Krankenhauspsychiatrie 2006; 17(4): 187-190
DOI: 10.1055/s-2006-954983
Varia
© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Die Psychiatrie und die Kultur des Sozialen - Anmerkungen aus ökonomischer Sicht[1]

Psychiatry and the Culture of Social Welfare - from an Economic Point of ViewW.  Rieger1 , F.  Kuhn1
  • 1Südwürttembergische Zentren für Psychiatrie, Bad Schussenried
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Publication Date:
27 December 2006 (online)

Einleitung

Nach wie vor ist in Psychiatrieorganisationen die Diskussion aktuell, ob Psychiatrien sich wirklich nur dann „ökonomisch” führen lassen, wenn auf ethische Grundsätze verzichtet wird. Behauptet wurde und wird, dass ökonomisches Handeln immer nur zu Gunsten der „Organisation” auf Kosten anderer möglich sei, nämlich auf Kosten der Patienten und Heimbewohner sowie auf Kosten der Mitarbeiter. Offensichtlicher Hintergrund ist häufig die Bewertung und Gleichstellung des Begriffs „Ökonomie” mit Begriffen wie Gewinnmaximierung oder gar „Manchester-Kapitalismus”. Für die meisten Mitarbeiter in psychiatrischen Einrichtungen ist der Gegensatz zwischen ihrer als „sozial” bewerteten Arbeit und dem Denken und Handeln der Ökonomen unüberbrückbar. Trotzdem ist es unbestritten, dass wirtschaftliche Zwänge einen ganz entscheidenden Einfluss auf die „soziale” Arbeit ausüben. Lässt sich dieser Widerspruch auflösen?

Die Ursachen des Konflikts zwischen der Ökonomie und dem Sozialen sind komplex. Die Gesundheit gehört ähnlich wie die Kultur und die Bildung zwar zu jenen kostbaren Gütern, die man sich nicht kaufen kann; unterschiedliche gesellschaftliche und finanzielle Voraussetzungen verschaffen einzelnen Personen jedoch einen jeweils unterschiedlichen Zugang zu den Möglichkeiten der Teilhabe. Die Psychiatriegeschichte zeigt uns bis zum heutigen Tag, dass eine psychische Erkrankung in den meisten Fällen mit einer sozialen Benachteiligung einher geht. Die Nationalsozialisten haben dies mit ihrem Begriff des „lebensunwerten Lebens” pervertiert. Aber auch die von der Psychiatrie-Enquête aufgedeckte „brutale Realität” in der bundesdeutschen Nachkriegs-Psychiatrie folgt dem Schema der gesellschaftlichen Stigmatisierung psychisch Kranker. Daher gehört die im Zuge der Psychiatriereform gestellte Forderung nach einer Gleichstellung somatischer und psychischer Erkrankungen auch aktuell noch zu den gesellschaftlich und ökonomisch relevanten Teilen der Psychiatrieplanung.

Darüber hinaus verbirgt sich in der Auseinandersetzung zwischen der Ökonomie und dem Sozialem eine tief verwurzelte Kritik an den sozialen Folgewirkungen unseres kapitalistisch-marktökonomischen Systems. Die Argumente der Konfliktparteien sind seit Jahrzehnten fest in jede gesellschaftliche Debatte über den bundesdeutschen Sozialstaat implementiert: Auf der einen Seite steht die Welt des Humanen und des Individuums, unabhängig von seiner gesellschaftlichen Stellung und Leistungsfähigkeit; auf der anderen Seite wirken die als ungerecht empfundenen Gesetze der Marktwirtschaft, die alles den Prinzipien des Wettbewerbs und der Gewinnmaximierung unterwirft. Da diese zweite Welt der Marktökonomie kraft der in ihr waltenden Gesetze ständig Verlierer hervorbringt und Benachteiligungen offen legt [1], braucht es in der normativen Begründung des Sozialstaates ein übergeordnetes staatliches Handeln, das auf die Herstellung sozialer Gerechtigkeit und sozialer Sicherheit sowie auf die Milderung der herrschenden ökonomischen Ungleichverteilung ausgerichtet ist. Die Vertreter des Sozialen sind in dieser Hinsicht häufig anwaltschaftlich für ihre Klientel tätig. Gerade bei Mitarbeitern der Psychiatrie scheint dieses anwaltschaftliche Selbstverständnis besonders ausgeprägt zu sein. Die Auseinandersetzung mit der Ökonomie wird von ihnen folglich oftmals als kaum lösbarer Rollenkonflikt erlebt.

1 Der Beitrag ist die überarbeitete Fassung eines Vortrags, den der Autor auf dem XVII. Symposium der Deutsch-Polnischen Gesellschaft für Seelische Gesundheit e.V. (28.09. - 01.10.2006) in Ravensburg gehalten hat.