Krankenhauspsychiatrie 2006; 17(4): 184-186
DOI: 10.1055/s-2006-954976
Varia
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Die Psychiatrie und die Kultur des Sozialen in der Region Süd-Württemberg/Weissenau

Psychiatry and the Culture of Social Welfare in the Region Süd-Württemberg WeissenauP.-O.  Schmidt-Michel1
  • 1Zentrum für Psychiatrie die Weissenau, Abteilung Psychiatrie I der Universität Ulm, Ulm
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Publication Date:
27 December 2006 (online)

Inwieweit ist es in der südwürttembergischen Region beispielhaft gelungen, eine Kultur des Sozialen in den psychiatrischen Versorgungseinrichtungen zu verwirklichen?

Es fällt nicht leicht, sich als Deutscher überhaupt zur sozialen und ethischen Kultur in der Psychiatrie zu äußern: Das totalitäre, unaussprechliche unterste Ende einer solchen möglichen Güte-Wertung haben wir in Baden-Württemberg ab 1939 selbst gesetzt, erlebt und mitgelebt - die Ausrottung von 10 000 psychisch Kranker aus den psychiatrischen Kliniken in Grafeneck. Erst in den letzten Jahren ist es uns zumindest in der historischen Aufarbeitung und im Setzen von Mahnmalen wieder gelungen, offen und öffentlich dieses historische Desaster zu benennen und auch in die Schulen unserer Region zu gehen, um darüber zu sprechen. Das neue Mahnmal der Weissenauer Klinik ist die originale Betonwiedergabe zweier „grauer Busse”, in denen die Patienten der Vergasung zugeführt wurden - einer wird an der alten Eingangspforte in der Weissenau aufgestellt, der andere an wechselnden Orten in Baden-Württemberg. Vielleicht ist dies unser derzeit entscheidender Beitrag zur Kultur des Sozialen in der Psychiatrie in der Region. Nach dem Krieg hat uns erst die Psychiatrie-Enquête 1975 wieder in die Lage versetzt, es überhaupt zu wagen, über soziale Versorgungskulturen in der Psychiatrie zu sprechen.

Den allgemeinen Grad und die Tiefe der gesamten kulturellen Errungenschaften der Bürger einer Region zu bestimmen und einzuschätzen, ist ein schwieriges Unterfangen. Man könnte dies versuchen anhand des Ausmaßes z. B. wie Kunst, Literatur, Musik, Theater, Schule und Wissenschaft gefördert werden, wie demokratische Spielregeln eingehalten werden, wie andere Ethnien integriert werden, wie die eigene Geschichte gedeutet wird, wie mit neuen Jugendkulturen umgegangen wird oder z. B. ob die Marktwirtschaft in der Region mit fairen Bedingungen gefördert wird.

Viele Gemeinden und Regionen drucken selbstdarstellende Broschüren, in denen die oben aufgelisteten Themenbereiche breiten Raum einnehmen. Evtl. erscheinen in diesen noch Gesundheitseinrichtungen wie Reha-Zentren, attraktive Altenheime oder hochtechnologische medizinische Leistungen - die psychiatrischen Einrichtungen als kulturelle Errungenschaft einer Region finden hier keinen Platz. Dabei könnte möglicherweise gerade diese psychiatrisch-soziale Kultur im engeren Sinne, nämlich welchen Stil und Umgang pflegt die Region mit ihren psychisch Kranken und Behinderten, Entscheidendes über kulturelle Errungenschaften aussagen.

Wie könnte man nun die Güte eines psychiatrischen Versorgungssystems prüfen und dessen soziale Integration in einer Region? Gibt es Kriterien, um den Stand einer Region im Umgang mit ihren psychisch kranken Mitbürgern zu bemessen, gibt es eine objektive und/oder gefühlte Qualitätsaussage zu dieser Frage?

Achtsamkeit im Sinne einer sozial-fürsorglichen Kultur im Umgang mit psychisch Kranken lässt sich versuchsweise durch zwei Betrachtungsweisen beschreiben:

Eine visuell wahrnehmbare, empirisch beobachtbare soziale Kultur in den psychiatrischen Versorgungssystemen einer Region (Architektur, Ausstattung, Struktur etc.) eine ideelle Kultur im Sinne einer eher gefühlten, wenig objektivierbaren sozialen Kultur bezüglich Wertnormen und Einstellungen gegenüber psychisch Kranken in einer Region (also z. B. der Grad der Stigmatisierung oder der Empathie).