Inf Orthod Kieferorthop 2006; 38(4): V
DOI: 10.1055/s-2007-960536
Gast-Editorial

© Georg Thieme Verlag

Technischer Fortschritt: Segen oder Fluch?

V. G. Kokich
Further Information

Publication History

Publication Date:
24 January 2007 (online)

Sind die technischen Möglichkeiten der Kieferorthopädie nicht wunderbar? Stellen sie sich nur vor, sie wären vor 50 Jahren kieferorthopädisch tätig gewesen. Damals hätten sie Bänder aus Edelstahlstreifen selbst angefertigt und daran die Brackets angeschweißt. Diese Bänder hätten sie dann mit Befestigungszement an den Zähnen festzementiert und einen Drahtbogen mit vielen Loops gebogen, um schließlich mit der Ausrichtung der Zähne beginnen zu können.

Heutzutage stehen uns dagegen voreingestellte Apparaturen, lichthärtende Kompositmaterialien, superelastische Nickel-Titan-Drähte (Nitinol), Computerprogramme zur exakten Positionierung der Brackets, friktionslose Brackets, transparente Aligner und vom Computer gestaltete Drahtbögen zur Verfügung. Diese ganzen technischen Entwicklungen erleichtern die Behandlung der „normalen” kieferorthopädischen Patienten erheblich und ermöglichen eine immer effektivere Therapie in immer kürzerer Zeit. Aber was ist eigentlich der Preis für diesen technischen Fortschritt? Damit meine ich nicht die finanziellen Kosten. Ich frage vielmehr danach, welche grundsätzlichen Auswirkungen diese Rationalisierungen bei der kieferorthopädischen Behandlung für Patienten haben. Und in diesem Zusammenhang lässt sich beobachten, dass durch die Fortschritte in der Technik das kritische Hinterfragen in der Praxis immer stärker in den Hintergrund tritt. Umfassende Diagnostik und sorgfältige Therapieplanung sind von standardisierten eindimensionalen Behandlungsplänen abgelöst worden. Heutzutage tendiert die Kieferorthopädie dazu, die Behandlungen von Patienten zu vereinheitlichen und damit die Praxisabläufe zu straffen. Dies mag beim durchschnittlichen, vollständig bezahnten und kariesfreien jugendlichen Patienten mit wenigen Füllungen und gesundem Parodont durchaus sinnvoll und Erfolg versprechend sein. Aber mit der technischen Entwicklung hat sich während der vergangenen 25 Jahre weltweit ein weiterer Trend verstärkt. Inzwischen fragen auch Erwachsene eine kieferorthopädische Behandlung nach. Zwar sind Erwachsene, im Gegensatz zu Kindern, in der Regel die kooperativeren und zuverlässigeren Patienten. Jedoch haben sie neben einer Fehlbisslage häufig zusätzliche Probleme, die Auswirkungen auf die kieferorthopädische Behandlungsplanung haben. So benötigen Erwachsene in der Regel eine systematische Parodontaltherapie zur Behandlung von knöchernen und weichgewebigen Defekten, fehlende Zähne müssen möglicherweise durch Implantat getragenen Zahnersatz ersetzt werden und abrasionsbedingter Zahnhartsubstanzverlust muss bei der Bewegung von Zähnen berücksichtigt werden, um eine spätere prothetische Versorgung zu erleichtern. Solche komplizierten Erwachsenenfälle lassen sich jedoch nicht mit standardisierten eindimensionalen Behandlungsplänen therapieren. Hier ist vielmehr eine individuelle und interdisziplinäre Behandlungsplanung erforderlich und keine einfache standardisierte und eindimensionale. Dabei ist ein Verständnis für die Bedürfnisse von erwachsenen Patienten und für ein angemessenes Therapieverfahren bei der Entwicklung des richtigen Behandlungsplanes von ausschlaggebender Bedeutung.

Ich arbeite jetzt seit 20 Jahren aktiv in einer interdisziplinären zahnmedizinischen Arbeitsgruppe und habe in dieser Zeit von meinen Kollegen aus den anderen zahnärztlichen Disziplinen eine Unmenge an Informationen erhalten, die mir bei der Behandlung von komplizierten Erwachsenenfällen eine wertvolle Hilfe sind.

Als ich nun von der IOK um einige Beiträge gebeten wurde, habe ich mich daher entschlossen, den Schwerpunkt auf diesen speziellen Aspekt der Kieferorthopädie zu legen. Im vorliegenden Heft stelle ich Ihnen meine eigenen Erfahrungen bei der interdisziplinären Behandlung von Patienten mit multidisziplinären Problemen vor und ich hoffe, dies wird ihnen eine Hilfe beim Umgang mit ihren eigenen Patienten sein.