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DOI: 10.1055/s-2007-988756
Psychische Begleitsymptomatik und Krankheitsverarbeitung bei chronisch lumbalen Rückenschmerzen
Frage: 40% der deutschen Bevölkerung leiden unter chronischen Rückenschmerzen. Mit einem Anteil von fünf bis zehn Prozent bilden Rückenschmerzen die häufigste Ursache für Krankschreibungen (DEGAM Leitlinie Nr.3, Kreuzschmerz, 2003). In der hier vorgestellten Studie wurde die Häufigkeit psychischer Komorbidität bei Patienten mit chronischem lumbalen Rückenschmerzsysdrom untersucht.
Methode: 40 Patienten mit chronisch lumbalen Rückenschmerzen wurden in der Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation untersucht. Zur Erfassung der psychischen Komorbidität wurden standardisierte Fragebögen zu Schmerzempfindung, körperlichen und psychischen Symptomen, Depression, Phobie und Krankheitsverarbeitung verwendet. Erhebungsinstrumente: Subjektive Beeinträchtigung durch die Schmerzintensität: Schmerzempfindungsskala (SES, Geissner, 1996), Depressivität: Beck-Depressions-Inventar (BDI, Hautzinger et al., 1994), Allgemeine körperliche und psychische Beeinträchtigungen: Symptom-Checkliste (SCL-90-R, Franke 1995), Krankheitsverarbeitung: Freiburger Fragebogen zur Krankheitsverarbeitung (FKV, Muthney 1989)
Ergebnis: Insgesamt wurden 40 Patienten, davon 31 Frauen (77,5%) und 9Männer (22,5%) mit einem Durchschnittsalter von 52,40 Jahre, untersucht. Es waren 47,5% (n=19) verheiratet, 22,5% (n=9) ledig, 20% (n=8) geschieden und 10% (n=4) verwitwet. Das durchschnittliche Erkrankungsalter der Rückenschmerzpatienten beträgt rund 36 Jahre (SD: 12–64 Jahren). Die Krankheitsdauer lag im Durchschnitt bei 14 Jahren (SD: 1–50 Jahren). Bei der Häufigkeit des Auftretens von Schmerzen gaben 65% (n=26) der Probanden ein ständiges Vorhandensein an. 35% (n=14) der Probanden waren z.T. Tage bzw. Wochen ohne Schmerzen. Die meisten Patienten gaben mehrere Ursachen für ihre Rückenschmerzen an. Bei den Patienten mit einer ärztlichen Diagnose wurden am Häufigsten Abnutzung bzw. Degeneration der Wirbelsäule (80%, n=32), Muskelverspannung (35%, n=14) und Missbildungen (20%, n=8) genannt. Psychische Beeinträchtigungen: Ergebnisse zur Schmerzintensität Bei 70% (n=28) der Patienten konnte eine geringe Schmerzbelastung und bei 30% (n=12) der Patienten eine hohe Schmerzbelastung festgestellt werden. Insgesamt ist festzustellen, dass sich alle Patienten im Bereich der durchschnittlichen Schmerzausprägung befinden. In der Gruppe geringer Schmerzbelastung und der Gruppe hoher Schmerzbelastung ergab der T-Test einen signifikanten Unterschied. Ergebnisse zur allgemeinen Beeinträchtigung durch körperliche und psychische Symptome (SCL-90-R): Insgesamt ist festzuhalten, dass sich alle Rückenschmerzpatienten in dem Bereich deutlich messbarer psychischer Belastung befinden. In der Gruppe hoher Schmerzbelastung und der Gruppe geringer Schmerzbelastung brachte ein T-Test ein signifikantes Ergebnis. Demnach sind Patienten mit hoher Schmerzbelastung signifikant stärker durch körperliche und psychische Symptome beeinträchtigt. Weitere statistisch bedeutsame Unterschiede brachte ein T-Test für Zwei-Stichproben-Probleme auf den Subskalen Phobische Angst und Depressivität. Ergebnisse zur Schwere der depressiven Symptomatik (BDI): In der Gesamtgruppe der Rückenschmerzpatienten zeigten 47,5% (19) der Probanden keine depressiven Auffälligkeiten, während 50% (20) der Probanden depressiv auffällig sind. Der überwiegende Teil derjenigen Patienten, die eine erhöhte Depressivität im BDI aufweisen, ist den Gruppen „Milde Depression“ und „Mäßige Depression“ zuzuordnen. Lediglich 2 Patienten fallen in die Kategorie „Schwere Depression“. Beim Summenwert des BDI zeigte sich ein statistisch bedeutsamer Unterschied. Bei der Gruppe hoher Schmerzbelastung und der Gruppe geringer Schmerzbelastung erbrachte ein T-Test ein signifikantes Ergebnis. Krankheitsverarbeitung: Zur Krankheitsverarbeitung wurden folgende Subskalen erfasst: depressive Verarbeitung, aktives problemorientiertes Coping, Ablenkung und Selbstaufbau, Religiösität und Sinnsuche, Bagatellisierung und Wunschdenken. Bei der Gesamtgruppe der Rückenschmerzpatienten zeigt sich eine Krankheitsverarbeitung in Form eines aktiven problemorientierten Coping. Allerdings zeigen Schmerzpatienten mit hoher Schmerzbelastung im Vergleich zu Schmerzpatienten mit geringer Schmerzbelastung eine deutlich depressivere Krankheitsverarbeitung. Ein T-Test für Zwei-Stichproben-Probleme erbrachte einen signifikanten Wert.
Diskussion: Patienten mit einer hohen Schmerzbelastung weisen mehr psychisch und körperlich Beeinträchtigungen auf, als Patienten die unter einer geringen Schmerzbelastung leiden. Dabei stellt die Depressivität eine häufige Begleiterscheinung dar (Härtner et. al, 2004). Negative Gedanken (Grübeleien) und Gefühle (Gereiztheit, Ungeduld) sowie Selbstmitleid und die Verringerung von sozialen Aktivitäten stehen dabei im Vordergrund. Diese Ergebnisse entsprechen der Studie von Stoibik et al (2004). Auch eine inadäquate Form der Krankheitsverarbeitung konnte bei dieser Patientengruppe festgestellt werden. Depressive Krankheitsverarbeitung charakterisiert weitestgehend die Gruppe der Patienten, die unter einer hohen Schmerzbelastung leiden. Die Theorie der „Gelernten Hilflosigkeit“ von Seligman (1975, dt. 1979) und die daraus abgeleiteten empirischen Belege können als Erklärungsbasis für die Unterscheidung hinsichtlich der Depressivität der beiden Schmerzgruppen (hohe und geringe Schmerzbelastung) in dieser Studie herangezogen werden. Es ist anzunehmen, dass Gefühle der Hilflosigkeit und Depression entstehen, wenn der Schmerzkranke wiederholt die Erfahrung macht, seine Schmerzen nicht positiv beeinflussen bzw. nicht kontrollieren zu können. Übertragen auf die vorliegende Arbeit kann festgehalten werden, dass die hier untersuchten Schmerzpatienten, speziell die Patienten mit einer chronisch hohen Schmerzbelastung, über einen längeren Zeitraum ihre Schmerzen nicht positiv beeinflussen bzw. kontrollieren konnten. Es erfolgte keine Habituation an die Schmerzen. Dies wiederum könnte Einfluss auf die Depressivität gehabt haben. Fortführend anzuregen wäre eine Untersuchung hinsichtlich der Kontrollüberzeugungen. Vermutlich weisen Patienten die unter einer hohen Schmerzbelastung leiden, eine geringe Kontrollüberzeugungen auf. Aus den Ergebnissen dieser Studie wird der Schluss gezogen, dass ein Einsatz von Fragebögen bezüglich der psychischen Befindlichkeit der Patienten, in der Primärkonsultation zum Einsatz kommen sollte, um rechtzeitig den Chronifizierungsprozess zu verhindern bzw. aufzuhalten. Gegebenfalls sollte die Diagnostik auf psychiatrische Komorbiditäten ergänzt werden.