Gastroenterologie up2date 2007; 3(4): 288-289
DOI: 10.1055/s-2007-967048
Klinisch-pathologische Konferenz

© Georg Thieme Verlag Stuttgart · New York

Kaposi-Sarkom des Gastrointestinaltrakts

Cornelia  Henke-Gendo, Thomas  F.  Schulz
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Publication Date:
14 January 2008 (online)

Sicht des Virologen

Kahl et al. berichten in ihrer interessanten Falldarstellung über zwei primär im Gastrointestinaltrakt diagnostizierte Kaposi-Sarkome. Im ersten Fall wird ein Patient mit einer klassischen Form vorgestellt, bei dem unspezifische gastrointestinale Beschwerden eher zur Abklärung und damit zur Diagnosestellung führten als die ebenfalls vorhandenen pathognomonischen Läsionen an den unteren Extremitäten. Im zweiten Fall wurde über die Diagnose eines primär gastrointestinalen Kaposi-Sarkoms mit Blutungen eine bis dahin unbekannte HIV-Infektion entdeckt.

Kaposi-Sarkom-assoziiertes Herpesvirus

Notwendige Voraussetzung für die Entstehung eines Kaposi-Sarkoms ist die Infektion mit dem Kaposi-Sarkom-assoziierten Herpesvirus (KSHV oder humanes Herpesvirus 8 = HHV-8). KSHV ist darüber hinaus auch für mindestens zwei weitere hämatologische Erkrankungen mitverantwortlich, das primäre Effusionslymphom (PEL) oder Körperhöhlenlymphom [1] und die sog. Plasmazellvariante der multizentrischen Castleman-Erkrankung, eine lymphoproliferative B-Zell-Erkrankung [2]. Gerade bei HIV-Infizierten mit schlechter Immunlage gilt es, neben der Versorgung des Kaposi-Sarkoms differenzialdiagnostisch auch an diese Erkrankungen zu denken und sie auszuschließen.

Häufigkeit und Übertragung des KSHV

KSHV gehört wie die Herpes-simplex-Viren 1 und 2 (HSV-1 und -2), das Varizella-Zoster-Virus (VZV), das Epstein-Barr-Virus (EBV) und nicht zuletzt das Zytomegalievirus (CMV) in die Familie der Herpesviren.

Weltweite Unterschiede. Anders als bei den übrigen Familienmitgliedern variiert die Prävalenz des KSHV in verschiedenen Ländern [3]. In Subsahara-Afrika ist die KSHV-Durchseuchung mit einer Seroprävalenz von 30 - 60 % sehr hoch. Die dortige Bevölkerung infiziert sich meist schon im Kindesalter mit dem Virus. Der Nachweis von infektiösem Virus im Speichel und das Aufzeigen von intrafamiliären Infektketten in dieser Region legen enge Haushaltskontakte als Übertragungsweg des Virus nahe [4]. Im Mittelmeerraum liegt die Seroprävalenz mit 4 - 35 % noch deutlich über dem Wert für Nord- und Zentraleuropa, Nordamerika und Asien. Hier liegt die Häufigkeit in der Normalbevölkerung meist unter 5 %.

Risikofaktoren. Eine erhöhte Seroprävalenz bei Individuen, die ein erhöhtes Risiko für sexuell übertragbare Erkrankungen haben, deutet darauf hin, dass KSHV in den westlichen Industrienationen - ähnlich wie das HIV - beim Geschlechtsverkehr übertragen werden kann [5]. Die von Kahl et al. angesprochene erhöhte Inzidenz des Kaposi-Sarkoms bei homosexuellen AIDS-Patienten kann hierdurch erklärt werden [6]. Weitere Formen der Übertragung von KSHV sind zum einen die Transmission über Blutprodukte [7] und zum anderen die Transmission von Organspendern auf ihre Empfänger über ein infiziertes Transplantat [8], welche bei der niedrigen mitteleuropäischen Durchseuchungsrate in Deutschland eine eher untergeordnete Rolle spielen dürfte.

Biologie der Herpesviren

Nachdem KSHV einen Menschen infiziert hat, bildet es - wie alle Mitglieder der Herpesvirusfamilie - eine lebenslange Latenz in seinem Wirt aus. Dies beschreibt einen Zustand, in dem nur wenige Virusgene exprimiert werden, die vornehmlich dazu dienen, sich vor der Immunabwehr des Wirtes zu verstecken und in immortalisierten Zellen zu überdauern. In dieser Zeit werden keine Viruspartikel gebildet. Von Zeit zu Zeit, besonders in Phasen einer Immunsuppression, z. B. im Rahmen einer HIV-Infektion, reaktiviert das Virus. Es geht in den sog. „lytischen Zyklus”. Dann werden Viruspartikel gebildet, die neue empfängliche Wirtszellen infizieren können. Man geht heutzutage davon aus, dass KSHV in B-Zellen und endothelialen Zellen persistiert. Welche Mechanismen zur Entstehung von Kaposi-Sarkomen führen, die zum größten Teil aus latent infizierten Zellen endothelialen Ursprungs bestehen, ist noch nicht hinreichend geklärt.

Diagnostik der KSHV-Infektion

In der Falldarstellung erfolgte die Diagnosestellung der Kaposi-Sarkome durch den molekularen Nachweis von latentem Virus in der jeweiligen Läsion. Die Diagnose einer latenten, subklinischen KSHV-Infektion wird jedoch klassischerweise serologisch durch Nachweis von KSHV-spezifischen IgG gestellt, entweder mittels Enzyme-linked Immunoassays (ELISA) oder mittels indirekter Immunfluoreszenz.

Immunfluoreszenz. Hierbei liefern Zellen eines PEL-Lymphoms die Antigene, mit denen Antikörper aus dem Patientenserum reagieren. Man unterscheidet dabei den Nachweis von Antikörpern gegen das Latenzassoziierte nukleäre Antigen, LANA, welches eine „getüpfelte” Färbung des Kerns der infizierten Zelle hervorruft (Abb. [1]), von dem Nachweis von Antikörpern gegen strukturelle „lytische” Virusproteine. Der Nachweis von Antikörpern gegen LANA ist sehr spezifisch für die Infektion mit KSHV, aber nicht in 100 % sensitiv [9].

ELISA und PCR. ELISA basieren auf dem Nachweis von Antikörpern gegen individuelle gentechnisch hergestellte strukturelle Proteine bzw. gegen gereinigtes Virus. Während der Reaktivierung, wenn Viruspartikel gebildet werden, aber auch bei Kaposi-Sarkomen oder den oben beschriebenen hämatologischen Erkrankungen, findet man zusätzlich häufig eine KSHV-Virämie, die leicht mit einer Polymerasekettenreaktion (PCR) aus EDTA-Blut nachgewiesen werden kann.

Abb. 1 Nachweis von KSHV-spezifischen Antikörpern mittels Immunfluoreszenz. Die Antikörper reagieren mit dem Latenzassoziierten nukleären Antigen (LANA) KSHV-infizierter PEL-Lymphomzellen, was sich als Tüpfelung im Zellkern darstellt.

Fazit

Sowohl das Kaposi-Sarkom als auch die anderen mit KSHV assoziierten Erkrankungen sind, bedingt durch die niedrige Durchseuchungsrate in Mitteleuropa, sehr seltene Erkrankungen. Dennoch zeigt die Fallbeschreibung, dass KSHV-Infektionen bei unklaren abdominellen Beschwerden vorkommen können, gerade wenn die Patienten aus Gebieten mit erhöhter Prävalenz stammen. Zusätzlich sollte bei der Diagnosestellung eines Kaposi-Sarkoms immer nach möglichen Ursachen einer Immunsuppression gesucht werden.

Literatur

Dr. Cornelia Henke-Gendo

Institut für Virologie der

Medizinischen Hochschule Hannover

Carl-Neuberg-Straße 1

30625 Hannover

Email: Henke-Gendo.Cornelia@mh-hannover.de

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