Fortschr Neurol Psychiatr 1985; 53(6): 191-200
DOI: 10.1055/s-2007-1001966
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Wissenschaftliche Erklärung als Sprache und ihre Anwendung in der Psychiatrie

Scientific Explanation as a Language and its Application in PsychiatryW.  Hirschberg
  • Abteilung für Sozialpsychiatrie des Zentrums der Psychiatrie in der Universitätsklinik Frankfurt
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Publication Date:
10 January 2008 (online)

Abstract

The concept of scientific explanation plays a crucial role in the methodological discussion within psychiatry. This article shows that since scientific explanation employs a language of its own, its syntactic, semantic, and pragmatic dimensions must therefore be analysed with the help of semiotics. The pragmatic dimension is given particular attention because, hitherto, it has been comparatively neglected in the methodological discussion within psychiatry.

Furthermore, the concept of explanation is viewed as a problem sui generis and investigated, to begin with, independently of problems such as causality and teleology.

By means of the problem of the ambiguity of inductivestatistical explanations, it is shown that scientific explanations which employ statistical laws without taking into consideration the pragmatic concept of the state of knowledge must necessarily come to incomplete and/or contradictory results. The state of knowledge (K) is defined as the set of propositions which are accepted as true by a person (x) at a given time (t). A more precise analysis shows that, within a given state of knowledge, an accepted proposition is generally seen as more or less probable where it can be assigned a value of credibility (B) which lies between 0 and 1.

The force of an explanation, in the pragmatic-informative sense, thus consists in the fact that an explanation can increase the credibility value of an explanandum-event (E) through a presentation of particular circumstances (C) and of general laws (T) such that the following holds: BTUC > B(E). Depending on the level of the absolute value of BTUC(E), a gradual differentiation is made with respect to the quality of pragmatic-informative explanations.

The various types of explanation can be differentiated according to the type of arguments employed in the explanans of a pragmatic-informative explanation; the most important members of this family of explanations are the causal, functional, teleological, and dispositional elements.

Finally, the concept of explanation is differentiated from that of understanding, another key concept in psychiatry. In this respect, it is important that the incorporation of pragmatic dimensions into scientific explanation must not be equated with the use of psychological categories; the latter are of importance solely for the concept of understanding. Furthermore, the notion is rejected that in psychiatry a higher value is to be attributed to explanation than to understanding. Rather, both concepts represent different approaches to psychiatric disorders, whereby each employs a language of its own.

Zusammenfassung

Der Begriff der wissenschaftliche Erklärung hat eine Schlüsselfunktion für die methodologische Diskussion innerhalb der Psychiatrie. Im vorliegenden Aufsatz wird gezeigt, daß sich wissenschaftliche Erklärungen einer eigenen Sprache bedienen und folglich mit Hilfe der Semiotik in syntaktischer, semantischer und pragmatischer Hinsicht analysiert werden müssen. Der pragmatische Aspekt wird besonders eingehend betrachtet, weil er in der bisherigen Methodendiskussion in der Psychiatrie vergleichsweise vernachlässigt wurde.

Ferner wird der Erklärungsbegriff als Problem sui generis angesehen und zunächst unabhängig vom Problem der Kausalität, Teleologie etc. untersucht.

Anhand des Problems der Mehrdeutigkeit induktiv-statistischer Erklärungen wird nachgewiesen, daß wissenschaftliche Erklärungen, die sich statistischer Gesetze bedienen, ohne die Berücksichtigung des pragmatischen Begriffs der Wissenssituation zu unvollständigen und/oder widersprüchlichen Ergebnissen kommen müssen. Eine Wissenssituation K ist definiert als die Menge der Sätze, die von einer Person x zum Zeitpunkt t als wahr akzeptiert werden. Die genauere Analyse zeigt, daß innerhalb einer Wissenssituation ein akzeptierter Satz in der Regel als mehr oder weniger wahrscheinlich angesehen wird, so daß ihm ein Überzeugungswert B, der zwischen 0 und 1 liegt, zugeordnet werden kann.

Die Leistung einer Erklärung im pragmatisch-informativen Sinne besteht nun darin, daß sie durch den Aufweis spezieller Sachverhalte C und allgemeiner Gesetze T den Überzeugungswert für ein Explandum-Ereignis E erhöht, so daß gilt.BTUC(E)> B(E). In Abhängigkeit von der Höhe des absoluten Wertes von BTUC(E) wird eine graduelle Differenzierung hinsichtlich der Qualität pragmatisch-informativer Erklärungen vorgenommen.

Je nachdem, welche Argumente im Explanans einer pragmatisch- informativen Erklärung verwendet werden, lassen sich verschiedene Erklärungstypen unterscheiden; die wichtigsten Mitglieder dieser Familie der Erklärungen sind die kausale, die funktionale, die teleologische und die dispositionelle Erklärung.

Der Begriff der Erklärung wird schließlich von dem des Verstehens - einem anderen Schlüsselbegriff der Psychiatrie - abgegrenzt. Dabei ist von Bedeutung, daß die Einbeziehung pragmatischer Aspekte in wissenschaftliche Erklärungen nicht mit der Verwendung psychologischer Kategorien gleichgesetzt werden darf; diese sind vielmehr allein für den Verstehensbegriff von Bedeutung. Ferner wird die Auffassung zurückgewiesen, daß der Erklärung in der Psychiatrie ein höherer Wert zukommt als dem Verstehen. Beide Begriffe stehen vielmehr für unterschiedliche Zugangsweisen zu psychiatrischen Krankheiten, sie bedienen sich dabei je eigener Sprachen.