Klin Padiatr 1995; 207(1): 4-7
DOI: 10.1055/s-2008-1046499
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Zur physiologischen Bedeutung der Bifidusflora und des faekalen Lysozyms beim Brustkind

Ein Beitrag zur Mikroökologie des IntestinumsThe Physiological Significance of the Bifidusflora and of the Fecal Lysozyme in Breast-fed Infants.A Contribution to the Microecology of the Intestinal TractO. H. Braun1 , W. E. Heine2
  • 1Pforzheim
  • 2Universitätskinderklinik Rostock
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Publication Date:
13 March 2008 (online)

Abstract

The fecal microflora of the breast-fed infant consists of nearly 100% Bifidobacteria. The importance of this long-known and unique phenomen is still not clearly understood. Likewise, the presence of lysozyme in the feces of breast-fed infants, which is administered in significant amounts with the human milk is not adequately known. New hints and hypotheses concerning digestion in ruminants are cited. In ruminants Lysozyme c functions as digestive enzyme in the rumen.
Lysozyme causes lysis of the bacterial cell membrane leading to the release of bacterial contents i.e. proteins. The proteins synthesised in bacteria are the main source of nitrogen for ruminants.
The hypothesis is established, that the enormous amounts of Bifidobacteria in the colon of the human newborn can be made of use in a similar way. The lysozyme in the colon of breast-fed infants leads to lysis of Bifidobacteria in connection with tryptic digestive enzymes, in turn leading to release of proteins and protein substances. It has recently been demonstrated that catabolic products of these proteins can be absorbed in the colon. The same group has shown that lysis of Bifidobacteria can take place in the presence of lysozyme in connection with trypsin.

Zusammenfassung

Die Faekalflora des Brustkindes besteht zu nahezu 100% aus sogenannten Bifidusbakterien, ein lange bekanntes und singuläres Naturphänomen, dessen Bedeutung für das Kind noch nicht befriedigend geklärt ist. Das gleiche gilt für die Anwesenheit von Lysozym im Stuhl des Brustkindes, das dem Kind mit der Muttermilch in beträchtlichen Mengen zugeführt wird.
Es werden neue Befunde und Hypothesen über die Magenverdauung der Wiederkäuer zitiert, nach denen bei diesen Tieren das Lysozym c eine Funktion als Verdauungsenzym im Magensystem ausübt. Lysozym lysiert die Bakterienzellmembranen und setzt damit Bakterieninhaltsstoffe, u.a. Proteine frei. Die in den Bakterien synthetisierten Proteine sind die wichtigsten Stickstoffquellen beim Wiederkäuer.
Es wird die Hypothese aufgestellt, daß auch die riesigen Mengen an Bifidusbakterien im Enddarm des Brustkindes von ihrem Träger auf ähnliche Weise nutzbar gemacht werden können, indem das bei Brustkindern im Enddarm ebenfalls anwesende Lysozym in Verbindung mit tryptischen Verdauungsenzymen Bifidusbakterien lysiert und darin enthaltene Proteine und Proteinbaustoffe freisetzt. Neuere Untersuchungen sprechen dafür, daß Abbauprodukte dieser Proteine noch im Dickdarm absorbiert werden können. Es konnte außerdem gezeigt werden, daß Bifidusbakterien von Lysozym in Verbindung mit Trypsin prinzipiell lysiert werden können.
Wenn die hier vorgetragene Hypothese zutrifft, wofür viele Argumente sprechen, ließe sich auch besser erklären, wieso die rasch wachsenden Brustkinder mit so wenig Eiweiß auskommen können, wie es in der Muttermilch tatsächlich vorhanden ist. Es steht ihnen nach dieser Hypothese in Form der Bifidusflora eine Proteinquelle zur Verfügung, mit der man bisher nicht gerechnet hat. Bei dem Phänomen der Bifidusflora des Brustkindes und des fäkalen Lysozyms handelt es sich somit mehr um ein auxiologisches denn ein immunologisches Problem.