Zentralbl Gynakol 2006; 128(6): 372-373
DOI: 10.1055/s-2006-942282
Nachruf

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Prof. Dr. med. habil. Hans Wilken

B. Gerber1
  • 1Universitäts-Frauenklinik Rostock
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Publication Date:
10 January 2007 (online)

Am 5. September 2006 verstarb Prof. Dr. med. Hans Wilken, ehemaliger Direktor der Universitätsfrauenklinik in Rostock und langjähriger Chefredakteur des Zentralblattes für Gynäkologie und Geburtshilfe. Am 6. Mai 1929 in Rostock geboren, ging er hier zur Schule, studierte hier Medizin und erhielt 1954 die Approbation. Im gleichen Jahr promovierte er mit einer Arbeit über die Möglichkeiten der Funktionssteigerung des Hypophysen-NNR-Systems durch kleine Röntgendosen, die von dem Röntgenologen W. Reichel unter dem Eindruck der damals aktuellen Stresstheorie von Selye vergeben worden war.

Nach der Pflichtassistentenzeit und einem in dieser Zeit üblichen praktischen Jahr im Landkreis Rostock begann er im September 1956 mit der Facharztweiterbildung an der Universitäts-Frauenklinik Rostock. Sein erster Chef war Schmid, ein genialer gynäkologischer Operateur. In der Geburtshilfe stand damals das Wohl der Mutter absolut im Vordergrund. Erst unter dem Eindruck der Veröffentlichungen von Saling, Hammacher, Hon u. a. in den Sechzigerjahren bekamen Leben und Gesundheit des ungeborenen und neugeborenen Kindes immer mehr Bedeutung. Geburtshilfliche Operationen wie: hohe Zangen bei über dem Beckeneingang stehenden Kopf, ganze Extraktionen bei Beckenendlagen sowie zerstückelnde Operationen bei abgestorbenem Kind, waren zuvor an der Tagesordung. Die mütterliche Mortalität war noch sehr hoch - zeitweise ereigneten sich über 20 Eklampsiefälle in einem Jahr. Wilken gehört zu der Generation, die die Entwicklung von dieser heute undenkbaren Situation bis in die Gegenwart, in der kaum eine Frau in der Schwangerschaft und unter der Geburt stirbt, und in der auch sehr unreife Frühgeborene überleben, in ihrer Arbeit direkt erlebt hat.

1958 übernahm Kyank die Leitung der Rostocker Klinik. Damit begann eine neue Etappe, die vor allem durch die ständige Information über die internationale Fachliteratur geprägt war. Kyank war bestrebt, die wissenschaftliche Arbeit und die klinische Praxis immer dem internationalen Niveau anzupassen.

Auf Anraten von Kyank befasste sich Wilken mit immunologischen Untersuchungen in der Schwangerschaft, woraus eine Reihe beachteter Publikationen entstand und worüber er sich bereits 1963 habilitierte. Andere Arbeitsgebiete von Wilken waren Infektionen in der Schwangerschaft und das damals aktuelle Problem der Rh-Unverträglichkeit, wobei er als erster in der DDR die intrauterine Transfusion des Fetus nach Liley durchführte.

Schon 1960 wurde Wilken zum Oberarzt und 1964 zum Hochschuldozenten ernannt. Nach 15-jähriger Tätigkeit an der Rostocker Klinik übernahm er 1971 die Frauenklinik in Wismar als Nachfolger von Prof. Meta Sander und wurde zum Professor ernannt. Gleichzeitig wurde er ärztlicher Direktor des damaligen Bezirkskrankenhauses Wismar. Unter seiner Leitung wurde die Wismarer Frauenklinik zu einer der führenden Frauenkliniken der damaligen DDR entwickelt. 1976 begann Wilken in der Frauenklinik Wismar mit der Behandlung von Mammaerkrankungen - bis dahin in der DDR eine Domäne der Chirurgen - die ein Schwerpunkt seiner Arbeit bis zum Ende seines Berufslebens bleiben sollte.

1981 erhielt er das Angebot, als Nachfolger von Kyank die Leitung der Universitäts-Frauenklinik Rostock zu übernehmen. Nach reiflicher Überlegung nahm er den Ruf an, wobei sicher die Aussicht, wieder in der studentischen Ausbildung tätig zu sein, den Ausschlag gab. Wilken trennte sich sehr schwer von Wismar.

Die folgenden 12 Jahre als Direktor der Rostocker Klinik waren mit Arbeit auf den verschiedensten Gebieten ausgefüllt. Dazu zählten klinische Tätigkeit, Vorlesungen, wissenschaftliche Arbeit. Aus der Feder von Wilken stammen insgesamt 260 Publikationen und Buchbeiträge. Er hielt über 300 Vorträge auf nationalen und internationalen Kongressen. Während des Direktorates von Wilken habilitierten sich 10 Mitarbeiter und es wurden 15 wissenschaftliche Tagungen durchgeführt. Schwerpunkte seiner Tätigkeit in Rostock waren der Aufbau der Reproduktionsmedizin mit Geburt des ersten IVF-Kindes in Rostock 1987, die Mammachirurgie und die Herausgabe des Zentralblattes für Gynäkologie und Geburtshilfe von 1983-1994. Gegen den Widerstand der Chirurgen baute Wilken unter Einbindung von Röntgendiagnostikern, Strahlentherapeuten, Pathologen und Biochemikern in der Rostocker Frauenklinik ein erstes Zentrum für Mammaerkrankungen in der DDR auf, in dem heute fast alle Mammakarzinome aus dem Bereich Rostock und darüber hinaus behandelt werden. Mitte der Achtzigerjahre führte Wilken unter dem Eindruck der Arbeiten von Fisher, Veronesi, Thomsen, Maass u. a., als einer der ersten in der damaligen DDR die brusterhaltende Therapie des Mammakarzinoms ein. Auch die Einführung der plastisch-ästhetischen Brustchirurgie ist sein Verdienst.

Nach Vorschlag des emeritierten Helmut Kyanks wurde Wilken im Frühjahr 1982 vom Vorstand der damaligen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe der DDR zum Nachfolger von Kraatz als Chefredakteur des Zentralblattes für Gynäkologie und Geburtshilfe gewählt. Zur Freude von Wilken erklärte sich Reinhold Schwarz (Rostock) bereit, die Aufgaben des Redaktionssekretärs zu übernehmen. Es begann eine 11-jährige fruchtbare Zusammenarbeit, die durch eine sinnvolle Aufgabenteilung gekennzeichnet war. Das Zentralblatt, als einzige gynäkologisch-geburtshilfliche Zeitschrift der DDR, hatte vorwiegend Fortbildungscharakter, wobei Wilken immer um den Anschluss an den internationalen Wissenstand bemüht war. So wurden auch zahlreiche Originalarbeiten aus dem In- und Ausland publiziert. In den letzten Jahren kamen „Wissensteste” und Anfragen an die Redaktion, die durch kompetente Fachleute aus Ost und West beantwortet wurden, hinzu.

Seit seiner Wahl in die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommerns 1993 arbeitete Wilken hier noch lange nach seiner Emeritierung in der Ethikkommission mit.

Wilken war über 51 Jahre mit der Orthopädin Dr. Irmtraud Wilken verheiratet. Seine beiden Kinder Dr. Thomas Wilken (Berlin) und Dr. Annette Krause (Rostock) sind ebenfalls Gynäkologen.

Die große Anzahl seiner ehemaligen Schüler, die heute Niedergelassen, Oberärzte, Chefärzten und Direktor sind, werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren. Unsere Anteilnahme gilt Frau Dr. Wilken und den Kindern.