Kardiologie up2date 2007; 3(1): 23-39
DOI: 10.1055/s-2007-966374
Angeborene und erworbene Herzfehler

© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Mitralklappenerkrankungen

Ruth  H.  Strasser
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Publication Date:
03 April 2007 (online)

Prävalenz von Klappenerkrankungen

Rheumatisches Fieber. In der Vergangenheit waren Klappenerkrankungen typischerweise durch das rheumatische Fieber verursacht. Hierbei war die Mitralklappe eindeutig am häufigsten betroffen - mit einer im Vergleich zu heute deutlich höheren Prävalenz der Mitralstenose. Allerdings ist das rheumatische Fieber in den industrialisierten Ländern deutlich zurückgegangen [1].

Degenerative Klappenerkrankungen. Mit der veränderten demographischen Entwicklung und Zunahme der älteren Bevölkerung haben die degenerativen Klappenerkrankungen in erheblichem Maße zugenommen [2] [3] [4] [5]. In einer neuen Bevölkerungsstudie mit 11 911 echokardiographisch untersuchten Teilnehmern konnte gezeigt werden, dass die Prävalenz der Klappenerkrankungen in der Altersgruppe der über 65-Jährigen signifikant ansteigt [6]. Im Gegensatz zu den rheumatischen Klappenerkrankungen, die bei Frauen häufiger sind, ist das Geschlechtsverhältnis bei den degenerativen Klappenerkrankungen gleich.

Berücksichtigung asymptomatischer Veränderungen. In früheren, patientenbasierten Studien war die Aortenstenose bei den degenerativen Klappenvitien am häufigsten [7]. Dies erklärt sich durch ihre vergleichsweise leichte Diagnostizierbarkeit und höhere Symptomatologie und damit relativ geringe Dunkelziffer.

Heute sind in der normalen Bevölkerung andere Prävalenzen zu beobachten: Bei über 9 % der normalen Bevölkerung ist die Mitralklappe verändert, und hierbei zum ganz überwiegenden Teil als Mitralklappeninsuffizienz (Abb. [1] a). Diese bevölkerungsbasierten Daten zeigen die realistische Prävalenz, da auch asymptomatische Erkrankungen mit der heutigen Technik der Echokardiographie erfasst werden können. Durch diesen Paradigmenwechsel rückt auch der asymptomatische Patient durchaus ins Zentrum des Interesses.

Die klinische Bedeutung wird auch daran deutlich, dass die Überlebensrate bei Vorliegen einer Klappenerkrankung im Vergleich zur Normalbevölkerung signifikant reduziert ist (Abb. [1] b).

Allerdings sind systematische Untersuchungen zur Prävalenz der Klappenerkrankungen in der normalen Bevölkerung rar. In kleineren Studien zeigte sich aber, dass das Vorkommen von Klappenerkrankungen, insbesondere von Mitralklappenerkrankungen unterschätzt wird und dass insbesondere bei Frauen die Klappenerkrankung zu selten diagnostiziert wird.

Abb. 1 Prävalenz und Überlebensraten bei Herzklappenerkrankungen [nach 6]. a Prävalenz von Herzklappenerkrankungen. Die Mitralklappeninsuffizienz ist bei über 9 % der normalen Bevölkerung nachweisbar. b Im Vergleich zur Normalbevölkerung ist die Überlebensrate reduziert, wenn eine Klappenerkrankung vorliegt.

Prävalenzsteigerung der Mitralinsuffizienz

Mehrere Mechanismen tragen zur offensichtlichen Prävalenzsteigerung bei der Mitralklappeninsuffizienz bei:

  • Mit der Erkenntnis, dass das frühzeitige aktive Therapiemanagement der Mitralklappeninsuffizienz deutliche Vorteile für den einzelnen Patienten bringt, ist die diagnostische Aufmerksamkeit bei besseren diagnostischen Möglichkeiten gestiegen.

  • Mit der weiteren Zunahme der älteren Bevölkerung und der Verbesserung der Überlebensrate nach Myokardinfarkt und ischämischer koronarer Herzerkrankung wird die Prävalenz der chronischen Herzinsuffizienz weiter zunehmen.

Literatur

Prof. Dr. R. H. Strasser, F.E.S.C.

Technische Universität Dresden
Herzzentrum Dresden, Universitätsklinik
Klinik für Innere Medizin und Kardiologie

Fetscherstr. 76
01307 Dresden

Email: ruth.strasser@mailbox.tu-dresden.de