

An dem 5. Deutschen Kongress für Versorgungsforschung beteiligen sich aktiv 25 Fachgesellschaften. Über die oben skizzierten Themen hinaus werden gesellschaftlich und versorgungspolitisch relevante Gebiete der somatischen Medizin, Medizin-Technologie, Genetik, Epidemiologie, Psychologie, Sozialmedizin, Prävention und Rehabilitation, der geschlechtsspezifischen Versorgungsmerkmale, der Medizin-Ethik bis hin zu den Auswirkungen jüngster Reformen im Gesundheitswesen diskutiert. Ausrichter des Kongresses ist die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie - Herz- und Kreislaufforschung (DGK) in Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation von Herz-Kreislauferkrankungen (DGPR) und der Ständigen Kongresskommission Deutscher Kongress für Versorgungsforschung.

Prof. Dr. B. Rauch

Institut für Herzinfarktforschung, Klinikum der Stadt Ludwigshafen

Bremserstr. 79

67063 Ludwigshafen

Phone: 0621/5032802

Fax: 0621/5032882

Email: RauchB@klilu.de