Der Klinikarzt 2006; 35(6): 219
DOI: 10.1055/s-2006-947871
Editorial

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Dürfen Ärzte streiken?

Burckart Stegemann
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Publication Date:
05 July 2006 (online)

Im Hippokratischen Eid steht nichts von Streik, sagen manche Kritiker des Ärztestreiks und zeigen damit gleich, dass sie ihn nicht gelesen oder zumindest nicht verstanden haben. Der wuchs nämlich auf einem völlig anderen Boden als wir ihn heute vorfinden. Heute arbeiten Ärzte im Spannungsfeld zwischen Politik und Verwaltung. Die Politik möchte dabei mit äußerst rigiden gesetzlichen Vorgaben medizinische Behandlung bezahlbar erhalten, selbstverständlich kostenneutral, also ohne Beitragserhöhungen und Mehrinvestitionen. Die Verwalter und Ökonomen wiederum haben die Exekutive im Krankenhaus inzwischen fast komplett übertragen bekommen.

Von der Arbeit zu 100 % absorbiert sind die Ärzte relativ leicht zu steuern. Spitz ausgedrückt sind sie zu Marionetten im Dienste der Bürokratie und Ökonomie geworden. Und was machen Marionetten, bei denen die Fäden nicht mehr richtig zusammenlaufen? Sie versagen den Dienst! Nicht anders darf man den aktuellen Streik verstehen. Allerdings will man den Ärzten lieber keinen Streik zugestehen und interpretiert ihn hier und da sogar aus den eigenen Reihen falsch.

„Die Ärzte wollen mehr Geld” ist die häufigste Kritik, wenn auch in einer Zeit, in der sich Politiker mit routinemäßiger Selbstverständlichkeit und Regelmäßigkeit die Diäten erhöhen und Streiks anderer Berufgruppen als sehr adäquat und berechtigt empfunden werden. Ärzte verdienen doch genauso gut und mehr als andere Akademiker im öffentlichen Dienst, tönt unsere Gesundheitsministerin. Aber das Gros der Ärzte, vor allem die jüngeren, werden schamlos durch die bestehenden Verhältnisse ausgenutzt. Daher sollte der Grund für den Streik nicht heißen „30 % mehr Geld”. Besser wäre es, eine doch eigentlich selbstverständliche, den ärztlichen Aufgaben und Verantwortungen entsprechende Vergütung der geleisteten Arbeit in den Mittelpunkt zu stellen!

Denn in den letzten Jahren wurde den Ärzten im Klinik- und Praxisalltag mit behender Leichtigkeit eine bürokratische Mehrarbeit von 40-50 % aufgestülpt, diese Mehrarbeit aber selbstverständlich nicht mit adäquat mehr Personal kompensiert. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes zur Arbeitszeit wird seit Jahren geschickt verbummelt oder missachtet, denn es geht ja um sehr hohe Eurosummen, mit denen das System durch die unbezahlte Mehrarbeit der Ärzteschaft gestützt wird. Dieser unfreiwillig von uns Ärzten geleistete „Unterstützungsbeitrag” zugunsten des Systems ist mehr als zehn Milliarden Euro wert, taucht aber in keiner Statistik über die Finanzierung des Gesundheitswesens auf, so der Präsident der Bundesärztekammer Prof. J.-D. Hoppe, Düren, auf dem diesjährigen Deutschen Ärztetag in Magdeburg.

Es ist nicht wegzudiskutieren: Nur über diese ausschließlich von Ärzten geleistete Subventionierung wird die medizinische Versorgung auf dem derzeitigen guten Stand weiter möglich gemacht werden - und das wissen und darauf setzen die geistigen Strippenzieher des Systems. Die geleistete Arbeitszeit für Ärzte ist exorbitant gestiegen, im Extrem fast bis auf das Doppelte! „Aber das muss ein Arzt auch” heißt es oft, „er tut doch seinen Dienst direkt am Menschen und hat einen hippokratischen Eid geschworen!” Auf einmal wird wieder auf das ärztliche Ethos verwiesen, das doch gerade erst noch als vom Geld besiegt erklärt wurde. Aber da sollten wir uns, so Hoppe, „nicht am ethischen Nasenring durch die Gesundheitsarena ziehen lassen.”

Im Vordergrund des Ärztestreiks steht die eigentlich doch für alle anderen Berufsgruppen anerkannte Forderung, geleistete Arbeit anzuerkennen und zu honorieren. Gerade mit der wider bessere Wahrnehmung vorgenommenen Ignorierung eines beträchtlichen Teils der geleisteten ärztlichen Arbeit wird auch in beschämender Weise die ärztliche Würde verletzt. Man gibt uns damit zu verstehen, eure Arbeit ist uns nichts wert! Entweder muss das Personal an die zu leistende Arbeit - auf welche die Bevölkerung garantiert nicht verzichten möchte - oder umgekehrt die Leistung an das Personal angepasst werden, sonst reißen eben die Fäden der „Marionetten”. Dafür müssten andere Berufsgruppen, die sich Gleiches niemals gefallen lassen würden und aus eben solchen Gründen auch ganz selbstverständlich auf die Straße gehen, doch Verständnis haben.

Darauf kann man nur hoffen!

Prof. Dr. Burckart Stegemann

Hagen

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