Fortschr Neurol Psychiatr 1987; 55(3): 98-106
DOI: 10.1055/s-2007-1001813
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Elektroenzephalographische ,,Herdbefunde" ohne strukturdiagnostisches Korrelat

Electroencephalographic "foci" without evidence of structural brain damageG.  Ulrich
  • Psychiatrische Klinik und Poliklinik der Freien Universität Berlin, Abt. für Klinische Psychiatrie und Poliklinik Klinische Psychophysiologie
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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
10. Januar 2008 (online)

Abstract

On account of the increasing availability of various new, computer- aided and non-invasive imaging techniques it seems advisable to reconsider the structural-diagnostic use of the EEG which is a functional-diagnostic instrument by its nature.

On the level of visuo-morphologic description local and locally accentuated patterns can only be conceived as deformations of the temporo-spatial gestalt of the EEG. On the level of interpretation, i.e. in answering the question whether such patterns are indicative of a circumscribed structural lesion or not, further information is required. In addition to clinical data such information is provided by the electroencephalographic context. Typical arrangements of the EEG-context which make improbable an assumption of a structural lesion can be demonstrated for certain anterior-left as well as posterior-right localized patterns. From such regular co-incidencies, which are illustrated by paper chart examples, we conclude that these "foci,, represent local manifestations of a global functional impairment. Whereas the intermittently occurring anterior-left accentuated slow wave patterns refer to an incipient global functional desintegration, the posterior-right accentuated slow wave patterns can be regarded as a reflection of a global functional deficit of maturation. A third phenomenal domain which persistently confronts us with the structural-diagnostic limitations of the EEG consists of the focal patterns in patients with epilepsy. It may be assumed that the pronounced lateral inconsistency of these focal patterns, occurring within the recording period and even more when comparing serial recordings, is dependent both on the actual (vigilance) and the relatively outlasting level of centralnervous organization (maturation).

Zusammenfassung

Die zunehmende Verfügbarkeit verschiedenartiger neuer, rechnergestützter und nicht-invasiver bildgebender Verfahren läßt eine Neubestimmung der strukturdiagnostischen Validität des EEG, das seinem Wesen nach ja ein funktionsdiagnostisches Instrument ist, angezeigt erscheinen.

Auf der deskriptiven Ebene imponieren lokale oder lokal akzentuierte Muster lediglich als bestimmt geartete Deformationen der elektroenzephalographischen Raum-Zeitgestalt. Zu ihrer Interpretation, d. h. zur Beantwortung der Frage, ob solche Muster den Verdacht auf eine umschriebene strukturelle Schädigung begründen oder nicht, bedarf es zusätzlicher Bestimmungen. Diese ergeben sich zum einen aus dem elektroenzephalographischen Kontext selbst und zum anderen aus der Berücksichtigung bestimmter klinischer Daten.

Kontextuelle Regelhaftigkeiten, die das Vorliegen einer strukturellen Schädigung eher unwahrscheinlich machen, lassen sich insbesondere für bestimmte links-anterior wie auch bestimmte rechts-posterior lokalisierte Muster aufzeigen. Aus derartigen, durch Kurvenbeispiele dokumentierten, Flegelhaftigkeiten läßt sich folgern, daß wir es bei diesen ,,Foci" mit lokalen Manifestationen einer globalen Funktionsbeeinträchtigung zu tun haben. Während die intermittierend links-anterior betonten Muster langsamer Wellen auf eine beginnende globale hirnfunktionale Desintegration verweisen, lassen sich die rechts-posterior betonten langsamen Wellen als Ausdruck eines globalen hirnfunktionalen Reifungsdefizits interpretieren.

Einen dritten Phänomenbereich, der uns beständig mit den strukturdiagnostischen Unzulänglichkeiten des EEG konfrontiert, haben wir mit den Herdbefunden bei Epilepsie-Patienten vor uns. Deren ausgeprägte Seiteninkonstanz, schon innerhalb der aktuellen Untersuchung, mehr aber noch beim Längsschnittvergleich mehrerer Ableitungen, macht-gerade auch im Hinblick auf einen unauffälligen CT-Befund - eine Abhängigkeit sowohl vom aktuell gegebenen (Vigilanz) wie auch dem dazu komplementär zu denkenden relativ überdauernden, vom Lebensalter abhängigen zentralnervösen Organisationsniveau (Maturation) wahrscheinlich.

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